Interview
Brian Fallon von The Gaslight Anthem über den gemeinsamen Song mit Bruce Springsteen
Sie sind mit Ihrem neuen Album „History Books“ auf Tour. Es ist das erste Album nach fast zehn Jahren. Warum haben Sie eine so lange Pause eingelegt?
Wir alle hatten die Belastung der ganzen Jahre gespürt. 2015 konnte man als Musiker nicht wirklich sagen: „Hey, ich muss nicht auf Tour gehen. Ich muss erst einmal meine mentale Gesundheit in Ordnung bringen.“ Die Leute hätten einfach sagen können: „Wir gehen zur nächsten Band. Tschüss. Eure Karriere ist vorbei.“ Als wir dann den Stecker gezogen haben, fragten alle: „Warum macht ihr das?“ Nun, damit wir nicht sterben. Damit wir uns nicht hassen, deshalb. Wir wussten, es lag nicht an der Band. Wir wussten, dass es nicht an uns selbst lag. Ich glaube, wir mussten einfach den Erdrutsch stoppen.
„History Books“, dieses Stück über die Kraft des Loslassens von Dingen, die einem nicht mehr dienen, hat also einen persönlichen Hintergrund?
Ich denke, dass Vergebung auf so vielen Ebenen wichtig ist, aber ich habe gelernt, dass man in manchen Fällen die Verbindung zu den Menschen, die einem Schaden zugefügt haben, abbrechen muss.
Spiegelt der Song für Sie auch die Themen des Albums wider: Vergänglichkeit und Transzendenz?
In gewisser Weise ist jeder Song ein Geschichtsbuch – jeder von ihnen erzählt eine Geschichte aus der Vergangenheit und von all den Dingen, die wir hinter uns gelassen haben.
Der Song „History Books“ von der gleichnamigen neuen CD enthält einen Gastauftritt des langjährigen Förderers der Band und legendären Singer-Songwriters Bruce Springsteen. Wie kam der zustande?
Wenn jemand etwas für dich tun will, dann lass es ihn tun. Ich habe Bruce nie um etwas gebeten. Wir haben uns unterhalten und ich sagte, dass wir die Band wieder zusammenstellen und an ein paar Songs arbeiten. Er sagte nur: „Warum schreibst du nicht ein Duett für uns?“ Als er das sagte, ist mein Kopf explodiert. Das war für mich so, als würde ich sagen: „Warum schreibe ich nicht ein Buch für Ernest Hemingway? Warum schreibe ich nicht ein Gitarrensolo für Jimi Hendrix?“ Also ging ich weg und sagte mir: „Na gut, der nächste Song ist für Bruce. Ich werde den nächsten Song für Bruce schreiben. Und ich schrieb ohne Druck. Und am Ende habe ich die Band gefragt: „Welcher Song würde Bruce gut zu Gesicht stehen?“ Alle sagten nur „History Books“. Und dann haben wir es ihm geschickt. Es wird mir nie langweilig werden, dass einer der größten Songwriter der Welt und die Stimme eines meiner Helden für immer in einem Song eingefangen werden, den ich im Oktober an einem kleinen Holztisch in New Jersey geschrieben habe.
Sie haben schon früher davon gesprochen, dass Sie den Prozess des Songwritings nicht wirklich genießen. War das vor diesem Hintergrund auch dieses Mal der Fall?
Früher habe ich es gehasst, weil es so schwer war, denn man muss sich immer wieder fragen: „Bin ich ein Schwindler? Kann ich das tun? Bin ich ein Betrüger?“ Und dabei vergisst man, wie man Songs schreibt. Sogar Paul McCartney hat vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt: „Jedes Mal, wenn ich mich hinsetze, vergesse ich, wie man Songs schreibt“. Ich war sehr ängstlich, und bevor ich mit dem Schreiben begann, ging ich zum Arzt. Und als es dann endlich an der Zeit war, mich hinzusetzen und zu schreiben, fiel es mir viel leichter, meine Gedanken zu sammeln, weil ich nicht die ganze Zeit diese Angst hatte.
