Speyer
Vor 110 Jahren erste Flugzeug-Landung in Speyer
Heute ist der Bereich im Süden von Speyer ein Teil des Flugplatzes, damals war es ein von Pappeln umstandener Exerzierplatz. Am 14. Oktober 1912 setzten dort der königlich-preußische Leutnant August Joly und sein Copilot, ein Oberleutnant Niemöller, mit einem zehn Meter langen Flugzeug in Speyer auf. Die erste Landung in Speyer gelang mit einem Rumpler-Taube genannten Modell. Die bayerischen Militärpiloten waren trotz Nebels in Mannheim gestartet, stiegen einige Zeit nach ihrem Empfang wieder auf und flogen zurück. Dass für solche Vorhaben damals Wagemut gefragt war, wird auch an der Vorgeschichte der ersten Landung deutlich.
Sechs Monate vorher, am 14. April 1912, hatte sich auf dem Speyerer Truppenübungsplatz ein Skandal ereignet. Aus Enttäuschung,
dass sie um den links und rechts des Rheins groß angekündigten ersten Aufstieg eines Flugzeugs in der Kreishauptstadt gebracht wurde, ging eine nach Tausenden zählende Menschenmenge gegen einen „Flugapparat“ vor: johlend, Steine werfend, Messer stechend.
Gescheiterter Versuch vorab
Schon bevor in der Domstadt bei den 1913 gegründeten Pfalz-Flugzeugwerken das erste Flugzeug gebaut wurde, wollte die Allgemeine Fluggesellschaft Berlin bei der Flugveranstaltung demonstrieren, was sie zu bieten hatte. Eingeladen dazu hatte sie der Speyerer Fremdenverkehrsverein, der Vorläufer des Verkehrsvereins. Nachdem ein Bleriot-Eindecker und ein Farman-Doppeldecker einige Tage lang in einem Zelt auf dem Festplatz von Schaulustigen bestaunt worden waren, sollte sich am letzten Tag der Ausstellung einer der zwei „Aeroplane“ in die Luft erheben.
Die „Speierer Zeitung“ berichtete: „Am Sonntag wogten große Menschmassen durch die Stadt, darunter viel Landvolk aus den Nachbarorten, aber auch viele Fremde.“ Feuerwehr und Pionierbataillon hatten den Ort des Ereignisses abgesperrt. Wer das Spektakel aus der Nähe „bevorzugt oder etwas entfernt“ erleben wollte, hatte an elf Kassenstellen Eintrittspreise von 30 Pfennigen und einer Mark zu entrichten. „Tausende von Neugierigen taten es. Sie sollten bitter enttäuscht werden.“ Nachdem der Pilot des Eindeckers, ein bayerischer Fluglehrer, den Aufstieg witterungsbedingt mehrmals verzögert hatte, „nahm er gegen 7 Uhr am Nachmittag unter dem Jubel der Menge seinen Platz ein“, so der Zeitungsbericht.
Reifen geplatzt
Was sich dann ereignete, wurde so geschildert: „Die Maschine trat nunmehr in Aktion, der Propeller drehte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit und der Apparat nahm Anlauf zum Aufstieg. Doch kaum war 20 Meter dahingefahren, machte er eine Drehung nach links – und lag mit dem rechten Flügel auf der Erde. Der Gummireifen an linken Rad war geplatzt. Ein Feuerwehrmann versuchte den Schaden zu beheben, doch vom Aufstieg konnte keine Rede mehr sein.“
Worauf „die Menge in erbitterte Stimmung geriet. Sie johlte, pfiff, und als die militärische Absperrmannschaft abmarschiert war, stürmte sie von allen Seiten heran. Unter dem Geschrei von Tausenden wurde das Flugzeug ins Zelt auf dem Festplatz verbracht“. Einige Löcher hatte der „Aeroplan“, wohl von Messerstichen und Steinen. Fazit des Berichterstatters: „Wenn man bei einem solch günstigen Wetter nicht fliegen kann, kann man überhaupt nicht fliegen.“
Gastgeber verärgert
Die Reaktion des einladenden Vereins schlug sich umgehend ebenfalls in der „Speierer Zeitung“ nieder. In einer Anzeige hieß es: „Die Stadtverwaltung entzieht dieser Berliner Gesellschaft den städtischen Festplatz mit sofortiger Wirkung. Das Eintrittsgeld wird zurückgezahlt.“
1912 hatte es auf dem Exerzierplatz noch weitere Flugversuche gegeben. Aus diesem Jahr datiert auch die Entscheidung des Stadtrats, 16 Hektar im Süden der Stadt für ein Flugfeld zur Verfügung zu stellen – die Keimzelle des heutigen Flugplatzes. Die Flugzeugwerke siedeln sich als Industrieunternehmen im folgenden Jahr neben dem Platz an. Dessen Ausbau erlebt 1971 mit einer asphaltierten Landebahn und befestigten Rollwegen einen Meilenstein. Als er 1994 von Unternehmensseite nicht mehr benötigt wurde, entschieden sich Stadt und Land für einen Ankauf. Es entstand eine Betreibergesellschaft, in deren Verantwortung 2011 die Landebahn um 450 auf 1677 Meter verlängert wurde. Sie treibt aktuell unter anderem die Ansiedlung flugaffiner Betriebe auf dem Gelände voran.