Speyer
Wasserknappheit in der Pfalz: Experte warnt vor dramatischem Grundwasser-Rückgang
Herr Hahn, es regnet seit Wochen. Bei so einer Witterung ist es kaum vorstellbar, dass die Pfalz einmal unter Wassermangel leiden könnte.
Und doch können wir in die Situation kommen, in der wir mit Wasserknappheit umgehen müssen, zumindest in einzelnen Gebieten. Die Rheinebene gehört dazu. Der Klimawandel verändert unsere Lebensgrundlagen: Die Sommer werden allmählich trockener, auch wenn es im August ausnahmsweise wieder mehr geregnet hat. Entsprechend werden die Dürreperioden länger. Wenn die Temperaturen steigen, nimmt außerdem die Verdunstung zu. In der Folge trocknet der Boden stärker aus. An höher gelegenen Quellen im Pfälzerwald kann man die Auswirkungen zuerst sehen: Sie versiegen. Bäche führen weniger Wasser, Feuchtgebiete verschwinden, Weiher fallen trocken.
Wie der Mittellacheweiher zwischen Dudenhofen und Schifferstadt …
Oder wie der Gelterswoog bei Kaiserslautern, um ein sehr bekanntes Beispiel zu nennen. Wobei dort auch die Wassergewinnung aus dem Grundwasser eine große Rolle spielt. Hier kommt beides zusammen, Entnahme und Klimawandel. Wenn es im Sommer doch mal regnet, dann oft so stark, dass das meiste Wasser oberflächlich abfließt. So schnell, dass es nicht versickert.
So ein lokales Hochwasser hatten wir Anfang Mai in Mechtersheim, wo sich eine Schlammlawine in den Ort ergoss. Aber die andauernden Herbstniederschläge müssten doch der Bodenfeuchte und dem Grundwasser zugutekommen, oder?
Auch wenn es gerade nicht den Anschein haben mag: Die Niederschlagsraten sind dieses Jahr unterm Strich kaum mehr als durchschnittlich. Mit anderen Worten: Was da runterkommt, reicht bei Weitem nicht aus, die Wasserspeicher im Boden wieder aufzufüllen. Und wie viel davon im Grundwasser landet, ist auch die Frage. Klar, wir befinden uns außerhalb der Vegetationsperiode. Die Pflanzen brauchen jetzt weniger Wasser, die Verdunstung ist geringer, also kann mehr Wasser tiefer in den Boden eindringen.
Das ist doch eine gute Nachricht.
Ja, aber sagen wir es mal so: Wenn es noch ein paar Wochen so weiterregnet, sorgt das für ein wenig Entspannung. Mehr aber auch nicht, wir bräuchten mehrere nasse Jahre in Folge, um die Defizite ausgleichen. Ich war gerade bei Hinterweidenthal, wo die Wieslauter entspringt. Dort gibt es viele Quellen. Aber zwei bis drei waren trocken. Das heißt, dass die aktuellen Niederschläge dort noch gar nicht angekommen sind. Der Pfälzerwald war einmal ein Garant für eine hohe Neubildungsrate an Grundwasser, weil der Buntsandstein so durchlässig ist. Das hat sich geändert. Es ist mittlerweile deutlich weniger Wasser verfügbar.
Laut Landesamt für Umwelt haben wir in Rheinland-Pfalz einen Rückgang der Neubildungsrate beim Grundwasser um 25 Prozent.
Ja, im Schnitt über das ganze Land. Aber im Oberrheingraben beträgt der Rückgang gebietsweise um die 50 Prozent und mehr. Es fließt auch weniger Grundwasser von den Randgebirgen in den Rheingraben nach. Zugleich wird dort mehr Grundwasser entnommen, weil dort mehr Menschen leben, weil die Industrie es benötigt oder weil die Landwirtschaft verstärkt auf Sonderkulturen setzt, die man bewässern muss, weil es nicht genug regnet. So gesehen, betreiben wir einen gewissen Raubbau an unserer wichtigsten Ressource: dem Trinkwasser.
Müssen wir uns wirklich so große Sorgen um unser Trinkwasser machen? Ich dachte, der Rheingraben verfügt über genügend Wasservorräte. Die Stadtwerke Speyer beispielsweise fördern das meiste Wasser aus ergiebigen Brunnen, die bis zu 170 Meter hinabreichen.
Man muss sich den Rheingraben als eine große Badewanne voller Grundwasser vorstellen. Im Grunde ist genug Wasser vorhanden. Aber das meiste befindet sich in größeren Tiefen und ist sehr alt, zum Teil Tausende von Jahren. Seine Qualität ist hervorragend. Doch es dauert sehr lange, bis sich dieses Wasser regeneriert hat. Und es ist so etwas wie unsere eiserne Reserve. Von dieser zehren wir. Besser wäre es, wir würden mit dem Wasser auskommen, das an oder in Nähe der Oberfläche vorkommt. Aber genau das wird weniger. Zu spüren bekommen das zuerst die Ökosysteme. Wenn Bäche wie der Hainbach mittlerweile ab Knöringen trockenfallen, hat das gravierende Folgen für Pflanzen und Tiere, weil Lebensräume verschwinden. Bei vielen kleineren Gewässern in der Rheinebene ist die Situation dramatisch.
