Speyer
Was tun gegen Zuglärm am Industriegleis?
Wo liegt das Problem?
Ein Anwohner beschreibt es anschaulich: Jedes Mal, wenn ein Zug an der Strecke vom Bahnhof über Speyer-Ost zum Hafen vorbeifährt „wackelt das ganze Haus.“ Und wenn sich die Loks einem der unbeschrankten Übergänge nähern, stoßen sie den sogenannten Achtungspfiff aus, der ebenfalls belastend laut sei. Ein- oder zweimal am Tag sei das noch erträglich. Aber in den vergangenen Jahren hätten die Bewegungen von Loks und Waggons zugenommen, und rund 20 Prozent der Fahrten fänden nachts statt. „Das ist sehr ärgerlich, man ist jedes Mal gleich wach. Wir leiden darunter seit Jahren.“ Man wisse, dass es vielen Anwohnern so geht. Darum seien viele Unterschriften gesammelt worden. Die Anwohner haben Vorschläge und Ideen, wie sich der Lärm reduzieren oder vermeiden ließe. „Die Bahn könnte einiges machen“, sind sie sich sicher.
Welche Forderungen gibt es an die Bahn?
„Austausch des Gleisbetts, Einbau von Flüsterschwellen zur Reduktion von Körperschall oder Verschweißen von Stoßstellen im Gleis zur Vermeidung von Stößen bei Überfahren der Nahtstelle“, lauten einige der Vorschläge. Zudem gibt es Forderungen an die beteiligten Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVUs): So sollten etwa leichtere Rangierloks verwendet werden. Denn gerade dieselelektrische Fernzugloks machten extrem Lärm. Zusätzlich regen die Anwohner an, Waggons mit stark rasselnden Tanks auszutauschen. Eine weitere Forderung: Die Züge sollten nur tagsüber fahren. Das sei durch bessere Organisation möglich, sind sie sich sicher. Es gebe viele Leerfahrten, bei denen Loks entweder allein oder mit nur wenigen Waggons über das Gleis fahren würden. Wenn nur Züge mit vollen Verbänden fahren würden, bräuchte es weniger Zugbewegungen, gleichzeitig müsse das gelieferte Volumen nicht verringert werden.
Wie reagiert die Bahn darauf?
„Flüsterschwellen sind uns nicht bekannt, daher ist das keine Option“, heißt es beispielsweise. Das Gleis sei durchgehend verschweißt. Schleifen erhöhe lediglich die Lebensdauer der Schienen und führe nicht zu einer Lärmreduktion, die Quietschgeräusche entstünden beim Durchfahren der Gleisbögen. Der Einsatz der Fahrzeuge liege in der Verantwortung der EVUs. Leichtere Loks seien allerdings nicht sinnvoll, wenn sie die Zuggewichte nicht mehr bewegen könnten. Es würden bereits dieselhydraulische Rangierloks verwendet. Auf die Frage nach den Kosten und einer Bereitschaft zur Umsetzung der Lärmschutzmaßnahmen heißt es: „Hierzu kann die DB AG keine Aussage treffen, da viele Eisenbahnverkehrsunternehmen beteiligt sind.“
Welche Rolle hat die Stadt?
Sie versucht zu vermitteln und hat sich schon mit Unternehmen als auch mit Vertretern der Bahn getroffen. „Ein weiterer Vor-Ort-Termin mit der Bahn soll forciert werden“, erklärte sie bereits auf eine Anfrage der CDU-Stadtratsfraktion im April. Man sei jedoch auf Rückmeldung der Bahn angewiesen. „Die Bahn sollte in jedem Fall ein verbindliches Immissionsschutzgesetz haben und nutzen, ähnlich dem Lärmaktionsplan“, erklärt eine Sprecherin der Stadt. Aktuell gebe es keine Lärmpegelwerte, an die sich die Bahn halten müsste und somit keine Grundlage, auf der Abhilfe geschaffen werden könne. Die Stadt habe noch immer keine Information über die Anzahl der Züge auf dem Gleis erhalten, lediglich die Anzahl der Waggons sei bekannt. Bewegt sich nach städtischer Auffassung in Sachen Lärmschutz am Industriegleis zu wenig? „Ja, in der Tat“, erklärt die Sprecherin.
Warum fahren Züge ins Industriegebiet?
