Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Deicharbeiter vor dem Hochwasser schützen

Vertraut mit seiner Maschine: Deicharbeiter Hermann Sohn. Seit 37 Jahren ist er am Deich tätig.
Vertraut mit seiner Maschine: Deicharbeiter Hermann Sohn. Seit 37 Jahren ist er am Deich tätig.

Wo andere Fahrrad fahren oder den Hund spazieren führen, ist sein Arbeitsplatz: Hermann Sohn ist Deicharbeiter in Speyer. Im Moment gehört vor allem das Mähen zu seinen Tätigkeiten. Im Herbst und Winter hat er allerdings andere Aufgaben, um die Sicherheit des Deichs aufrechtzuerhalten.

Ein Deich ist ein Bauwerk aus Erde, das entlang von Küsten und Flussufern vor Überschwemmung schützt. Auch am Rhein gibt es Deiche. Hermann Sohn kennt den Deichabschnitt, an dem er Tag für Tag zugange ist, wie die Taschen seiner Latzhose. Etwa 15 Deichkilometer stehen unter seiner Obhut. Bei einer Fremdfirma, die in der BASF gearbeitet hat, war er auch schon tätig. „Und ich hätte in der BASF bleiben können“, berichtet er. Am Deich habe es ihm allerdings besser gefallen. Er entschied sich für einen Arbeitsplatz im Grünen und kam 1983 zu der in Speyer ansässigen Deichmeisterei des Landes.

Der 62-Jährige wohnt in Otterstadt, ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkel. Er kommt aus einer Familie, die schon immer Landwirtschaft betrieben hat, hauptsächlich Ackerbau. So erklärt sich zum einen sein Hang zur Arbeit an der frischen Luft, zum anderen hat er auch früher schon erfahren, was es heißt, eine große Fläche effektiv zu bewirtschaften. Denn genau das muss er auch am Deich tun. In diesen Tagen dominiert das hohe Gras, Hermann Sohn widmet sich hauptsächlich dem Mähen. Das Frühaufstehen scheut er nicht, erzählt er, das gehöre zum Job. Wenn er seinen Tag gut durchplane – und wenn nicht gerade Heuernte oder Hochwasser sei – werde er gegen 15 Uhr fertig. Überstunden fließen auf ein Zeitkonto und können abgebaut werden.

Geräteträger ist ein Alleskönner

Der Rheindeich, für den in der Pfalz und in Rheinhessen die beiden Deichmeistereien der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd zuständig sind, ist in mehrere Abschnitte gegliedert, die sich vom Landkreis Germersheim bis nach Bingen erstrecken. Zum Zuständigkeitsbereich von Deicharbeiter Hermann Sohn gehört auch die Insel Flotzgrün bei Speyer. Dort trifft ihn die RHEINPFALZ an einem warmen Maivormittag, als er in der Nähe des Polders dem hohen Gras zu Leibe rückt. Als Deicharbeiter hat man sehr viel mit schrägen Flächen zu tun, muss also unbedingt am Hang fahren können. Sohns Maschine, ein Geräteträger, ist so etwas wie ein Alleskönner, der zum Mähen, zum Rechen, zum Zurückschneiden von Hecken und Ästen und zu anderen Zwecken eingesetzt werden kann.

„Man verwächst im Laufe der Zeit mit seiner Maschine“, erzählt der Deicharbeiter. Zwei Jahre habe er sie nun schon, im Schnitt halte ein solches Gerät zehn bis zwölf Jahre. Während im Sommer das Mähen das Hauptthema bei Deicharbeitern ist, ist es ab Herbst die Waldrandpflege. Immer mal wieder kommt es vor, dass ein Baum auf den Deich fällt – und der muss dann auch beseitigt werden. Selbst organisieren muss sich der Deicharbeiter auch: „Ich muss mir immer etwas in petto halten für Tage mit schlechtem Wetter, also etwas reparieren oder etwas konstruieren“, berichtet Sohn. Es sei wichtig, die Maschine regelmäßig zu pflegen, damit es nicht zu Problemen komme. „Die Technik ist im Laufe der Jahre auf jeden Fall viel besser geworden“, erzählt er. Früher habe das Gerät nicht einmal eine Kabine gehabt und an trockenen Tagen habe es beim Fahren manchmal ganz schön gestaubt.

