Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Austrittswelle: Protestantische Kirche verkauft Karlskirche

Das protestantische Dekanat plant, sich von der historischen Karlskirche zu trennen.
Das protestantische Dekanat plant, sich von der historischen Karlskirche zu trennen.

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, auch in Zweibrücken. Erstmals war die Alexanderskirche an Heiligabend nicht voll. Von der Karlskirche will man sich trennen.

Die Alexanders- und die Karlskirche prägen das Zweibrücker Stadtbild. Jetzt soll die Karlskirche veräußert werden. Die protestantische Kirche hat nicht die Mittel, sie weiterhin zu unterhalten und zukunftsfähig zu machen. „Alle Möglichkeiten der Nutzungserweiterung sind untersucht. Es gibt keine Möglichkeit, die Karlskirche rentabler zu machen. Sie soll veräußert werden“, stellt Dekan Peter Butz klar. Es habe schon „verschiedene Ideen und Gespräche“ gegeben, doch noch sei nichts davon spruchreif. Das Problem bei der Karlskirche: Sie hat keinen Rettungsweg und keinen barrierefreien Zugang. Sehr viel Geld müsste investiert werden, um sie fit für die Zukunft zu machen. Dies könne die Kirche nicht stemmen. Dass sie „städtebaulich erhalten werden muss“, steht auch für Butz außer Frage. Die Karlskirche habe einen hohen Symbolwert.

Alle anderen Gebäude im Dekanat, Kirchen etwa und auch Pfarrhäuser, sollen mit Blick auf Nutzung und Belegung erfasst werden. Dann werde überlegt, welche man noch braucht und auf welche man verzichten kann. Pfarrhäuser zu verkaufen oder zu vermieten sei dabei noch das Leichteste, schließlich seien es Wohnhäuser. „Räume für morgen – kirchliche Gebäude 2030“, nenne sich dieser Prozess, sagt Butz. „Wir lassen das nicht laufen, wir beschäftigen uns mit der Thematik“, versichert der Dekan.

46 Prozent mehr Austritte als im Jahr zuvor

Für das vergangene Jahr hat das Zweibrücker Standesamt für beide Konfessionen zusammen 432 Kirchenaustritte gemeldet. Die amtliche Statistik unterscheidet zwischen den Konfessionen nicht. Die neuen Zahlen verzeichnen 46 Prozent mehr als im Jahr davor, als es 296 Austritte gab. Die Gründe dafür sind vielfältig.

„Wir müssen akzeptieren, dass nicht bei jedem ein Licht aufgeht, wenn er die Botschaft Jesu Christi hört. Und wir müssen akzeptieren, dass wir die Leute nicht zurückholen“, schickt der protestantische Dekan Peter Butz auf Anfrage voraus. Es sei nicht sinnvoll, ängstlich auf die Austrittszahlen zu schauen. Butz: „Ich behaupte nicht, dass wir nichts falsch gemacht hätten. Wir haben die neuen Medien verpennt, halten an alten Strukturen fest, sind ein beamtetes Kirchenwesen mit selbstzufriedener Behäbigkeit.“ Lange hätten die Impulse gefehlt, Kirche anders zu denken.

Alexanderskirche an Heiligabend nicht mehr voll

Die Kirchen werden leerer, und an Heiligabend war die Alexanderskirche erstmals nicht voll besetzt, wie Butz festgestellt hat. Den Rückgang spüre man nicht nur in den städtischen, sondern auch in den ländlicheren Gemeinden wie Wattweiler, Rimschweiler und Mittelbach. In den 15 Jahren, die er in Zweibrücken ist, hat Butz die Veränderung „deutlich gemerkt“. Corona habe die Entwicklung beschleunigt, weil die Leute aus Angst wegblieben oder weil sie sich seither daran gewöhnt hätten, sonntags nicht mehr in den Gottesdienst zu gehen. Es tue den Menschen aber nicht gut, am Sonntag nicht mehr zusammenzukommen. Die Leute bräuchten einen Grund, dabeizubleiben. „Gründe zu gehen haben sie genug.“

Den Menschen „hinterherzulaufen“ und sich anzubiedern, hält der Dekan für keine gute Idee. Eher würde er „mehr Energie reinstecken“, um die Frohe Botschaft zu verkünden. Sich fragen, wie diese „mit Worten und Taten in die Welt transportiert werden kann“. Der Mitgliederrückgang führe auch zu finanziellen Einbußen, weil die Kirchensteuer wegfällt. Dies mache es schwerer, als Kirche etwa die Kosten für Kitas zu tragen. Andere Finanzierungswege müssten gefunden und überlegt werden, was man noch machen kann. „Niemand sagt, er bleibt in der Kirche, damit die Kita erhalten bleibt. Daran denkt bei seinem Austritt keiner“, merkt Butz an.

