Speyer Wochenchronik:

„Aus dienstlicher Sicht super – privat find` ich’s schade.“ So ehrlich kommentierte diese Woche der diensthabende Polizist in der Speyerer Inspektion das Fehlen einer Straßenfasnacht in der Domstadt. Klar, am Donnerstag musste die eine oder andere Krawatte dran glauben, bei der Frauenfasnacht ging’s in der Stadthalle hoch her, und auch der eine oder andere Saal erbebte. Wer Narren sehen wollte, musste sich dort an die Eingänge oder an den Hauptbahnhof stellen, wo die S-Bahnen abends einige Müdegefeierte in bunten Ganzkörperkondomen ausspuckten. Ansonsten aber: Kein Vergleich mit Mainz, Köln und Co. Nicht mal mit Mannheim. Dass die Polizei hier ruhige tolle Tage verlebte, heißt indes nicht, dass sie karnevaltechnisch nichts zu bieten hätte: Ihre Information über deutsche Fasnachtsbräuche in der Flüchtlingsunterkunft am Montag war aller Ehren wert. Hier gab’s nicht nur Theorie vom Kommissar zum mehrsprachigen Flugblatt, hier hatten die Ordnungshüter eine stimmgewaltige Narrenschar mitgebracht, die für Stimmung sorgte. An dieser Stelle wurde Mainz, wo sehr nüchtern informiert wurde, um Längen in den Schatten gestellt. Hajo! Stellen wir uns für einen Moment vor, ein Kölner Jeck hätte den Dom verwechselt und stünde am Schmutzigen Donnerstag vor der Speyerer Kathedrale. Er hätte es zwar nicht weit zur Polizei, und die hätte gegebenenfalls wohl auch freie Kapazität für seine Anliegen. Aber närrische Stimmung hätte er weit und breit nicht gefunden. Wäre er etwa rechterhand ins Stadthaus gegangen, hätte man ihm wahrscheinlich beschieden, hier seien Narren erst am Fasnachtsdienstag willkommen: In Speyer wird nicht schon wie anderswo am 11. November der Stadtschlüssel für die ganze Kampagne an die Fasnachter ausgehändigt – hier wird der Oberbürgermeister nur einen Tag an die Kette genommen. Vielleicht hätte der Amtsinhaber dem Kölner noch nachgerufen, dass er immer lustig sei, und das mit seinem besten Spruch aus dieser Woche garniert: „Geld verdienen ohne zu arbeiten, kann man nur als Politiker“ (gefallen am Mittwoch, als es um die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen ging). Danach aber hätte sich der Kölner wohl doch aus Frust die nächstbeste Kneipe gesucht … Auch im für feucht-fröhliche Feste durchaus bekannten „Domhof“ fände der Jeck übrigens weder Dreigestirn noch Till: Nach schlechten Erfahrungen und Beschwerden in früheren Jahren richtet das gastliche Haus schon länger keine Fasnachtsveranstaltungen mehr aus. Auch ansonsten haben die Verantwortlichen kein Problem damit, trotz großen Traditionsbewusstseins alte Zöpfe abzuschneiden. Oder altes Grün: Die Efeuranken, die lange am Hotelgebäude auf dem früheren Reichskammergerichtsgelände nach oben wuchsen, sucht man neuerdings vergeblich. Diese seien kaum noch im Zaum zu halten gewesen und hätten so viele Spinnen und Mücken beheimatet, dass mancher Gast sich geziert habe, das Fenster zu öffnen, heißt es. Noch etwas hat sich geändert: Großer Trubel wie in Helmut Kohls Ära wird nicht mehr gemacht, wenn sich hochrangige Gäste einmieten. Die gebe es durchaus noch, aber sie seien sehr unauffällig. Obwohl, einer ist dem Personal doch nachhaltig in Erinnerung geblieben: Er habe sich über das viertelstündliche Domgeläut in der Nacht beschwert. Das hätte es einst unter Kohl nicht gegeben … Weil in Speyer an Fasnacht wenig los ist, konnten in dieser Woche einige Schreibtische leergearbeitet werden. So hat es sich ergeben, dass das sonst eher unauffällige lokale Finanzamt gleich zweimal Gegenstand der Berichterstattung war. Einmal bescheinigte ihm ein Finanzportal in einer Pressemitteilung gute Bewertungen im Kundenurteil. Im anderen Fall informierte die Behörde selbst über im vergangenen Jahr gesunkene Steuereinnahmen. Ob es einen Zusammenhang zwischen beidem gibt, kann an dieser Stelle nicht endgültig geklärt werden. Nur zur These, Finanzbeamte seien keine Fasnachter, gibt es hier ein klares Dementi in Form einer weiteren Pressemitteilung aus der jährlichen Wiedervorlagemappe von Speyers Banken und Behörden: „Am Faschingsdienstag sind die Servicecenter nur von 8 bis 13 Uhr geöffnet.“ Kennen Sie das auch? Man hört etwas und weiß nicht, wo man es schon mal gelesen, gesehen oder eben gehört hat. Die Erinnerungen verschwimmen, die Lösung ist partout nicht zu finden. Déjà-vu heißt das, wenn es ums Sehen geht. Déjà-lu („schon gelesen“) könnte man ebenfalls auf Französisch bei so manchem Text sagen. Gewundert hat sich dieser Tage eine RHEINPFALZ-Leserin über den neuen Parkhaus-Test der Lokalausgabe. Hatte der doch Mängel einer Speyerer Großgarage ausgerechnet einen Tag danach aufgegriffen, als sie ebendort selbst Frust über die enge Zufahrt geschoben hatte: „Können die Gedanken lesen?“ War wohl eher Zufall! Zuletzt muss man Déjà-vu und Déjà-lu aber noch vom Déjà-entendu („schon gehört“) abgrenzen, das gerade in der Fasnachtszeit seine Berechtigung hat. Wenn man derzeit aus der Bütt Witze hört wie „Ich hab’ die verkehrten Sachen in den Urlaub mitgenommen – meinen Mann und meine Kinder“, dann gibt’s kein Vertun: Da ist tatsächlich soooooo ein Bart dran …