Aber dass Bäche ganz austrocknen, ist doch sehr selten. Meistens ist ja immer noch etwas Wasser drin.
Und woher kommt dieses Wasser? Schätzen Sie mal, wie groß im Sommer, also bei Niedrigwasser, die Wassermenge im Rhein ist, die aus den Abflüssen von Kläranlagen stammt. An manchen Pegeln ist es die Hälfte! Und das beim Rhein. Etliche unserer Bäche werden im Sommer nur noch aus dem gespeist, was die Kläranlage verlässt. Das ist ein Problem, das viel zu wenig beachtet wird. Denn dieses Wasser ist ja nicht sauber, weil die herkömmlichen drei Reinigungsstufen die Mikroschadstoffe wie Wirkstoffe von Arzneimitteln, Pestizide und vieles mehr nicht herausfiltern können.
Oha. In Speyer wird zumindest über eine vierte Reinigungsstufe in der Kläranlage nachgedacht.
Das wäre gut, das gibt es in Rheinland-Pfalz im Gegensatz zu Baden-Württemberg viel zu selten. Damit kann man bis zu 90 Prozent der Mikroschadstoffe aus dem Wasser holen. Momentan fließt im Sommer oft nur Klärwasser im Bachlauf. Versiegt er, nimmt das Wasser die Schadstoffe mit sich in die Tiefe und gefährdet die Grundwasservorräte. Das ist flächendeckend im Rheingraben so: Der Grundwasserspiegel fällt, Schadstoffe werden somit in den Untergrund gesogen. Wie bei einer Badewanne voller Dreckwasser, aus der man den Stöpsel zieht.
Das bedeutet, das uns zur Verfügung stehende Wasser wird weniger und ist außerdem belasteter?
Das ist eine einfache Gleichung: Weniger Wasser bei gleichbleibendem Schadstoffeintrag ergibt eine höhere Schadstoffkonzentration. Wir müssen uns also um die Quantität wie auch um die Qualität unseres Trinkwassers sorgen. Die Problematik wird sich verschärfen.
Das sieht man allein schon an den hohen Nitratwerten im oberflächennahen Grundwasser in fast der ganzen Vorderpfalz.
Besonders hoch ist die Belastung in Gemüseanbaugebieten wie rund um Speyer. In der Südpfalz ist die Lage noch brisanter, weil dort nicht aus dem Rhein bewässert wird wie in Waldsee oder Schifferstadt, sondern aus Brunnen, wodurch die Grundwasserpegel sinken. Es dürfen daher nur festgelegte Mengen hochgepumpt werden, doch das wird praktisch nicht kontrolliert. So kann es nicht weitergehen. Die Landwirtschaft wird ihre Produktionsweise grundlegend umstellen müssen, hin zu weniger Wasserverbrauch. Das ist eine riesige Aufgabe, darum beneide ich die Landwirte nicht.
Nicht nur die Landwirtschaft nutzt Wasser ...
Ich will der Landwirtschaft nicht den Schwarzen Peter zuspielen, auch wenn in diesem Wirtschaftszweig der Wasserverbrauch zuletzt am stärksten gestiegen ist. Auch Industrie und Gewerbe benötigen Wasser. Und die privaten Haushalte hängen ja ebenfalls am Netz.
Sie sind mit Abstand sogar die größten Wasserverbraucher.
Jeder kann seinen Beitrag leisten und Wasser sparen. Muss ich täglich duschen? Brauche ich einen Pool? Ein Garten lässt sich so bepflanzen, dass man ihn im Sommer nicht ständig gießen muss. Man sollte das eigene Handeln hinterfragen. Aber wir dürfen das Grundwasser nicht losgelöst betrachten, ebenso wenig die Fließgewässer. Es geht um den sogenannten Landschaftswasserhaushalt: Alles hängt mit allem zusammen. Die Niederschläge, die Verdunstung, die Art der Bebauung und Bewirtschaftung, das Grundwasser, die Abflussmenge. Wir müssen da grundsätzlicher rangehen.
Was wäre also zu tun?
Unsere ganze Landschaft, in der Art, wie sie seit Jahrhunderten kultiviert wird, ist darauf ausgelegt, anfallendes Wasser so schnell wie möglich abzuleiten. Unsere gesamte Infrastruktur ist auf Entwässerung ausgerichtet. Das müssen wir umkehren: Wir müssen alles dafür tun, das Wasser künftig in der Fläche zu halten. Nur so haben wir eine Chance zu verhindern, dass weite Teile der Pfalz vertrocknen.
Termin
Auf Einladung des Fördervereins der Rucksackschule spricht Hans Jürgen Hahn am Samstag, 25. November, 14 Uhr, im Cura Center, Iggelheimer Straße 26, zum Thema: „Wird Wassermangel zum Problem?“. Der Eintritt ist frei.
Zur Person
Hans Jürgen Hahn, Jahrgang 63, ist Limnologe und Ökologe. Seit 2008 lehrt und forscht er als Privatdozent im Institut für Umweltwissenschaften an der Uni Landau. Sein besonderes Interesse gilt der Ökologie des Grundwassers sowie der Beschaffenheit von Trinkwasser. Der habilitierte Biologe ist Geschäftsführer des Instituts für Grundwasserökologie IGÖ GmbH, einer Ausgründung der Uni Landau. Hahn lebt in Siebeldingen.