Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wertschätzung statt „Drachenhöhle“: Eine Schulsekretärin erzählt

Genießt ihre Arbeit: Jutta Gilges führt das Sekretariat der Siedlungsgrundschule. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, auc
Genießt ihre Arbeit: Jutta Gilges führt das Sekretariat der Siedlungsgrundschule. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn es mal drunter und drüber geht. Für Wehwehchen hält sie stets einen Kühlbeutel bereit.

Das Sekretariat der Siedlungsgrundschule ist nicht nur Schaltzentrale, sondern auch Krankenstation, Logistikzentrum und Beratungsstelle. Jutta Gilges schätzt diese Aufgabe.

Gegen 10 Uhr hat Jutta Gilges endlich Zeit zum Durchschnaufen und für einen Biss ins Pausenbrot. Mal keine drängenden Schülergruppen vor der Tür, keine Eltern, die auf Auskunft warten, auch keine Lehrkräfte mit der Bitte um diese oder jene Unterlagen. „Zwischen 7.30 und 9 Uhr herrscht hier der tägliche Wahnsinn“, sagt die 60-Jährige und lacht. Wie sie überhaupt gern lacht. Gerade wenn es drunter und drüber geht, sollte man sich seinen Humor bewahren. Und als Sekretärin der Siedlungsgrundschule in Speyer-Nord mit ihren rund 330 Schülern steckt Gilges sozusagen mittendrin im Tohuwabohu.

Allein die vielen Abwesenheitsmeldungen, die es jeden Morgen zu managen gilt. „Bis 8.15 Uhr muss der Verbleib der Schüler geklärt sein“, erläutert Gilges. Sitzen die Kids in ihren Klassen, ist alles gut. Wenn nicht, wird nachgeforscht. Liegt keine Abmeldung durch die Eltern über die Schul-App Sdui vor, greift die Sekretärin zum Hörer, um die Erziehungsberechtigten zu erreichen. Da kommen schnell Dutzende von Anrufe zusammen, bis die Gewissheit besteht, dass kein Kind nicht verschwunden ist, sondern dass die Vermissten krank sind oder einen anderen triftigen Grund haben, dem Unterricht fernzubleiben. Verlorengegangen sei aber zum Glück noch kein Schüler, sagt Gilges.

Nur keine Panik

Seit Ende 2008 sitzt Gilges in der Schaltzentrale der Siedlungsgrundschule, „in der alle Fäden zusammenlaufen“, wie sie es beschreibt: „Man muss alles gleichzeitig machen können.“ Denn ihr Büro im Vorraum der Schulleitung sei vieles in einem: Krankenstation, Logistikzentrum, Besucherauskunft und Beratungsstelle. Da heißt es ruhig bleiben und nicht den Kopf verlieren. Das will jedoch gelernt sein. „In meiner ersten Woche kam ein Kind blutüberströmt zur Tür herein“, erinnert sich Gilges: „Es hatte lediglich eine kleine Platzwunde, aber ich war darauf nicht vorbereitet.“ Da habe der damalige Schulleiter Günter Zimmermann die Sache besonnen in die Hand genommen.

Zimmermann war es auch, der Gilges ins Sekretariat gelotst hatte. Acht Jahre lang war die Mutter zweier Söhne zuvor bereits Vorsitzende des Fördervereins, als die Stelle frei wurde. „Er sagte: Sie kennen die Schule doch schon.“ Das tat sie. Die Stimmung an der Siedlungsgrundschule, die auch ihre Kinder besuchten, gefiel ihr. „Wir hatten und wir haben ein schönes Miteinander.“ Gilges bewarb sich und erhielt den Zuschlag. Dabei hatte die gebürtige Darmstädterin, die später mit ihrer Familie am Niederrhein lebte, bevor es sie in den Speyerer Norden verschlug, etwas ganz anderes gelernt: Bankkauffrau. Das empfand Gilges aber nicht als Nachteil. „Ich war Kundenkontakt gewohnt“, berichtet sie. Zudem seien so Familie und Beruf zu vereinbaren gewesen.

In der Siedlung integriert

„Die Pfälzer haben mich gut aufgenommen“, sagt Gilges und lacht. Kaum angekommen in der Siedlung, engagierte sie sich umgehend im Stadtteil-Leben. „Ich fühle ich mich voll integriert.“ Die 60-Jährige lacht erneut. Anfangs habe sie so ihre Probleme mit der hiesigen Mundart gehabt. Wenn es im Elternausschuss der Kita St. Konrad etwas zu besprechen gab, habe es stets geheißen: „Und jetzt noch mal langsam für die Jutta“. Mit dem Pfälzer Gebabbel komme sie mittlerweile aber gut zurecht.

Ihre kommunikative Art hilft Gilges auch im Schulsekretariat. „Im persönlichen Gespräch lässt sich vieles klären“, lautet ihre Erkenntnis. Klagen über „schwierige Eltern“ müsse sie nicht führen. Auch kämen immer wieder Schüler vorbei, einfach nur um zu plauschen. Eine „Drachenhöhle“, die Kinder gar nicht zu betreten wagen, soll ihr Büro nicht sein. „Ich verstehe mich als Anlaufstelle für alle und freue mich, wenn ich helfen kann.“

Kühlbeutel hilft meistens

Das ist dann auch schon mal als Krankenschwester, wenn ein Kind mit aufgeschürftem Knie und weinend zur Tür hereinkommt. „Ganz oft hilft ein Kühlbeutel. Der beruhigt.“ Tränen werden getrocknet und Pflaster verteilt. Wertschätzung ist Gilges wichtig, ebenso „die Kinder mit ihren Sorgen und Nöten ernstzunehmen“. Und sei es nur, dass eine tote Maus im Schulhof liegt und die Schüler in dem Moment nicht wissen, was sie tun sollen.

Die Arbeit als „Mädchen für alles“ bereit Gilges sichtlich Freude: „Ich mache das sehr gern.“ Gleichwohl sei die Organisation von Veranstaltungen im Lauf der Zeit aufwendiger, die Verwaltungsarbeit komplizierter geworden, besonders was die Pflege der Daten und Statistiken angehe. Bisweilen müsse sie knifflige Tätigkeiten auslagern aus dem turbulenten Vormittag in Zeiten, in denen es ruhiger zugeht. An die Rente denkt die 60-Jährige noch nicht, wobei: „Manchmal wäre es schon schön, mit Reiseplänen nicht immer an die Schulferien gebunden zu sein.“ Doch alles in allem müssen Gilges’ Erfahrungen mit dem Schulleben überwiegend positiv gewesen sein: Einer ihrer Söhne studiert Lehramt.

x