Saarbrücken Avi Avital und Ksenija Siderova bei den Musikfestspielen Saar
Die Synagoge in Saarbrücken verwandelt sich am Mittwoch in bei den Musikfestspielen Saar einen Konzertsaal mit hochkarätigem Programm. Dort konzertieren Avi Avital, der als erster Mandolinensolist für einen klassischen Grammy nominiert war mit am Akkordeon. „Mir kam es vor als spiele ein ganzes Orchester“, sagt Festivalleiter Bernhard Leonardy vor dem Konzert, weil er die Gelegenheit hatte, die Probe der Künstler zu hören.
Seit Jahren lässt das Duo Instrumente aufeinander treffen, für die Avi Avital verschiedene Stücke transkribiert hat. Denn Notenliteratur für Mandoline und Akkordeon existiert kaum. Zu hören sind die beiden Sätze von Mozarts „Sonate Nr. 21“ in e-Moll, die fünf Sätze der „Suite italienne“ aus Strawinskys Ballett „Pulcinella“ und Gabriel Faurés „Après un rêve“.
Perfekte Spannungsbögen
Die große Schwierigkeit ist, die beiden Instrumente in Einklang zu bringen, damit sie im Dialog einander nicht überdecken. Das könnte das Akkordeon problemlos, weil es die Töne lang anhalten kann, die sehr klar erklingen. Besonders bei Mozart dürfte dies eine Herausforderung gewesen sein, ist das Stück eigentlich für Klavier und Geige gedacht. Doch diese Balance gelingt den Musikern durch ihre technische Brillanz mit Bravour. Sie präsentieren das Arrangement der Komposition mit perfekt ausgearbeiteten Spannungsbögen. Manchmal glaubt man ein Spinett zu hören, manchmal eine Orgel. Bei Heitor Villa-Lobos „Bachianas Brasilieras No. 5“ verschmelzen in der Arie die Klänge beider Instrumente auf eine Art, dass man gar nicht mehr weiß, woher sie kommen.
Im Grunde nimmt das Duo die ausgewählten Kompositionen als Anleitung, um ganz andere Gefühle zu erzeugen – mal leidenschaftliche, mal voller Sehnsucht. Sie vereinen Folklore und klassische Musik, überwinden die musikalischen Grenzen ihrer Instrumente sowie die der ausgewählten Genres.
Neue Klangwelten
Avi Avitar studierte an der Jerusalem Music Academy und am Conservatorio Gesare Pollini in Padua. Ksenija Sidorova ist in Riga geboren und hat in London studiert. Viele zeitgenössische Werke für Akkordeon sind speziell für sie komponiert. Avi Avital, der in Be’er Sheva im Süden Israels geboren wurde, hat das Repertoire für Mandoline nicht nur durch die Transkription verschiedener Stücke erweitert, sondern auch über 100 Werke in Auftrag gegeben, darunter Konzerte für Mandoline und Orchester von Jennifer Higdon, Anna Clyne und Giovanni Sollima. Dies gilt auch für Ksenija Sidorova, eine leidenschaftliche Verfechterin neuer Musik. Ein Komponist, den beide schätzen, ist Fazil Say, der am 18. Juni bei den Homburger Meisterkonzerten eingeladen ist.
Das Publikum sprüht vor Begeisterung, denn was es da hört, ist einmalig. Im Grunde erobern Avi Avital und Ksenija Sidorova neue wunderbare Klangwelten, in die sie Konzertbesucher hüllen. Die Musikauswahl, die Musiker, die leidenschaftlich, ja hingebungsvoll in der Synagoge, die eine hervorragende Akustik, die der Raum bietet, all das formiert sich zum Gesamtkunstwerk. Rauschenden Applaus erntet Avi Avital, der bei Pablo de Sarasates „Spanischen Tänzen“ den Notenständer beiseite rückt und mit geschlossenen Augen die orientalisch anmutende Weise spielt. Selbst auf der Bühne scheint sich das Duo herauszufordern und musikalisch zu überraschen. Die virtuose Akkordeonistin lässt Avi Avital selten aus dem Blick. Einer der Höhepunkte ist Camille Saint-Saëns’ „Introduction und Rondo Capriccioso“ op. 28, ein Stück, das Ksenija Sidorova brillant mit vibrierenden, fast geschlossenem Balg musiziert.
Enthusiastisch feiern die Zuhörer die Musiker mit Ovationen im Stehen und erreichen eine Konzertverlängerung um mindestens drei Stücke.