Das Album, den Nachfolger von „Get Hurt“ aus dem Jahr 2014, haben Sie mit dem Produzenten und Tontechniker Peter Katis aufgenommen, der schon mit The National gearbeitet hat. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Wir hatten kein Interesse daran, den Sound von The Gaslight Anthem neu zu erfinden. Wir wollten uns selbst treu bleiben, aber auch Peter das tun lassen, was er am besten kann, nämlich die Dinge schön und traurig und lustig und aufregend zugleich klingen lassen.
Der erste Song auf dem Album, „Positive Charge“, entfaltet sich in stampfenden Schlagzeugbeats und verzerrten Gitarren. Ist das nicht ein starker Kontrast zu Ihrer zärtlichen Schilderung Ihrer Kämpfe mit der psychischen Gesundheit?
Eine der Veränderungen, die sich seit dem letzten Album für mich ergeben haben, ist tatsächlich der Besuch bei einem Psychiater. Ich ging dorthin, nachdem ich mich jahrelang wie ein Außerirdischer gefühlt hatte, weil der Alltag so schwer für mich war. Am Ende des Songs, wenn ich sage, „Wie sehr ich dich vermisst habe und es gut ist, am Leben zu sein“, spreche ich zu mir selbst, aber auch zur Band, zu unserem Publikum und allen anderen.
Welche Botschaft verbinden Sie mit dem Album?
Ein großer Teil dieser Platte hinterfragt all die schlechten Dinge, die wir in der Welt sehen, und die schwierigen Dinge, die wir im Leben durchmachen und die Frage, wie wir damit umgehen können. Ich denke, die Antwort ist, dass wir alle zusammen da drinstecken – und das macht es irgendwie okay, auch wenn es alles andere als einfach ist. Die Hauptbotschaft des Albums ist Empathie.
Sind Sie schon mit diesem Vorsatz ins Studio gegangen?
Keiner von uns wollte eine sehr düstere oder ernste Platte machen, die zeigt, wie sehr wir gereift sind. Wir haben uns alle verändert und sind gewachsen und haben so viel gelernt, aber die allgemeine Stimmung war ein Gefühl der Aufregung, wieder zusammen zu sein und Musik zu machen, die uns etwas bedeutet.
Und mit welchem Vorsatz haben Sie das Studio wieder verlassen?
Dieses Album hat uns klargemacht, dass wir weiterhin das machen wollen, was wir schon immer gemacht haben – denn niemand sonst kann es auf dieselbe Art und Weise tun, und das ist etwas, worauf ich inzwischen sehr stolz geworden bin. Am Ende des Tages ist es nur Rock-'n'-Roll-Musik, aber ich glaube wirklich, dass sie einen positiven Einfluss auf das Leben der Menschen haben kann. Ich denke, es steckt so viel Schönheit und Magie darin.
Wie so viele der großen Rockbands hat The Gaslight Anthem die seltene Gabe, im unausweichlichen Schmerz des Lebens Ruhm zu finden. Wie wichtig ist Ihnen dieser Ruhm?
Wenn eine Band irgendeinen Grad an Erfolg oder Popularität erreicht, ist das ein großes Geschenk. Es ist wirklich ein Wunder, dass man mit seiner Kunst seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Dass die Band so weit gekommen ist und man immer noch Inspiration und Verbundenheit in unserer Musik finden kann, ist ein Schatz. Wir freuen uns sehr, zurück zu sein, und wir danken allen Fans, dass sie uns Zeit gegeben haben, uns neu zu formieren.
Info
Sonntag, 30. Juni, 20 Uhr, Saarbrücken, Garage. Vorgruppe: Spanish Love Songs.
CD: „History Books“. zehn Tracks, 41 Minuten, Thirty Tigers/Membran.