Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Neues Leben für „Freilichtmuseum“ Domquartier

Grün bestimmt bereits heute das Wormser Domquartier – und es soll noch mehr werden.
Grün bestimmt bereits heute das Wormser Domquartier – und es soll noch mehr werden.

„Stadtbildstörende Zweckbauten, spröde, nüchterne Architektur“: So fasst Stadtplaner Torsten Becker den Ist-Zustand im Wormser Domquartier zusammen. Das soll sich nach dem Wunsch der Stadtverwaltung in den nächsten zehn Jahren ändern – dank Fördergeldern. In drei Schritten wollen die Verantwortlichen bestehende in neue „Stadtbausteine“ umwandeln.

Wohnungsnot und schneller Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Anpassung der Innenstädte an ein zunehmend hohes Verkehrsaufkommen – das forderte auch in Worms seinen Tribut. Der von der Stadt beauftragte Stadtplaner Torsten Becker hat die Schwächen des Domquartiers analysiert: unattraktive Bauwerke, Gefahrenstellen im öffentlichen Raum, zu viel Kraftfahrzeugverkehr und Hitzeinseln als Folge der starken Innenstadtversiegelung.

Gleichzeitig sei das Gebiet aber auch ein „architektonisches Freilichtmuseum“ mit historischen Bauten wie Magnuskirche, Andreasstift, dem ehemaligen Weingut Valckenberg oder der Neusatzschule sowie wichtigen Straßen und spannenden Platzräumen. Aber eben auch mit vielen Mängeln.

Einen möglicherweise massiven Eingriff haben die Planer für den ersten Schritt im Blick: die langjährigen Leerstände Andreasquartier und Hochstift. Das Andreasquartier, ein Behördenbau der Nachkriegszeit gegenüber dem Dom, beherbergte ursprünglich Gesundheits- und Katasteramt. Pläne einer Wiedernutzung gab es einige – ob als Rathaus II, als Hotel oder Wohnraum. Alle verliefen im Sand.

„Grünes Entrée“

Vor zehn Jahren fusionierten das Klinikum Worms und das evangelische Hochstiftkrankenhaus, die medizinische Versorgung konzentrierte sich auf den Standort Worms-Herrnsheim. Die Folge: Leerstand des Hochstifts. Der ehemalige Krankenhauskomplex umfasst drei verbundene Häuser und einen einzelnen Gebäudeteil. Letzterer ist bereits umgenutzt für die Volkshochschule und eine Hospizstation. Doch vor allem ein in Richtung des Jüdischen Friedhofs Heiliger Sand „ausgewucherter Gebäudebestand“ des mehrfach erweiterten Krankenhausbaus ist Becker ein Dorn im Auge. Es sei für aus Richtung A61 kommende Besucher ein unattraktiver Stadteingang und sollte einem „grünen Entrée“ Platz machen, regt er an. Damit lasse sich dann auch eine geforderte Pufferzone zum Welterbe Heiliger Sand verwirklichen.

Für Hochstift und Andreasquartier ist nun im kommenden Jahr ein Wettbewerb der Ideen und Investoren vorgesehen. „Ergebnisoffen“, wie Becker auf Nachfrage unterstreicht. Vorgaben soll es keine geben, auch wenn der Stadtplaner dort gerne Wohnraum schaffen würde. Generell gelte, „wir legen Wert auf hohe Qualität und dass dort Leben entsteht“, betont er. Das beste Konzept erhalte den Zuschlag. Ebenfalls in einer ersten Phase ab 2025 sollte baldmöglichst geklärt werden, ob es möglich ist, den weitläufigen Garten des Museums Andreasstift barrierefrei zu erschließen und als grünen Rückzugsort aufzuwerten.

Neusatzspielpark als Klimaort

Ab etwa 2028 stehen Hochbauarbeiten an. Idee ist es, den versiegelten Schulhof der Neusatzschule – im 19. Jahrhundert vom damaligen Stadtbaumeister Karl Hofmann im sogenannten Nibelungenstil errichtet – in einen Spielpark umzuwandeln. Dabei sei an einen quartiersoffenen Spielpark mit Bewegungsangeboten für Klein und Groß sowie klimaangepasster Gestaltung wie Schattenelementen und Wasserspielen gedacht, so Torsten Becker. Gerade wenn in den Arealen Andreasquartier und Hochstift Wohnraum entstehe, sei es für Familien wichtig, dass sich Kinder wohlfühlen und spielen könnten, beschreibt Becker die Vorzüge des Parks.

Die letzte Phase, das gesamte Quartier im öffentlichen Raum attraktiver, lebens- und möglichst auch wohnfreundlicher zu gestalten – soweit es die bestehende Bebauung eben auch zulasse – könnte ab 2031 anstehen: Einzelne Straßen, Plätze und Flecken sollen dann aufgehübscht werden. Das heißt, kurzfristig könnten Beckers Angaben zufolge nur Wegstrecken verändert beziehungsweise begrünt werden, um „mehr Qualität“ in die Anlage zu bringen.

Konkret sollen enge und hohe Bürgersteige entfallen und ein barrierefreies, niveaugleiches Wegenetz entstehen. Straßen und Plätze sollen verbunden, Straßenbreiten verringert, Übergänge entschärft und auf mehr Grün mit Bäumen und Beeten sowie zusätzlich auf komfortable Sitzmöbel gesetzt werden. Möglich seien auch Wasserspiele als attraktiver Aufenthalts- und Rückzugsort bei Hitze – etwa am Schlossplatz.

Was die Planer allerdings nicht beeinflussen können, ist eine von Becker angeregte Belebung des Quartiers, etwa durch Nutzung des Heylsschlösschens am Dom.

Die räumliche und finanzielle Basis

Das Domquartier rund um den Wormser Petersdom schließt im Süden das ehemalige Hochstiftkrankenhaus ein, im Westen den jüdischen Friedhof Heiliger Sand und ein Stück Lutherring bis zur Stephansgasse im Norden, im Osten den Rathausbezirk mit Marktplatz und Dreifaltigkeitskirche sowie die Hagenstraße als Stadtentrée für Busreisende, beschreibt der von der Stadt beauftragte Stadtplaner Professor Torsten Becker das Areal mit rund 19 Hektar Fläche. Stünden im betroffenen Quartier Kultur und soziale Einrichtungen im Vordergrund, gehe das Domquartier im Norden in die Einkaufs-Kernstadt über.

Mit bewilligten Städtebaufördermitteln von 16 Millionen Euro – entspricht 90 Prozent Förderung– muss die Stadt rund 1,8 Millionen der Kosten tragen plus mögliche nicht förderfähige Wünsche finanzieren. Aufgrund der Fördermittel vorgegeben, seien, so Becker, die Handlungsfelder Wohnen und Arbeiten, Bildung, Kultur und Tourismus, klimaangepasste Stadträume und quartiersgerechte Mobilität – wobei kein Verkehrskonzept geplant werde, sagte Becker auf Nachfrage. Das Gebiet solle jedoch verkehrsberuhigte Zone werden. Bis 2035, so das Ziel, soll das Gebiet attraktiver und lebendiger für Bürger und Besucher werden. Der letzte Förderantrag müsse 2032 gestellt, bis 2035 müsse gebaut oder umgestaltet sein.

Das 19 Hektar große Areal des Domquartiers im Stadtplan Worms.
Das 19 Hektar große Areal des Domquartiers im Stadtplan Worms.
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