Speyer Wochenchronik:

„Markenkern“ heißen Speyers Qualitäten im Sprachgebrauch von Oberbürgermeister Hansjörg Eger (CDU). Kultur, Lebenslust und Toleranz ist der Dreiklang, der in einem gut einjährigen Stadtmarketingprozess dafür komponiert wurde. Bei Harald Schwager, Speyerer in der BASF-Führungsriege, geht es eher um „Standortfaktoren“. Dass beides miteinander zu tun hat, wurde am Mittwochabend im Rathaus deutlich, wo Eger die neue Reihe der Wirtschaftsförderung eröffnete und Schwager als Erster referierte. Eger betonte, er wolle es den Firmen schön machen, damit diese schön Steuern zahlen können, Schwager betonte die gute Ausgangsposition, die Speyer dafür besitze. „Ein Leben ohne Speyer ist möglich, aber sinnlos“, dichtete der Lokalpatriot im Managerzwirn, lobte die Vernetzung („Networking heißt nicht nix schaffe’“), die verkehrsgünstige Lage und – um es mit Eger zu sagen – die Lebenslust: „Versuchen Sie mal, an einem Samstagvormittag vom Altpörtel zum Dom durchzukommen, vor allem wenn meine liebe Frau dabei ist.“ Eger gestand, samstags den Gang ins Zentrum nach Möglichkeit zu vermeiden, Schwager legte nach in Sachen Vernetzung und kurze Wege: Er habe für die Veranstaltung zugesagt, nachdem aus der Stadtverwaltung die Anfrage an seine Frau gemailt worden war und die ihn am Frühstückstisch mit dem Anliegen überrascht habe: „Könntscht net?“ – „Ich könnt ...“ Ein bisschen am Standortfaktor kurze Wege sägt derzeit die Sparkasse Vorderpfalz, die ihr Filialnetz auch in Speyer ausdünnt. Auf die Wege hat sie bei der Entscheidung indes schon geachtet: Mit höchstens zehn Minuten Fahrzeit seien für alle Kunden Serviceleistungen, in einer Viertelstunde sei persönliche Beratung zugänglich. Außerdem: Geld werde nicht mehr mobilen Sparern nun auf Bestellung nach Hause gebracht: 300 bis 1000 Euro, an bis zu zwei Nachmittagen pro Woche geliefert. Was darf’s denn sonst noch sein? Pizza, Pasta, Dispo – Träumen erlaubt. Das unsanfte Erwachen wird freilich auch weiterhin kommen: mit dem Kontoauszug. Wie gut, dass in Speyer die Wege kurz sind. Es war schon fünf Minuten über der Zeit. Der Gottesdienst hätte schon beginnen müssen, in dem Uwe Weinerth als neuer Pfarrer an der Auferstehungskirche eingeführt werden sollte. Doch es tat sich nichts. Alle blickten nach hinten. Zum Eingang des Gotteshauses. Von dort sollten der Pfarrer, der Dekan und die Mitglieder des Presbyteriums einziehen. Die leichte Unruhe unter den Gläubigen legte sich, als der Herr Pfarrer alleine und mit hoch erhobenen Händen nach vorne trat und um weitere Geduld bat. Es ging um die Urkunde, die ihm an diesem Morgen verliehen werden sollte. Die befand sich noch im Büro des Dekans und musste erst geholt werden. Zum Glück war Sonntag und die Straßen waren frei ... Unter der Woche ist das anders. Staus am Nachmittag in der Maximilianstraße und Fahrradfahrer-Chaos am St.