Vorarbeiter am pfälzischen Deich

Natürlich fallen auch Schäden am Deich ins Aufgabengebiet des Deicharbeiters: Bis der Frühling sich entfaltet und wieder gemäht werden muss, werden insbesondere Erdarbeiten erledigt: Rampen aufgeschüttet, Schäden von Wühltieren, Nutrias etwa, beseitigt. Hermann Sohn ist zusätzlich Vorarbeiter für den pfälzischen Bereich des Rheindeichs, in dem acht Deicharbeiter tätig sind. Er kommt auch mal in einem anderen Abschnitt zum Einsatz. Wenn Not am Mann ist, müssen sich die Deicharbeiter gegenseitig helfen. „Doch mein eigener Abschnitt ist meine Hausstrecke, die kenne ich aus dem Effeff. Da weiß ich ganz genau, wie ich wo fahren muss.“

Wann das letzte Hochwasser war

Ein Deich ist eine Hochwasserschutzvorrichtung, die eine wasserseitige und eine landseitige Böschung hat. Auf der Landseite ist er flacher. Dort gibt es in der Regel die sogenannte Berme, einen vorgelagerten Absatz, über den auch die Wege verlaufen. Der pfälzische Rheindeich erstreckt sich über 120 Kilometer von der französischen Grenze bis nach Frankenthal. In der Regel ist er zwischen drei und vier Metern hoch. Neben Insekten und Vögeln kommen Amphibien und Reptilien, etwa Zauneindechsen, am Deich vor. Jedoch auch die ungeliebten Wühltiere.

Mit Hochwasser haben Deicharbeiter am Rhein wie Hermann Sohn glücklicherweise nicht jeden Tag zu tun. Sie sind im konkreten Fall auch nicht dafür verantwortlich, hinauszufahren und Sandsäcke zu stapeln. Doch auch wenn die Fluten kommen, sind sie gefordert, müssen die Situation beobachten und in der Lage sein, die örtlichen Wasserwehren zu beraten. Grundsätzlich aber ist die Deichverteidigung – gemeint ist damit das Aufrechterhalten der Sicherheit des Bauwerks und der Schutz vor Dammbruch – Aufgabe der Kommune. Das letzte nennenswerte Hochwasser war im Jahr 2013, sagt Normen Karg, der für den Betrieb zuständige Sachbearbeiter bei der Deichmeisterei. An einen Dammbruch im Hauptdeich könne er sich nicht erinnern. „1999 hat bei Sondernheim mal ein Vordeich nachgegeben“, berichtet er. Was öfter vorkomme, seien Aussickerungen von Wasser hinter dem Deich.

1983: Die Rettungsaktion

Deicharbeiter Sohn kann etwas weiter in die Vergangenheit schauen: „Ich erinnere mich an ein Hochwasser noch ganz besonders“, blickt er zurück. „Das war kurz nach meinem Beginn, Ende Mai 1983. Da standen wir auch hier auf der Insel Flotzgrün. Und unsere Geräte, mehrere Einachser, standen am tiefsten Punkt. Wir konnten sie gerade noch vor den Fluten retten. Das Wasser war schon da und wir mussten mit den Stiefeln hindurch.“ Dieses Erlebnis habe sich bei ihm eingebrannt. „Ich dachte schon: Wenn die Arbeit immer so wird, dann ist das ja gar nicht mal so ohne.“

Vor der Jahrtausendwende waren die Hochwässer schlimmer, sagt Normen Karg. Die Deiche seien inzwischen viel besser ausgebaut. „Was manche Menschen, die den Deich zur Erholung nutzen, leider nicht verstehen, ist, dass er eigentlich für den Hochwasserschutz da ist und unterhalten werden muss“, macht er deutlich. „Einige Leute werden dann auch mal ungehalten den Deicharbeitern gegenüber, die ja bloß ihre Arbeit verrichten und dann vielleicht gerade da durchfahren müssen, wo ein anderer mit dem Fahrrad unterwegs ist.“

Bedarf an neuen Deicharbeitern

Hermann Sohn ist gar nicht mehr lange mit von der Partie: Am 1. Oktober beginnt seine Altersteilzeit. Besonders vermissen wird er seine Maschine, sagt er lachend. Er hat aber eine Art Ersatz gefunden: ein Wohnmobil. Kurz vor Christi Himmelfahrt ist er damit aufgebrochen in Richtung Bodensee. Im Gegensatz zum Geräteträger ist das Wohnmobil für ihn Neuland, sagt er. Die Deichmeisterei muss sich in diesem Jahr noch von einem weiteren Kollegen verabschieden. „Bedarf für neue Arbeitskräfte haben wir regelmäßig“, sagt Normen Karg.

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