Speyer
Warum ein Speyerer Arzt ein Vater der Stoßwellen-Therapie ist
Gerald Haupt (63), Medizinprofessor, Urologie-Chefarzt an zwei Krankenhäusern in Speyer und Landau und Praxisinhaber, ist es gewohnt, dass ihm genau zugehört wird. Mediales Interesse kennt er unter anderem aus der Zeit, als er ab Ende 2020 zehntausende Corona-Impfungen in Speyer ermöglicht hat. Dass er jetzt eine Rolle in einem Medizin-Podcast der altehrwürdigen britischen Rundfunkanstalt BBC spielt, war dennoch neu für ihn und hat seinem „Ego ein bisschen gut getan“, wie der Mediziner gesteht. Er kommt als Experte zu den neuesten Einsatzmöglichkeiten der Stoßwellentherapie zu Wort, weil er für diese „ein bisschen“ die Vaterschaft in Anspruch nehmen könne.
Haupt hat in den frühen 1980er-Jahren zu den ersten rund 1000 Patienten geforscht, die in München Nierenstein-Zertrümmerungen erhalten hatten. Das Verfahren kam einer Revolution gleich, weil eine offene Operation durch eine sogenannte berührungsfreie Methode ersetzt wurde. Haupt beschrieb als Erster bestimmte Ergebnisse – und darauf wies nun der österreichische Mediziner Wolfgang Schaden hin, der aktuell zu den Einsatzmöglichkeiten von Stoßwellen bei Bypass-OPs und bei Querschnittslähmungen forscht. Folge war in der vergangenen Woche ein einstündiges Zoom-Interview mit den BBC-Journalisten Naomi Grimley und William Kremer, das Eingang in deren neueste Podcast-Folge halten soll. Haupt wartet gespannt auf deren Veröffentlichung auf der BBC-Homepage.
„Weltweiter Siegeszug“
Der gebürtige Bayer, seit 2004 in verantwortlicher Position am St.-Vincentius-Krankenhaus, war in früheren Jahrzehnten dabei, als die Methode einen „weltweiten Siegeszug“ begann, wie er es ausdrückt. Die Anzahl der riesigen und millionenschweren Stoßwellen-Geräte konnte anfangs an einer Hand abgezählt werden. Haupt ging 1986 an die University of Arizona zum damaligen „Steinpapst“ und betreute ein Experimentalgerät. „Wir bewiesen die Verbesserung oder Verschlechterung einer Wundheilung durch Stoßwellen in Abhängigkeit von der Dosis“, berichtet er. „Damit war erstmals der Beweis einer heilenden Wirkung von Stoßwellen erbracht, ohne dass der Wirkmechanismus klar war.“ Auch eine deutliche Beschleunigung der Knochenbruch-Heilung habe das Team – jeweils zunächst an Tieren – nachgewiesen.
Haupt war danach unter anderem an der Entwicklung von Kleingeräten für die Stoßwellen-Therapie beteiligt. Ein Patent erhielt er auf das erste Gerät für niederenergetische Stoßwellen für oberflächennahe Behandlung. Es war im Jahr 1999 marktreif und verbreitete sich rasch in der Orthopädie. Fünf der Geräte mit dem charakteristischen Klick-Geräusch seien bereits 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney im Einsatz gewesen („davon eines für Pferde, die haben ja keinen Placebo-Effekt“). Auch Fußballer des VfB Stuttgart und von Real Madrid hätten früh im Leistungssport darauf gesetzt, so der Urologe. Ob seine Ausführungen zu all diesen Aspekten im BBC-Podcast gesendet werden, weiß er nicht. Es könne sein, dass er eher eine kurze Rolle darin spielt.
„Wie ein Jungbrunnen“
„Spannend“ findet es Haupt, dass „seine“ Therapie sich so dynamisch entwickelt. Sie wirke „wie ein Jungbrunnen auf geschädigtes Gewebe mit allenfalls minimalen Nebenwirkungen“, sagt er. Blutgefäße würden „eingesprosst“, körpereigene Stammzellen angelockt, so medizinische Erklärungen. Orthopäden behandelten auf diese Weise Sehnenansatz-Beschwerden wie Tennisellbogen oder Fersensporn. Auch bei Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule oder – für Urologe Haupt ein großer Einsatzbereich – bei Beckenbodenschmerzen, Prostataentzündungen oder der „Volkskrankheit Impotenz“ komme die Methode ebenfalls mit guten Ergebnissen zum Einsatz. Einen „Strauß an Steintherapien“ biete sein Team im „Vincenz“ mit seinem Großgerät an. In seinem Medizinischen Versorgungszentrum kämen zu den genannten Einsatzbereichen ästhetische Therapien wie bei Cellulite.
Die Studien zu den Herz- und Lähmungskrankheiten seien noch nicht abgeschlossen, so Haupt. Er ist aber höchst zuversichtlich: „Es sickert immer mehr durch: Da ist etwas im Busch.“ Es könnte genau das geschafft werden, was für Mediziner mit zum Größten gehört: die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen. Wenn auf diese Weise bei einem Patienten zum Beispiel die Restfunktion des Herzens von 20 auf 30 Prozent erhöht würde, könnte das richtig helfen und konkret die Bettlägerigkeit vermeiden.