Speyer Zu den Wurzeln der Musik
Politiker, Musiker, Sinti – all dies vereint Romeo Franz, der Namensgeber des Ensembles, in einer Person. Auf seine Wurzeln ist er stolz, gern spricht er über die Kultur der deutschen Sinti, in der er aufgewachsen ist und die er mit seiner Musik verkörpert. Selbstverständlich ist das nicht. Viele Sinti- und Roma-Familien hätten Angst davor, ihre ethnische Zugehörigkeit offen kundzutun, sagt Franz. „Sehr viele Sinti und Roma, insbesondere, wenn sie eine gewisse gesellschaftliche Position haben, möchten auf keinen Fall geoutet werden.“ Als Grund für die Angst sieht Franz einen in Deutschland „sehr stark verankerten latenten Rassismus“, der zahlreiche Vorurteile hervorbringe. Zu groß sei dadurch die Angst vieler Familien, aus der Gesellschaft ausgegrenzt und als „Zigeuner“ beschimpft zu werden. Für Franz ist das ein Ausdruck, der nichts anderem als der Stigmatisierung dient: „Dieser Stereotyp vereint seit jeher alles Negative in sich, das genutzt wird, um Menschen aus der Gesellschaft auszugrenzen.“ Die Vorurteile und Klischees, die diesem abwertenden Sammelbegriff anhafteten, würden dabei weit über die ethnische Zugehörigkeit hinausgehen. „Ein ,Zigeuner’ kann jeder werden. Dazu muss er kein Sinti oder Roma sein“, sagt er. „Schwarze Haare, braune Augen, dunkler Teint, ein langer bunter Rock, dazu ein Verhalten, das nicht gesellschaftskonform ist – schon wird man zum ,Zigeuner’.“ Ein Beispiel dafür sei die Debatte über Armutszuwanderung in Europa, sagt Franz: „Sinti, die seit 600 Jahren in Deutschland leben, sind plötzlich Armutszuwanderer.“ Er ärgert sich über eine mangelnde Aufklärung in der Gesellschaft, die sich auch in der medialen Berichterstattung widerspiegele. „Wenn über ,Sinti und Roma vom Balkan’ geschrieben wird, ist das schlichtweg falsch. Es gibt nämlich keine Sinti im Balkangebiet.“ Die mangelnde Aufklärung zeige sich auch am oft verwendeten Doppelbegriff „Sinti und Roma“, der in dieser Form nur in Deutschland existiere. Der Ausdruck werde im alltäglichen Sprachgebrauch genutzt, um das Wort „Zigeuner“ zu ersetzen. Zwar umgehe man damit ein diskriminierendes Wort, „es wird dabei aber verkannt, was eigentlich hinter dem Begriff ,Sinti und Roma’ steckt“, gibt Franz zu bedenken. „Es findet keine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen kulturellen Aspekten der einzelnen Gruppen statt.“ Die Doppelnennung „Sinti und Roma“ werde deshalb oft unreflektiert genutzt: „Sie werden zu einer Gruppe von Menschen, die durch Europa rotieren.“ Dabei seien Sinti und Roma seit Jahrhunderten in ihren Herkunftsländern verwurzelt. In Armenien etwa lebten Roma bereits seit dem 11. Jahrhundert und gehörten damit zu den ältesten dort lebenden Volksgruppen. Deutsche Sinti blickten auf eine 600-jährige Geschichte zurück. Auch könne man die kulturellen Aspekte nicht verallgemeinern, so Franz. „Die Roma in den jeweiligen Ländern haben wahrscheinlich mit der Kultur der Mehrheitsgesellschaft mehr gemein als die Roma in ganz Europa untereinander.“ Franz selbst stammt von preußischen Sinti ab. Seinen Stammbaum kann er bis 1720 zurückverfolgen. Dabei lernt er immer wieder Neues über seine eigene Familie. Beispielsweise entdeckten er und sein Vater einen Zeitungsartikel, in dem von einer 1892 im saarländischen Merzig beigesetzten jungen Frau die Rede war. Franz erkannte den Familiennamen seines Ururgroßvaters wieder. Seine Nachforschungen ergaben, dass es sich bei der jungen Frau um dessen erste Ehefrau handelte, die im Kindsbett verstorben war. Ein weiteres Stück Familiengeschichte aufgedeckt zu haben, freut Franz: „Das ist immer eine sehr schöne Möglichkeit, in die Vergangenheit zurückzublicken.“ Die Vergangenheit dürfe auch im öffentlichen Diskurs nicht in Vergessenheit geraten – vor allem ihre dunkle Seite nicht, so Franz. „Nur etwa zehn Prozent der deutschen Sinti haben den Holocaust überlebt. Es dauerte bis in die 80er Jahre, bis der Völkermord an den Sinti und Roma in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangte.“ Themenwechsel: Der Musikstil des Ensembles – Franz (Violine), Johannes Schaedlich (Kontrabass), Joe Bawelino (Solo-Jazzgitarre), Sunny Franz (Violine) und Aaron Weiss (Klavier) – kommt dem des Hot Club de France mit Stephane Grapelli und Django Reinhard nahe, aber eben nur nahe; zu eigen und unverkennbar sind die Kompositionen. Unter dem Motto „Umsonst und draußen“ sind die Speyerer eingeladen, Decke und Picknick auszubreiten – oder sich an Ständen von „Currysau“ und „Weinkiste“ mit Speisen und Getränken zu versorgen – und die Musik zu genießen; bei schlechtem Wetter wird das Konzert in den Gemeinderaum der Synagoge verlegt.