Speyer Wochenchronik

Da haben sie fünf Jahre Politik gemacht, um aussichtsreiche Kandidaten und willige Wähler geworben, gearbeitet, gekämpft und gehofft – und geändert hat sich fast nichts: Bei der Stadtratswahl vor einer Woche sind nicht nur dieselben acht Gruppen wie 2009 angetreten, sondern sie haben auch jeweils fast dieselben Ergebnisse geholt. Dass es dennoch Wahlsieger gibt, wird man spätestens sehen, wenn eine neue Koalition gebildet ist: Die Tage der FDP und vielleicht auch der SWG im Stadtvorstand sind wohl gezählt, es könnte neue Köpfe geben. Trotzdem kann es ja nicht schaden, der öffentlichen Meinung ein bisschen nachzuhelfen: Die Linke hat am Tag nach der Wahl die SPD um ein paar Minuten abgehängt, als es galt, per Pressemitteilung ihren Sieg zu verkünden: „Die Linke Wahlsieger“ heißt es darin – zu Recht mit Verweis auf die Sitzverteilung, es ist die einzige Fraktion, die wächst. Aber auch die SPD hat einen netten Aspekt gefunden: „Jusos sind Wahlsieger der Jugendorganisationen“, meldet sie mit Verweis auf ihre jungen Fraktionsmitglieder. Die CDU indes ist weiterhin stärkste Fraktion, und die Grünen fühlen sich mit 14,5 Prozent zurecht so stark wie noch nie. Nur die FDP schweigt. 5, 4, dann zwölfmal zwei lautet die Folge ihrer errungenen Mandate bei den Stadtratswahlen seit 1948. Von 2014 kommt erstmals eine Eins dazu. Die Pressemitteilung mit dem Titel „Es gibt uns noch“ ist dann aber doch nicht verschickt worden. Wahlsieger sind ganz gewiss Speyers Wirte. Zu Martin Roßkopf (Philipp 1, SWG) und Walter Deutsch (Kulinarium, Weinwunderbar, SPD) kommen neu auch Philipp Rumpf (Zum alten Engel, SWG) und Aurel Popescu (Zapfhahn 7, Linke) in den Stadtrat – jeweils in den Listen kräftig hochgewählt von Wählern/Gästen. Weil Genosse Deutsch auch schon 2009 ein sehr gutes Ergebnis vorweisen konnte, ist er mit seiner „Schmier-Aktion“ vom Sonntag unverdächtig: Brot und Hausmacher gab’s von dem Gastwirt in Rathaus-Wahllokalen – für die Wahlhelfer wohlgemerkt, nicht etwa für die Wähler. Jetzt bleibt die Frage, wer künftig in Sitzungen die Zeit findet, die Ratskollegen stilvoll zu bewirten. Bisher ist im Sitzungssaal nämlich Selbstbedienung angesagt ... Auf der Parlamentsbank statt am Zapfhahn: Aurel Popescu kann künftig wohl seltener persönlich hinter der Theke stehen. Auch ein Teil seiner Gäste hat ein neues Ziel: den „Eckpunkt“. Das neu entstandene „Kulturzentrum in Selbstverwaltung“ in der Pistoreigasse (früher „D. José“) will zur Begegnungsstätte werden. Ausschank inklusive. Ihren Wahlsieg hat die Linke dort schon einmal gefeiert. Nächstes Glanzlicht: Der Vortrag „Alkohol und Sozialismus – eine Sittengeschichte des proletarischen Trinkens“ am 14. Juni. Die RHEINPFALZ wollte in dieser Woche über das Kooperationsprojekt berichten, Popescu wollte Auskunft geben. Da grätschte ein anderer, bei der Wahl unterlegener Linken-Kandidat dazwischen: Bericht und Foto könne nur die Vollversammlung der Begegnungsstätte freigeben. Wir schreiben dann schon mal eine Eingabe ans Zentralkomitee. Bis zum Bescheid gibt’s einen Tipp für die proletarischen Trinker: vor oder nach dem „Eckpunkt“ zum „Zapfhahn“, damit auch der nicht versiegt ... Dass der Speyerer Wirte in den Stadtrat wählt, weil er so praktisch denkt (Getränke und Schnittchen, Sie wissen schon), soll an dieser Stelle nicht behauptet werden. Dass er indes mit beiden Beinen so was von im Leben steht, beweist er immer wieder bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen. Neuestes Beispiel: die Lesung der Speyerer Schriftstellerin Kerstin Lange bei Osiander. Da wird angekündigt, dass ihr neuer Roman mit dem bisher in der Eifel lebenden Krimihelden in Speyer spielen wird. Der Mann werde in der Story mit dem Wohnmobil hierher umsiedeln. So trocken wie praktisch, so hilfreich wie überraschend ist der spontane Kommentar aus dem Publikum: „Do kann er awwer nur am Technik-Museum parke’.“ Fragen Sie mal die Ehrenamtlichen, die monatelang Wahlkampf gemacht haben, wie froh sie über die Feier- und Brückentage in dieser Woche waren. Jetzt ist mal wieder für einige Zeit klar, wer in den Gremien sitzt, jetzt kann der Blick wieder auf andere Dinge gerichtet werden. Zum Beispiel auf Jahrestage. Genau 55 Jahre gibt’s die Partnerschaft mit dem französischen Chartres, und eine respektable Delegation aus der Partnerstadt ist seit Donnerstag in Speyer. 70 Jahre liegt dieser Tage die Landung der Alliierten in der Normandie im Zweiten Weltkrieg zurück, vor 100 Jahren wurde der Erste Weltkrieg entfesselt, der ebenfalls zwischen den beiden Nachbarstaaten tobte. Und: Heute vor 325 Jahren brannte die französische Armee Speyer im Pfälzischen Erbfolgekrieg nieder. Wie beruhigend, dass es heute Partnerschaften und freundschaftlichen Austausch als Normalität gibt. Und wie symbolträchtig ist also der Chartres-Besuch – gerade in Zeiten von AfD und Front National.