Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Per App 500 Jahre zurück und auf Martin Luthers Spuren wandeln

Die Technologie der Augmented Reality macht es möglich, die Stadt aus der Perspektive von vor 500 Jahren zu erleben.
Die Technologie der Augmented Reality macht es möglich, die Stadt aus der Perspektive von vor 500 Jahren zu erleben.

Wie war das wohl, als Martin Luther im April 1521 auf dem Wormser Reichstag vor Kaiser Karl V. stand? Mit einer App lässt sich das jetzt nachempfinden. In einem 70-minütigen Rundgang wird man um 500 Jahre zurückversetzt, um Luthers Spuren zu folgen. Wir haben es ausprobiert.

Wenn Sie demnächst durch Worms laufen und auf Menschen stoßen, die gebannt auf ihr Smartphone starren, während sie es wild in die Höhe und von einer Seite zur anderen schwenken, könnte es an der neuen „Luther“-App liegen. Denn wie von Geisterhand verschmelzen an sechs Standorten in der Innenstadt Gegenwart und Vergangenheit. Das Zauberwort heißt Augmented Reality. Mit dieser Technologie geht es zurück ins Jahr 1521. Gebäude und Personen aus dieser Zeit erscheinen im Jetzt. „Luther ist in Worms immer ein Thema, im Jubiläumsjahr natürlich ganz besonders“, sagt David Maier, Kulturkoordinator der Stadt. „Die App widmet sich dem Phänomen Luther mit neuen technischen Möglichkeiten.“

Gestaltet wurde die Applikation als Ergänzung zu der vor wenigen Wochen erschienenen Gästeführer-App „Worms erleben“, die bereits drei verschiedene Stadtrundgänge anbietet. Erneut hat dafür die Stadt mit der Hochschule Worms zusammengearbeitet. Beteiligt waren der Fachbereich Informatik von Professor Alexander Wiebel und der Fachbereich Touristik/Verkehrswesen von Professor Jan Drengner. Von der Ideenfindung im Februar 2018 an war die Entwicklung der „Luther“-App als Studentenprojekt angelegt.

Programmierarbeit von Studenten

„Etwa 90 Prozent der Programmierarbeit stammt von unseren Studierenden“, betont Wiebel. „Neben dem normalen Studiumsbetrieb konnten wir so praktische Berufserfahrung sammeln“, berichtet Informatikstudent Minh Son Truong, von dem ein Großteil der Grafiken stammt. Die historischen Figuren wurden von dem Frankenthaler Cartoonisten Dennis Hauck gezeichnet, der mit ins Boot geholt wurde.

„Wir haben versucht, das damalige Geschehen in eine gezeichnete Geschichte zu verpacken, um den Nutzern ein möglichst authentisches Erlebnis zu bieten. Stilistisch ähnelt das einer Graphic Novel“, sagt Touristik-Professor Jan Drengner, der die Texte beigesteuert hat. Die Augmented-Reality-Technologie ermögliche es, die gezeigten historischen Gebäude und Personen in die realen Orte zu platzieren, erklärt der Informatiker Wiebel. „Die Herausforderung war, die Gebäude nicht irgendwo an beliebigen Stellen erscheinen zu lassen, sondern genau dort, wo sie vor 500 Jahren gestanden haben.“

Wissen zu Geschichte und Reformation

Und so taucht an der Ecke Kämmererstraße/Friedrichstraße die Martinspforte auf, die dort längst nicht mehr steht. Doch exakt an dieser Stelle erwarten auf dem Bildschirm Leute in Gewändern des frühen 16. Jahrhunderts Luthers Ankunft in der Stadt. Sie unterhalten sich über den Mönch und seine Schriften. Sie fragen sich: Wird er diese widerrufen oder standhaft bleiben und sich der Ächtung aussetzen? App-Nutzer sollten auf jeden Fall rechtzeitig zur Seite gehen, um nicht von Luthers Kutsche „überfahren“ zu werden.

Für den Rundgang orientiere sich die App an den Luther-Stelen in der Innenstadt, erklärt Drengner. „Über die GPS-Funktion des Handys werden die Nutzer von Standort zu Standort gelotst.“ Los geht es am Luther-Denkmal, wo man erst einmal mit jeder Menge Hintergrundwissen über die Reformation und die historischen Geschehnisse jener Zeit versorgt wird. Weiter geht es zu Luthers Stationen in der Stadt, zum Beispiel zum ebenfalls nicht mehr existierenden Johanniterhof in der Kämmererstraße, wo der Reformator übernachtet hat.

Blättern in Luthers Originalschriften

Höhepunkt sind natürlich die Szenen vor dem Reichstag, der auf dem Gelände des heutigen Heylshofparks stattgefunden hat. Der historischen Überlieferung nach wurde Luther dort am 17. und 18. April 1521 verhört und formulierte am Ende seinen epochalen Widerspruch gegen Politik und Kirche. Die App-Nutzer können sogar in einigen seiner Schriften blättern, die Gegenstand des damaligen Verfahrens waren.

Zum Schluss noch ein Tipp: Wer sich in die Comic-haften Geschichten vertieft und flotten Schrittes der Navigation seines Smartphones oder Tablets folgt, sollte ab und zu den Blick vom Bildschirm nehmen. Man könnte sonst unbeteiligte Passanten anrempeln.

Noch Fragen?

Die neue „Luther“-App ist wie die Gästeführer-App „Worms erleben“ in den App-Stores für IOS- und Android-Endgeräte erhältlich.
Die App lässt die längst zerstörte Martinspforte wieder entstehen und zaubert Menschen ins Bild, die auf Luther warten.
Die App lässt die längst zerstörte Martinspforte wieder entstehen und zaubert Menschen ins Bild, die auf Luther warten.
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