Dekan: Haben eine neue Normalität

Die Gesellschaft müsse sich davon verabschieden, wieder eine Situation zu erleben wie vor 30 Jahren, als Austritte noch die Ausnahme waren. Peter Butz: „Das wird nicht mehr kommen, wir haben eine neue Normalität.“ Beim Blick in die Vergangenheit zeige sich, dass die Kirche heute nicht mehr die Funktionen von einst habe. Früher sei vieles gelaufen, was nicht unbedingt kirchlich sein musste. Zum Beispiel sei man im Bliesgau zur evangelischen Jugend gegangen, weil es sonst nichts gab im Dorf. Da seien noch viele in die Kirche gegangen. Die Frage sei nur, mit welcher Motivation – und ob dies alles aus tiefer christlichen Überzeugung geschah.

Als zweiten Grund für die Vielzahl an Austritten sieht Butz, „dass die Kirche auf die digitale Revolution ganz wenig reagiert hat“. Zuerst habe sie diese nicht wahrgenommen, dann unterschätzt. Der Dekan: „Wir haben nicht gemerkt, wie sich die öffentliche Kommunikation auf neue Medien und Formate verändert.“ Corona habe diese Entwicklung beschleunigt. Auch wenn es in der Kirche Ansätze gebe, „sind wir hintendran“. Nicht umsonst sei das Dekanat auf der Suche nach einem Medienschaffenden mit kreativen Ideen. „Wir brauchen nicht nur Theologen“, weiß Butz.

2025 sinkt die Anzahl an Gemeindepfarrstellen

Die Gemeinden werden kleiner, die Pfarrer weniger. Das hat Konsequenzen für die Gemeinden vor Ort. In Zukunft wird nicht mehr jede Ortsgemeinde einen eigenen Pfarrer haben. Die Pfarrer werden in Teams arbeiten; nicht in jeder Gemeinde wird man mehr das ganze Spektrum kirchlicher Arbeit anbieten können.

Derzeit hat das protestantische Dekanat Zweibrücken, das sich von Rieschweiler bis nach Saarbrücken-Ensheim erstreckt, 19 Gemeindepfarrstellen. Ab 2025 sollen es nur noch 16 sein. Dekan Peter Butz: „Der Kirchenbezirk wird dann in drei Regionen unterteilt und in jeder gibt es eine Stelle weniger.“ Die verbleibenden Pfarrstellen sollen „Teams bilden, die der Region zugeordnet werden, nicht den Pfarrstellen“. Es werde Dienstbeschreibungen geben, welche Orte welche Tätigkeiten ausüben, denn nicht alle müssten alles machen. Da auch die Anzahl an Konfirmanden abnehme, könne man etwa die Konfirmandengruppen zusammenlegen.

„Jeder weiß aber, für welche Kirchengemeinde er zuständig ist, damit die Leute auch eine Bezugsperson haben“, erklärt Peter Butz. Für jede Region sei ein zentrales Büro geplant, ein „kommunikativer Mittelpunkt“.

Doch nicht nur ein Mangel an Hauptamtlichen sei absehbar, auch die Ehrenamtlichen würden immer weniger. Viele von diesen seien „frustriert und erschöpft“. Schon bei der jüngsten Presbyterwahl sei es sehr schwierig gewesen, genug Kandidaten zu finden. Im Januar werde über die Zukunft des Dekanats beraten, im Mai sollen erste Beschlüsse vorgestellt werden, kündigt Butz an.

Stichwort: Karlskirche in Zweibrücken

Benannt wurde die Karlskirche nach König Karl XII. von Schweden (1682 - 1718), der zugleich Herzog von Zweibrücken war. Der Monarch ließ von dem aus Schweden stammenden Baumeister Haquinus Schlang eine lutherische Kirche in Zweibrücken errichten, weil er lutherischen Glaubens war. Die Anfang des 15. Jahrhunderts fertiggestellte Alexanderskirche war eine reformierte Kirche. Gebaut wurde die Karlskirche von 1708 bis 1715. Von 1733 bis 1858 diente das Gotteshaus als Hofkirche.

Als am 14. März 1945 Bomben auf Zweibrücken fielen, wurde auch die Karlskirche fast vollständig zerstört. Fast 20 Jahre lang blieb sie eine Ruine. Erst 1964 wurde mit dem Wiederaufbau der Kirche nach den Originalplänen begonnen. Dabei hat man in Höhe der ehemaligen Emporen eine durchlaufende Decke eingezogen. Im Erdgeschoss befinden sich seither Gemeinderäume und im Obergeschoss der Kirchenraum. Am 1. November 1979 wurde die Kirche feierlich neu eingeweiht.

Dekan Peter Butz
Dekan Peter Butz
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