Interview
Andrea Sawatzki: Plädoyer für ein würdevolles Älterwerden
Sie sind, ebenso wie ihr Mann Christian Berkel, durch den Film bekannt geworden. Inzwischen schreiben Sie beide. Wer hat wen dazu inspiriert?
Ich habe, glaube ich, vor zwölf, 13 Jahren damit angefangen und hatte ja dann auch das Glück, dass die „Familie Bundschuh“, also meine fünf Romane, den Weg zum ZDF gefunden haben und verfilmt wurden. Die letzten Folgen haben wir auch ohne Romanvorlage verfilmt. Mein Mann schreibt erst seit – ich weiß es gar nicht genau – fünf, sechs Jahren. Er hat aber immer schon gerne und gut geschrieben, aber eher für sich. Und ja, wir finden beide, dass das Schreiben eine sehr spannende Ergänzung zur Schauspielerei ist, weil es auch hier um Menschen geht, um Leben, um Konflikte, Tragödien oder lustige Begebenheiten. Also ich kann das beides sehr gut miteinander verknüpfen.
Ist dann die Schauspielerei das Standbein und das Schreiben das Spielbein?
Standbein, Spielbein – so könnte man es bildlich gesprochen sagen, wobei das Schreiben ja eher ein Sitzbein ist.
Spielbein hat auch etwas von Leichtigkeit, von Kür. Ist Ihnen das Schreiben ihres aktuellen Romans „Biarritz“ schwer gefallen?
Ich habe für „Biarritz“ drei Jahre und zwölf verschiedene Anläufe gebraucht, weil ich einfach nicht weiterkam. Der Roman ist ja so eine Mutter-Tochter-Beziehung, in der wir im realen Leben sehr viel miteinander durchgemacht haben. Und ich habe während des Schreibens gemerkt, dass irgendwo immer noch so ein Groll meiner Mutter gegenüber existierte. Den bin ich nicht losgeworden, bis ich mir die Biografie meiner Mutter noch einmal vor Augen geführt habe und versucht habe, meine Mutter wirklich kennenzulernen und zu verstehen, warum sie der Mensch geworden ist, der sie war. Das war quasi das Schlüsselchen, um zu ihr zu finden. Also diesen Menschen ohne Vorurteile zu sehen, mit all den einschneidenden Erlebnissen, die sie in ihrem Leben hatte. Ihr Verhalten dadurch zu begreifen, war für mich äußerst spannend.
Wie tief lassen Sie im Roman den Leser in Ihre und die Privatsphäre Ihrer Mutter eintauchen?
„Biarritz“ und „Brunnenstraße“, also der Roman davor, sind autobiografische Romane. Ich habe mir gedacht, wenn ich mich schon zu so etwas aufmache, dann muss es auch wahr sein. Was auch daran liegt, dass es so viele Menschen heutzutage gibt, die Ähnliches erlebt haben oder erleben, gerade was die Pflegesituation betrifft, mit all den Schmerzen, mit all den Entscheidungsängsten, mit den Schuldgefühlen. Das ist etwas, was so viele Leute kennen. Das stelle ich auch bei meinen Lesungen fest, wo sich oft traurige, aber auch durchaus tröstende Gespräche ergeben. Deswegen war es mir auch ein Bedürfnis, den Menschen zu zeigen, dass wir alle nicht allein sind. Demenz oder Alzheimer kommen in fast jeder Familie vor. Also lasst uns darüber sprechen.
Inwieweit lassen Sie beim Schreiben auch eigene Verletzlichkeit zu?
Das bleibt ja nicht aus. Wobei ich finde, dass autobiografisch immer auch ein schwieriges Wort ist, weil uns unsere Erinnerung immer trügt. Also wirklich eins zu eins ist es ja nie, wenn man sich an etwas erinnert. Gerade wenn ein Ereignis viele, viele Jahre zurückliegt. Das kennt jeder von sich: Wenn man Geschichten erzählt, dann verändern sie sich manchmal im Lauf des Lebens, weil mal ja jeden Tag etwas Neues erlebt und das dann irgendwann auch so ein bisschen verschwimmt. Aber natürlich bleiben die Verletzungen. Und das ist ja auch ein wichtiger Punkt, um sich mit den Leserinnen und Lesern auszutauschen, weil die das ja auch kennen.
Sie bieten also nicht nur eine Lesung an, sondern laden das Publikum auch zum Gespräch ein?
Ich mache es immer so, dass ich etwa eine Dreiviertelstunde vor der Lesung im Foyer signiere, wobei viele Gäste schon mit mir sprechen. Und auch nach der Lesung kommen immer Leute zu mir und erzählen mir ihre Geschichten, die sie gerade erleben und natürlich auch von ihren Ängsten.
Wenn Sie Ihre eigenen Texte laut lesen, erleben Sie die dann in einer gewissen Art und Weise neu?
Ja, schon. Die Bilder kommen dann schon immer wieder zurück. Deswegen sind auch die Lesungen zu „Biarritz“ anders als die humorvollen Lesungen für die „Bundschuhs“. Sie bedeuten auch immer eine Art Überwindung – wobei ich schon versuche, auch diese Lesungen möglichst humorvoll zu umrahmen.
Welche Reaktionen haben Sie bis jetzt erlebt, die Sie besonders berührt oder überrascht haben?