Um dort ansässige Firmen mit Waren zu beliefern oder sie von dort weiter zu transportieren. Dazu gehört etwa die Firma Haltermann Carless. „Wir erhalten pro Monat ungefähr zwei bis vier Mal Ganzzüge mit Rohware, die wir für die Herstellung unserer Produkte benötigen“, erklärt eine Firmensprecherin. Zudem würden Produkte wie Pentane, also Treibmittel für Isolierschäume, das Werk per Zug verlassen. „Die Auslieferung unserer Produkte erfolgt anhand der Kundenbedarfe“, sagt sie. Abhol- und Anlieferzeiten würden von einem Logistik-Dienstleister gesteuert. Auch die Firma Tanquid nutzt das Industriegleis. „Kern unserer Tätigkeit ist dabei, neben der Zwischenlagerung von flüssigen Energieträgern, auch der Umschlag zwischen Verkehrsträgern Bahn, Schiff und Straße.“ Dass Bahnlärm für direkte Anwohner ein Dorn im Auge sein kann, könne man sehr gut nachvollziehen. „Auch wenn das Gleis seit vielen Jahrzehnten besteht und sicherlich deutlich vor Einzug einiger Anwohner in gleicher Nutzung war, ist es für die betroffenen Anlieger dadurch nicht weniger belastend.“
Was sagen die Unternehmen?
„Nachts werden so gut wie keine einzelnen Waggons von unserem Werk ausgefahren“, erklärt die Sprecherin von Haltermann Carless. Man versuche stets zu optimieren, dass es möglichst wenig An- und Abfahrzeiten gibt. „Prinzipiell wären für uns tagsüber Anlieferungen ausreichend, die Abhol- und Anlieferzeiten werden jedoch von einem Logistik-Dienstleister gesteuert.“ Am Standort könne Rohware und Fertigware gelagert werden. Weil die Lagerkapazität bei einigen Kunden jedoch eingeschränkt sei, liefere man Fertigware in kleineren Mengen aus. Auf die Koordination der Fahrten habe man keinen Einfluss.
Und Tanquid erklärt: „Die Bestellung der Züge erfolgt durch unsere Kunden selbst. Auf die Zustellzeiten können wir daher leider keinen Einfluss nehmen.“ Gemeinsam mit der Hafenbahn habe man bereits die Zufahrtsbeschränkungen auf das Gelände angepasst, um zusätzliche Zugzustellungen außerhalb der Nachtstunden zu ermöglichen. Damit sei das Potential zur Verbesserung vollständig genutzt.
Was schlagen Anwohner den Verkehrsbetrieben Speyer vor?
Die Verkehrsbetriebe Speyer, eine Tochter der Speyerer Stadtwerke, sind für einen Teil des Industriegleises zuständig. Dort erheben sie Gebühren auf Basis einzelner Waggons. Die Anwohner fordern, diese Gebührentabelle umzustrukturieren. „Jede Zugbewegung sollte so viel kosten wie die Maximallänge eines Zugs“, erklären sie. Bei kürzeren Zügen würde sich der Trassenpreis auf entsprechend weniger Waggons verteilen. Das Kalkül: Leerfahrten ließen sich so vermeiden. Eine Lenkungswirkung schlagen sie auch bei der Tageszeit vor: Bei Fahrten über Tag könne die Streckengebühr geringer, nachts dafür teurer werden.
Was sagen die VBS zu den Vorschlägen?
„Alle gesammelten Ideen würden dem Prinzip der Gleichbehandlung entgegenstehen“, erklären sie auf Anfrage. Auch der Gleisabschnitt der VBS unterliege den Vorgaben des Eisenbahnregulierungsgesetzes. „Sie haben das Ziel, dass die Nutzung der Gleise diskriminierungsfrei abläuft“, erläutern sie. Leerfahrten gebe es immer wieder, denn Rangierfahrten gingen von verschiedenen EVUs für unterschiedliche Produkte von unterschiedlichen Versendern oder Empfängern aus. „Man kann Waggons nicht vermischen.“
Knackpunkt bei all dem ist die Diskriminierungsfreiheit. Was bedeutet das?
„Die DB InfraGo ist als Betreiber von Schienenwegen gesetzlich verpflichtet, alle Bestellungen von Zugleistungen jederzeit auf ihrem Netz durchzuführen“, teilt eine Bahnsprecherin mit. Das beinhalte auch Zugverkehr an Wochenenden und in der Nacht. Alle EVUs hätten also einen rechtlich verbrieften Anspruch, zu jeder Tages- und Nachtzeit auf jeder beliebigen Strecke zu fahren.
Wie geht es weiter?
Die Anwohner wollen weitere Betroffene ansprechen und Unterschriften sammeln. Anfang des Jahres hat es bereits einen Austausch zwischen Politik, Unternehmen und Bahn gegeben. Weitere Gespräche sind bisher nicht angekündigt.