Speyer
Was haben wir das vermisst: Endlich wieder Kult(o)urnacht in der Stadt
„Ich fühle mich, als wäre ich am Meer“, schwärmt Ramo Merdanovic von der ungewohnt entspannten Atmosphäre zu später Stunde auf Straßen und Plätzen. Seit 19 Uhr singt und klingt es in allen Gassen, aus Häusern, Geldinstituten oder Höfen.
Vor der Tourist-Info stehen Menschen Schlange, um eines der türkisfarbenen Armbänder zu kaufen, die ihnen für zehn Euro bis nach der Geisterstunde Eintritt ins vielfältige Programm gewähren. Die Auswahl fällt schwer. Constantin und sein Freund gleichen Namens, beide sieben Jahre alt, beschäftigen sich intensiv mit dem Kult(o)urnacht-Programmheft. Über ihnen singt und spielt das „Duolcevita Acustic Duo“, das auf Einladung des Freundeskreises Speyer-Ravenna aus Italien gekommen ist. Im Gepäck haben Sängerin Vera Della Scala und Gitarrist Raffaele Savoia italienische Schlager der 1960-er Jahre.
Zur Melodie von „La Bambola“ wiegen sich Constantin und Constantin, auch wenn das Lied schon rund 60 Jahre vor ihrer Geburt zur Welt gekommen ist. Jung und Alt singt und summt Schlager von Rita Pavone oder Adriano Celentano mit, die das Duo aus Ravenna unter sonnengelbem Sonnenschirm mitreißend intoniert.
Kunstverein und Städtische Galerie sind geöffnet
Der Kulturhof ist voll. In Kunstverein und Städtischer Galerie führen Künstler durch ihre Ausstellungen, gegenüber im Kinder- und Jugendtheater erobern kleine „Stadtstreicher“ die Bühne mit Lyrik und Musik. Der Künstler Fred Feuerstein hat einen Freisitz vor seinem Atelier aufgebaut. Er zeigt Interessierten seine Kunst an den Wänden und in Büchern.
Im Judenhof bereitet sich die erste Speyerer SchUM-Stipendiatin gemeinsam mit „The Babel Projekt“ auf das Klezmer-Konzert mit jüdischer Musik aus 950 Jahren vor. Der Tontechniker erreicht sein Pult im Laufschritt leicht verspätet. Falschparken sei das Problem gewesen, sagt er und dreht auf. Zwischen den alten Mauern des Weltkulturerbes erzählen die Ensemblemitglieder die Geschichte jüdischer Musik mit Trommeln, Flöten, Akkordeon, Gitarre, Violine und Gesang.
„Griechischer Wein“ aus dem Leierkasten
Mit „Griechischer Wein“ im Leierkasten durchqueren zwei Musikanten die Maximilianstraße, vorbei an Menschen mit Kult(o)urnacht-Armband oder noch ohne. Ein „Lösch“-Umzug holpert über das Pflaster des Rathaus-Innenhofs. Die Speyerer Theatergruppe „Prisma“ spielt Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ perfekt in Kostüm und Besetzung im lauten Schnelldurchgang.
Constantin und Constantin sind sich einig: „Wir wollen bleiben, bis es dunkel ist“, erklären sie. Im Programmheft haben sie den Besuch im Historischen Museum der Pfalz und im Judenhof eingetragen.
Songwriterin Vanessa Nowak im Zimmertheater
Im Zimmertheater ist gerade Pause. Singer/Songwriterin Vanessa Novak stimmt die Gitarren vor ihrem zweiten Auftritt des Abends. Draußen gibt es Bratwurst, Wein und viele Begegnungen nach langer Zeit. „Wir wollen Kultur“, betont eine Besucherin – und wartet geduldig auf Novaks Lieder des Lebens. Zehn Minuten später wird sie mit einer imposanten Stimme und eindrucksvollen englischen Balladen über die Liebe, ihren Anfang und ihr Ende belohnt.
„Das bin ja wirklich ich“, staunt eine Frau in der Sparkasse über die Karikatur, die Künstler Marcel Bender innerhalb von fünf Minuten auf ein DIN-A3-Zeichenblatt gebannt hat. Geschlechtsgenossinnen stehen fürs Modellsitzen Schlange. Rund 40 Bilder habe er in den vergangenen zweieinhalb Stunden angefertigt, berichtet Bender von großem Ansturm auf seine Kunst. „Es waren auch Männer da“, beruhigt er. Die nächste Frau sitzt bereits vor ihm. Ein paar Minuten später hält sie ihre Karikatur als Fahrradfahrerin in der Hand.
Zwei Gitarristen und Rosenwasser
Im Hof des Hans-Purrmann-Hauses bereiten sich RHEINPFALZ-Redakteur Michael Schmid und Jens Riehle auf den letzten Auftritt des Abends zwischen Rosen und Purrmann-Büste vor. Am Eingangstor erhält jeder Besucher eine Wäscheklammer. Sobald 50 davon ausgegeben sind, heißt es für die restlichen Eintrittswilligen: „Draußen bleiben. Haus und Hof sind voll.“
Zwei Frauen schlagen den Besuch des Abschlusskonzerts aus. „Schon wieder zwei Gitarristen“, sagt die eine in breitestem Pfälzisch. „Das geben wir uns nicht.“ Zwei Wäscheklammern wandern weiter zu dem Paar, das nicht genug bekommen kann von zwei Gitarristen und dem Rosenwasser, das es an der Bar in Flaschen gibt.
Eine Hommage an Freddy Mercury
Sicher hätte dem Künstlerpaar Hans Purrmann und Mathilde Vollmoeller-Purrmann das Leben in Haus und Hof gefallen. Ganz sicher auch die Musik des Duos, die Moderation, die Stimmung. „When Autumn Comes“, singen und spielen „Once Unplugged“ hinreißend schön.
Für ihr Herbstlied hätten sie die meisten Internet-Clicks aus Saudi-Arabien erhalten, erzählt Schmid. Alles lacht. Mit „Hey Freddy“ outet er sich als großer Freddie-Mercury-Fan. Seine Hommage an den verstorbenen Lead-Sänger der britischen Gruppe „Queen“ ist zum Weinen schön.
Zeitgleich lässt Mundartdichter Mathias Zech in der Bücherei St. Joseph mit Lyrik und Prosa Emotionen viel Raum. Musikalisch begleitet ihn die Violinistin Alyssa Knoll anrührend.
Hausmusik der „Frank Family“ mitten im bunten Lichtermeer empfängt späte Besucher dann im Garten der Vereinigten VR Bank Kur- und Rheinpfalz in einer lauen, türkis leuchtenden Sommernacht mitten im Frühling.