Es sind durchweg sehr positive und schöne Reaktionen. Und ja, sehr viele Zuhörer und Zuhörerinnen haben das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Deshalb habe ich immer das Gefühl, mit diesem Roman etwas aufbrechen zu können, etwas, was manche Leute ganz fest verschlossen halten oder wo sie sich ganz allein fühlen, worüber sie nicht sprechen wollen, womit sie gar nicht erst in Kontakt kommen wollen, weil es zu weh tut. Und dann ist es schön zu sehen, wie sie sich öffnen, wie das Gefühl wächst, dass es anderen auch so geht. Die Pflegesituation ist wirklich ein gesellschaftliches Problem, das ich bei meiner Mutter viele Jahre miterlebt habe. Ich finde, es gäbe bessere Möglichkeiten, den Senioren und Seniorinnen würdevolle letzte Lebensjahre zu schenken. Aber das versandet in der Bürokratie. Da muss sich dringend etwas ändern - deswegen bin ich auch so fleißig auf Lesereise.
War es für Sie als Schauspielerin schwierig, sich auch als ernsthafte Autorin zu etablieren?
Ich hatte mit den „Bundschuhs“, über die ich ja fünf Romane geschrieben habe, eine Steilvorlage, weil sie verfilmt wurden. Das ist so ineinander geflossen. Und mit „Brunnenstraße“ und „Biarritz“ ist es schon so, dass man mich, glaube ich, inzwischen respektiert. Die „Bundschuhs“ waren noch reine Unterhaltung. Und für die beiden letzten Romane habe ich meinen Schreibstil schon sehr verändert. Es wurde jetzt aber noch nicht kritisiert, dass ich das nicht könnte.
Familie ist Ihr durchgängiges Thema von den „Bundschuhs“ bis zu „Biarritz“.
Ja, alle meine Bücher handeln von Familie. Das ist mir gar nicht so aufgefallen, bis mich vor kurzem jemand darauf angesprochen hat. Lustigerweise habe ich es nicht bemerkt, dass da wohl tatsächlich großer Nachholbedarf bei mir herrscht.
Apropos Familie. Sprechen Sie zu Hause über Ihre Bücher und die Arbeit daran?
Nein. Wenn wir schreiben, ziehen wir uns total zurück. Unsere härtesten Kritiker sind tatsächlich die Lektoren. Mein Lektor ist sehr streng, was mich auch manchmal nervt. Ich denke, „boah, das war doch jetzt okay. Jetzt muss ich da noch mal ran“. Aber er hat dann am Ende doch immer recht. Mein Mann und ich lesen unsere Bücher tatsächlich erst, wenn sie gedruckt sind. Vorher sprechen wir auch nicht darüber, wir sprechen auch nicht darüber, wenn wir einen Film drehen, es sei denn, es sind die Projekte, die wir gemeinsam machen–also die Filme, die wir gemeinsam drehen oder die wir produzieren oder produzieren wollen. Im Augenblick versuchen wir gerade „Brunnenstraße“ als Film zu produzieren. Da sprechen wir natürlich intensiv darüber.
Welchen Einfluss hatten Sie auf die Verfilmung Ihrer „Bundschuh“-Bücher?
Da wurde mir schon große Freiheit gegeben. Ich durfte zum Beispiel Axel Milberg und Eva Löbau besetzen. Es lag mir irgendwie am Herzen, dass die beiden das spielen. Ansonsten ist es ja schon so, dass man einen Drehbuchautor oder eine Drehbuchautorin hat, die dann natürlich ihre eigene Geschichte daraus machen. Da muss man sich dann auch damit abfinden, dass die Geschichten manchmal eben nicht auf Norderney spielt, sondern auf Mallorca.
Würde es Sie nicht reizen, das Drehbuch selbst zu schreiben?
Ich glaube, ich bin dazu nicht begabt, weil es ja diese zeitliche Einschränkung gibt, dass der Film in 90 Minuten erzählt sein muss.
Welches Buch liegt bei Ihnen gerade auf dem Nachttisch?
Das ist ein Thriller, obwohl ich eher Familiendramen oder Autobiografien lese. Es ist der „Gott des Waldes“ von Liz Moore – ein sehr dickes Buch, das ich mir schon letztes Jahr gekauft, es dann aber irgendwie liegen gelassen habe. Das Buch gehörte zu Barack Obamas Sommer-Leseliste, und da dachte ich, wenn Obama das gut findet, dann lese ich das jetzt auch. Und es ist tatsächlich wahnsinnig toll geschrieben und unheimlich spannend.
Zur Person
Andrea Sawatzki, geboren 1963, zählt zu den beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands, die durch die Fernsehreihe „Tatort“ als Frankfurter Oberkommissarin Charlotte Sänger und als Gundula Bundschuh in der, nach ihren Romanen gedrehten ZDF-Komödienreihe „Familie Bundschuh“ bekannt wurde. Auch als Autorin hat sie sich mit mehreren Bestsellern einen Namen gemacht. Sawatzki lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Christian Berkel, in Berlin.
Lesung
Andrea Sawatzki: "Biarritz". Lesung beim Lese-Festival Saar. Samstag, 13. Juni, 20 Uhr, Saarlouis, Theater am Ring. Karten: ticket-regional.de