-Guido-Stifts-Platz stellen sich vorwiegend montags bis freitags ein. Am Samstag sind ja alle zu Fuß in der „Maxi“. Schön für Freunde kurioser Situationen und schlimm für Befürworter von Verkehrssicherheit war am Donnerstag die Szene an St. Bernhard: Gleich fünf Radfahrer wollten dort aus der Wormser Landstraße auf den Stifts-Platz fahren, und sie wählten dafür gleich drei unterschiedliche Wege: Zwei verließen vorschriftsgemäß hinter dem Adenauerpark den Radweg und bogen auf die Straße ab, eine Frau fuhr auf dem Fußgängerweg bis zur Fußgängerampel, zwei weitere radelten einfach dort weiter, wo früher einmal der Radweg war. Jenseits der Ampel wählten manche die Straße, andere den Bürgersteig. Unsere gerade abgeschlossene Serie „Strampeln für die Fahrradstadt“ hat es auch gezeigt: An dieser Stelle besteht dringend Handlungsbedarf. Einen Teil der Regeln zu ändern, den begleitend erforderlichen Umbau der Kreuzung aber weiter hinauszuschieben, geht gar nicht. Hier muss die Politik handeln. Unverzüglich. Die Radfahrer hätten übrigens ihren Groll ein paar Meter weiter dem Stadtrat vortragen können, der mit seinem Fahrrad auf dem Gehweg unerlaubt durch die Wormser Straße entgegenkam. „Bei de Stadt Speyer gibt’s mehr Ufähische als Fähische, ich sach der’s“, haderte einer der Zweiradfahrer, als er bei St. Bernhard auf die Straße gelenkt wurde. Harter Tobak. Zu Gute gehalten sei ihm allerdings: Er war der Einzige der Fünf, der sich an der Kreuzung von der Verkehrsregelung her komplett richtig verhalten hat. Beim Standortfaktor Toleranz ist Speyer nachgewiesenermaßen ganz vorn dabei. Kirchlich, bei der Integration von Flüchtlingen und überhaupt. Positives Beispiel aus dieser Woche: Als der Speyerer Gerhard Kief, der mit einer Flüchtlingsgruppe einen Ausflug mit der Rheinhäuser Fähre machte, dem Kapitän vom Schicksal seiner Schützlinge erzählte („für sie war es die erste Bootsfahrt seit ihrer Flucht auf einem Acht-Meter-Schlauchboot, besetzt mit 50 Personen“), ließ der ihnen spontan die Hälfte des Fahrpreises nach. Dabei ist der Fährmann kein Pfälzer, sondern ein Badener. Tolerantes Speyer – was zu beweisen war! Beim Standortfaktor Lebenslust ist das Brezelfest an erster Stelle zu nennen. Und wie der Dürkheimer die Tage bis zum Wurstmarkt runterzählt, dringt so langsam auch Speyers großes Fest verstärkt ins Bewusstsein: In dieser Woche sind die Proben für den geplanten Weltrekord im Tanzbodenziehen am Fest-Samstag angelaufen. Wer den Aufbau mit den Lkw auf dem Festplatz gesehen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, da erlebt die gute, (zu) alte „Wetten-dass“-Außenwette eine Wiedergeburt. Begleitet von launigen Kommentaren, waren einst im TV Mutige mit Technik-Schnickschnack im Einsatz – und die Nation im wohligen Sessel. Wenn der Verkehrsverein Speyer im Juli auf eine ähnliche „Einschaltquote“ kommen will, kann er sich ja um Thomas Gottschalk als Kommentator bemühen. Oder Markus Lanz. Oder wenigstens Wolfgang Lippert. Der hat Zeit. Die Gedächtniskirche zählt eher zum Standortfaktor Kultur als zur Lebenslust, aber für Speyer ist sie zweifellos ein Aushängeschild. Der evangelische Kirchenpräsident will das jetzt kurz vor dem Reformationsjubiläum ganz offiziell gemacht haben – mit einem der beliebten braunen touristischen Schilder an der A 61. Er hat dafür den Weg gewählt, dies bei der Stadt zu beantragen, die am Donnerstag umständlich den Stadtrat entscheiden ließ, bevor die Sache an den eigentlich zuständigen Landesbetrieb Mobilität weitergeleitet wurde. Mal wieder eines der Themen, mit denen der Stadtrat nicht befasst werden müsste. Schlanke Verwaltung ist das nicht. War auch mal ein Standortfaktor ... Ein Wochenende in Speyer mit Sinn, Verstand und Sonne wünscht