Zweibrücken
Abiturienten: Japan-Flair für den Schlossplatz
„Klar, um das alles zu verwirklichen, würde eine Menge Geld gebraucht. Aber hier nutzen unsere jungen Erwachsenen einfach mal die Gelegenheit, ihre Zukunftsideen für ihre Stadt zu äußern, die sie heute beschäftigen.“ Marco Hartmann, Lehrer im Leistungskurs Erdkunde am Helmholtz-Gymnasium (HHG), ist sich darüber im Klaren, dass so mancher Vorschlag, den seine Abiturienten da ausgearbeitet haben, wortwörtlich Zukunftsmusik ist. Am Mittwochmorgen stellten die baldigen Schulabgänger in der HHG-Mehrzweckhalle ihr Projekt „Zweibrücken 2040 – unsere Stadt, unsere Zukunft“ vor.
„Die meisten schriftlichen Abi-Prüfungen sind geschrieben; jetzt dauert es ein paar Wochen, bis das Mündliche drankommt.“ In diesem Zeitraum des „Schwebezustands“, erzählt die Schülerin Romy Gensheimer der RHEINPFALZ, hat sich der LK Erdkunde einen Monat lang Gedanken darüber gemacht, wie Zweibrücken aussehen könnte, wenn die jungen Leute Anfang 30 sind. Die 16 Abiturienten haben sich in Gruppen aufgeteilt, um im Rathaus Wirtschaftsdaten und Einwohnerstatistiken abzufragen, um in der Stadt die schönen und weniger attraktiven Ecken zu fotografieren und ihre Vorschläge für ein lebenswertes Zweibrücken mit KI-Grafiken zu visualisieren.
Mit dem Klimawandel leben
„Das ist schon krass, wenn man sieht, in welche Bilder die Künstliche Intelligenz unsere Gedanken verwandelt“, staunt die Zweibrückerin Romy Gensheimer noch immer. Ihre Mitschülerin Emma Sander aus Rosenkopf findet beim Blick auf die KI-Grafiken, „dass eigentlich doch gar nicht so viel fehlt. Ein paar Blumenkästen und Cafés – da wäre schon viel gewonnen.“
Eine führende Rolle haben die jungen Leute in ihrer Arbeit dem Umgang mit dem Klimawandel zuerkannt, der ihr Leben in den kommenden Jahrzehnten prägen wird. Julia Kiefer warb in ihrem Vortrag für begrünte Fassaden, Sonnenkollektoren auf den Dächern und für mehr Natur auf den heute noch zugepflasterten Stadtplätzen. Auch sie hat eine KI-Grafik genutzt, um klarzumachen, was sie meint. Zum Beispiel wird da der Schlossplatz zu einer Art Japanischer Garten: Das virtuelle Panorama aus Wasserflächen mit bepflanzten Ufern, Bäumen und hölzernen Stegen vor dem Herzogsschloss lässt die heutige Betonwüste kaum wiedererkennen.
„Seniorenresidenz Himmelsberg“
Manche Idee wirkt radikal. Warum, so fragte Lena Schmidt, soll man nicht das brach liegende Evangelische Krankenhaus mit Pflanzen überwuchern lassen und das Bauwerk zur „Seniorenresidenz Himmelsberg“ umfunktionieren? „Wir brauchen künftig mehr altersgerechten Wohnraum“, schrieb die Abiturientin den Rathaus-Oberen von 2026 ins Stammbuch. Und die Jugend? „Die wandert seit Jahren ab“, fordert Lena Schmidt mehr Lebensqualität für ihre Altersgruppe. „Uns fehlen Gaststätten, schicke Läden. Und ein Nachtleben gibt’s überhaupt nicht.“ Romy Gensheimer präsentierte ein KI-Bild, das das heute so triste Industrierelikt Dorndorf als bunt aufgepeppte, neonleuchtende Club-Location im Jahr 2040 zeigt.
Auf das Bauen von Luftschlössern beschränken sich die Helmholtz-Abiturienten aber nicht. Im Rathaus haben sie recherchiert, dass heute nach wie vor jeder dritte Zweibrücker Arbeitsplatz im produzierenden Gewerbe angesiedelt ist, gefolgt von 21 Prozent in Handel, Gastronomie und Verkehr. Mit 44 Prozent nimmt das Dienstleistungsgewerbe den Löwenanteil am Job-Angebot ein. Damit Zweibrücken auch 2040 noch ein leistungsfähiger Wirtschafts- und Arbeitsplatzstandort sein kann, sei angesichts rückläufiger Einwohnerzahlen das Anwerben in- und ausländischer Fachkräfte unabdingbar.
Mehr Wohnraum, mehr Spielplätze
Denn schließlich sei Zweibrücken ein attraktiver Wohnort. Im Vergleich zu anderen Städten sei hier die Verkehrsbelastung eher gering. Punkten könne man mit funktionierenden Buslinien, es gebe viele Sport- und Freizeitangebote und eine gute Zuganbindung etwa an Paris oder Mannheim. Die Trasse nach Homburg wird demnächst wiederbelebt.
Als problematisch bewerten die Schüler unter anderem ein eher schlechtes Erscheinungsbild des Hauptbahnhofs, Müll im Stadtbild und das Fehlen von öffentlichen Toiletten. Wege in die Zukunft, so Lena Schmidt, könnten die Wiederbelebung beziehungsweise Umnutzung leerstehender Geschäftsräume sein und die Schaffung weiteren Wohnraums. Wünschenswert seien mehr Spielplätze und öffentliche Gemeinschaftsgärten, mehr Sicherheit und Sauberkeit in der Stadt sowie Integrationshilfen für ausländische Kinder durch geschultes Personal.
Vorschlag: Eine Abgabe auf Gebäude-Leerstände
Die HHG-Abiturienten empfehlen, die nötigen Finanzen für die vielfältigen Vorhaben etwa durch eine Art Steuer auf leerstehende Immobilien zu erwirtschaften, durch das Gründen von Genossenschaften, die Akquise von Investoren und Sponsoren, private Patenschaften für Beete und nicht zuletzt durch zusätzliche Investition in Solarpanels, deren Stromeinspeisung Geld in die Stadtkasse spüle.
„Zweibrücken bietet zahlreiche Möglichkeiten, um eine nachhaltige Entwicklung stadtplanerisch zu realisieren“, lautet ein Fazit des Erdkunde-Leistungskurses. Die Innenstadt müsse unbedingt attraktiver werden und die über die Region hinaus strahlende Magnetwirkung des Fashion Outlets auch für sich nutzen. Die Stadtplanung, so die Schüler abschließend, müsse sich noch mehr an die globale Erwärmung anpassen, die heute schon vor Ort zu extremen Wetterereignissen wie Hochwasser führe.