Speyer Zum Essengehen verführt

Befürchtungen wegen des späten Kerwetermins waren dieses Jahr für Veranstalter, Teilnehmer und Beschicker unbegründet: Rechtzeitig zur Eröffnung am Freitagnachmittag mit der Jagdhornbläsergruppe der Kolpingsfamilie und den Kindern der Kita St. Kunigunde kam über Dudenhofen die goldene Oktobersonne heraus. Gegen alle Wetterregeln feiert die Gemeinde seit 136 Jahren Mitte Oktober Kirchweih.
Bürgermeister Peter Eberhard sagte in seiner Begrüßung zur Geschichte des Datums: „Die Kirche steht seit 1770 an derselben Stelle, 1877 wurde der heutige (alte) Kirchturm fertiggestellt, und am dritten Sonntag im Oktober 1878 wurde die neue Kirche vom damaligen Bischof, gerade im Amt, geweiht.“ Mindestens 100 Jahre soll das noch so gehen: „Mit der aktuellen Sanierung des Gotteshauses plus neuem Turm ist dafür der Grundstein gelegt“, so Eberhard. Dass die Kerwe zum fünften Mal rund um den Pfarrhof angesiedelt war, wertete er als weiteres gutes Omen. Menschlich verständlich, dass der Bürgermeister bei so viel Kerwefreude scherzte: „Vielleicht beschert uns die Klimaveränderung künftig jedes Jahr so tolles Wetter.“ Eberhard kramte noch mehr in Erinnerungen: Als Kind und auch als junger Erwachsener habe man sich früher riesig auf die Kerwe gefreut. „In vier Sälen wurde getanzt, am heutigen Konrad-Adenauer-Platz war ein Vergnügungspark aufgebaut, der sich sehen lassen konnte. Kinderkarussell, Schiffschaukel, großes Karussell, Autoskooter, drei Gutselstände, Spielbuden sorgten dafür, dass Träume erfüllt wurden.“ Dazu gab’s auf dem heimischen Küchentisch wie sonst nur an besonderen Feiertagen Rouladen, Lende oder Kotelett. Nach der Kerwe dann wieder die Alltagskost: „Gebredelte mit Lewwer- und Grieweworscht.“ Ab und zu sei das auch was Feines, findet der Bürgermeister. An diesem Kerwewochenende 2014 verführten der Jugendförderverein Ganerb, der Fußballverein, der Pfarrgemeinderat sowie Geflügelzuchtverein, Kirchenbauverein, katholische Frauen und Gaststätten zum Essengehen. In der Hoffnung, möglichst viele Besucher zu treffen, sah Peter Eberhards persönliches Kerwedienst-Programm so aus: Freitag Weinlesefest mit der Blaskapelle, Samstag musikalischer Abend mit Bernd Litzel, Samstag und gestern Seniorenmesse, verkaufsoffener Sonntag, Mittagessen im Zelt, am Abend Volksliedersingen der Liedertafel. Bei 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in der Bundesrepublik, Tendenz steigend, machte die Seniorenmesse im Bürgerhaus mitten im Kerwetrubel durchaus Sinn. Zur Eröffnung am Samstagmittag mit dem Kirchenchor St. Cäcilia sagte der Bürgermeister: „Für das Jahr 2050 werden 170.000 über Hundertjährige prognostiziert.“ Allemal sei es da sinnvoll, rechtzeitig für das Alter vorzusorgen. Auch aus Sicht der Gemeinde. Vorschläge zur Verbesserung der Lebenssituation von Senioren seien deshalb jederzeit willkommen, so Eberhard. Was braucht’s denn alles im Alter? Neben Hausarzt und Apotheke unter anderem auch Betreuung und Pflege. So veranstaltete beispielsweise das Seniorenheim St. Sebastian einen Tag der offenen Tür. Ein Supermarkt war bei der Messe ebenso vertreten wie die Polizei, die ein Rollatortraining anbietet. Klaus Schmieder, Vorsitzender des Seniorenbeirats, der die erste Messe vor zwei Jahren initiiert hatte: „Alles steht unter der Prämisse, dass die Menschen, solange es irgendwie geht, in den eigenen vier Wänden verbleiben können.“ Dank der Fortschritte von Medizin und Chemie würden „die Alten immer jünger, immer fitter“. Gelegenheit, sich über Erfahrungen und Probleme auszutauschen, gab’s bei Kaffee und Kuchen. Gestern spielte und sang Robert Cerato Lieder aus einer Zeit ohne Altersbeschwerden. (län)