Fussball
Weltmeisterschaft: Michael Malmer aus Dudenhofen zwischen Los Angeles und Cancun
Die drei Speyerer Geschwister sind durch ganz Deutschland versprengt. Doch spielt die Nationalmannschaft, sitzen sie über hunderte Kilometer virtuell nebeneinander am Fernseher. Fußball verbindet. Es beginnt der Chat: „Hat jemand schon das Banner Dudenhofens Sohn gesehen?“, geht es los: „Nein, du?“ „Ja, jetzt, rechts im Bild, links neben dem Tor.“ „Ja, jetzt seh ich’s auch.“ Michael Malmer (44) aus dem Spargeldorf, gemeinter Edelfan der Elf, weilt wie fast immer im Stadion.
Am Freitag landete Malmer anlässlich der Weltmeisterschaft in Chicago im US-Bundesstaat Illinois. „Die Reiselust steht im Vordergrund“, sagte er auf der Fahrt zum Flughafen Frankfurt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich will Sachen sehen, die ich noch nie gesehen habe.“ Die Partien Deutschlands dienen als Anlaufstationen.
Routine für Malmer
„Wir reisen mit Handgepäck“, so Malmer: „Alles ganz normal, für andere ist das eine Lebensaufgabe.“ Drin befinden sich Alltags- und Wohlfühlgegenstände. Vergessen habe er noch nie was in seiner 30-jährigen Fußballreise zu fast allen EM- und WMs, natürlich auch nicht seine Fahne. Bei den Großereignissen steht nur Dudenhofen drauf: „Da ist der Platz zum Anbringen begrenzt.“
Dazu zählt Dauerkumpel Michael Fischer mit seinem Schriftzug „Weiler idB“: Das Duo macht gemeinsame Sache, kennt sich seit einem Vierteljahrhundert: „Weiler in den Bergen“, löst der Dudenofener auf: „Er ist VfB-Stuttgart-Fan“, Malmer bekennender Schalker. Der Tag vor dem Abflug galt noch mal der Familie mit dem Nachwuchs (vier und sieben Jahre): „Sie sind das gewohnt“, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Mount Rushmore
15 Tage dauert Malmers Abenteuer zunächst. Nach dem Test am Samstag gegen die USA ging’s nach Mount Rushmore (South Dakota) zu den in Fels gemeißelten Riesenköpfen amerikanischer Präsidenten. „Das ist keine typische Touristenhochburg“, beschreibt Malmer eine nicht konventionelle Reise: „Wir organisieren alles selbst. Da gibt es kurze Entscheidungen. Ich mache es lieber eigenverantwortlich. Das Schlimmste wäre für mich, einer Reisegruppe hinterherzulaufen. Ich mag nicht das Normale.“
Cancun mit Tempeln und Höhlen in Mexiko lautet die nächste Station: „Ich wollte alle drei Länder sehen.“ Houston/Texas mit dem deutschen Auftakt gegen Curacao, Los Angeles folgen: „Ich war schon dort. Das ist eine coole Stadt.“ Sechs Flüge stehen für Malmer, der für den FV Dudenhofen spielte, später für VfL Neuhofen und FSV Schifferstadt in verschiedenen Funktionen im Einsatz, nach unkomplizierter Erledigung der Einreiseformalitäten auf dem Programm.
Lanz Manufaktur
Dabei zählt er seine Spiele nicht, bewahrt aber Eintrittskarten auf: „Ein Groundhopper-Buch habe ich nicht. Ich lebe von den Erinnerungen im Kopf.“ Magnete seiner Ziele haften nicht klassisch am Kühlschrank, aber doch an einer Tafel. „Die anderen Spiele sind für mich nicht interessant. Jeder hat aber seine Daseinsberechtigung. Ich habe Respekt vor allen.“ Die Entwicklung mit Sechzehntelfinale und weiterkommenden Gruppendritten ist weniger Malmers Fußball. Ultras seien für ihn essentiell wichtig für den Erhalt der Fankultur.
Horrende Ticketpreise und Kosten in den öffentlichen Verkehrsmitteln tun ihr Übriges: „Eigentlich müsste man es boykottieren.“ Dabei kommt der Sales Director der Lanz Manufaktur aus Hochstetten-Dhaun bei Bad Kreuznach („Wir haben das Flutlicht im Berliner Olympiastadion gebaut und die Beleuchtung im SAP Garden in München“) noch vergleichsweise günstig davon. Als ewiger Allesfahrer des Deutschen-Fußball-Bundes genießt er in einem erlauchten Zirkel Vorrunden-Eintrittskarten um die 60 Euro. Für 370 Dollar feierte er den Titel in Brasilien. Nun soll Otto-Normal-Fan 4000 berappen, „eine absolute Frechheit“.
Typ Miroslav Klose
Eher ab den 90-er-Jahren fußballerisch sozialisiert, aufgewachsen mit der 90-er-Weltmeisterschaft schätzt er die Typen der 2014-er-Weltmeister um Miro Klose, Benedikt Höwedes, Thomas Müller, Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger: „Ich kann mit der heutigen Fußballergeneration nicht mehr so viel anfangen. Es ist bei mir nicht mehr so emotional.“
Der jetzigen Auswahl traut er nicht zu, ganz weit zu kommen. Frankreich, Argentinien, Spanien, nennt er als Favoriten: „Ab dem Achtelfinale wird es interessant. Spielplan und Tagesform geben den Ausschlag.“ Manuel Neuer statt Oiver Baumann im Tor? Für Malmer, der heute in Böbingen wohnt, eine Frage von Name, Aura und unglaublich unglücklicher Kommunikation.
Kai Havertz, Deniz Undav, Nick Woltemade? „Ich bin für eine klassische neun, Klose, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, der Brasilianer Ronaldo.“ Und so geht es zu Ende, das Abenteuer des Michael M. mit dem zweiten deutschen Gruppenspiel in Toronto. Unsicherheit klingt durch seine Worte. „Sag niemals nie“, meint er: „Finaltickets sind bestellt.
Sobald ich deutschen Boden betrete, juckt es.“ Boston, Philadelphia, Achtelfinalgegner Frankreich und so, Malmer weiß Bescheid. Trips in die Staaten seien schnell zu organisieren und erschwinglich. Samstag, letztes Vorbereitungsspiel der Deutschen in Chicago gegen die USA. Die Speyerer Geschwister gucken zu. „Dudenhofen“ in Blau und Weiß hängt über dem Tor, auf das zunächst die US-Boys spielen.