Speyer Von Lockenwicklern und Schlaghosen
Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Die Serie stellt heute den Jahrgang 1966/67 aus Berghausen vor.
Vor fünf Jahren haben sie sich zuletzt getroffen. Inzwischen haben die 14 der 36 „Ehemaligen“ der früheren Hauptschule Berghausen ein halbes Jahrhundert Leben erreicht. Anzusehen ist es ihnen nicht. „Heute fühlen wir uns wieder wie 14“, erklärt Hedwig Gerbes, die das Klassentreffen organisiert hat. Christina Hery ist aus Stuttgart angereist. Nicht jeden ihrer früheren Klassenkameraden erkennt sie sofort wieder. Auch Rainer Weickenmeier nicht. Als sie den Freund von damals endlich identifiziert, setzt der sich direkt neben Hery. „Früher haben wir uns nachmittags zum Spielen auf der Straße getroffen“, erinnert er sie an die große Freiheit der Berghäuser Kinder in den 70er-Jahren. Hedwig Haaf bricht beim Betrachten des alten Klassenfotos in Gelächter aus. „Schlaghosen sind heute wieder modern“, sagt sie. Für ihre erste Markenjeans habe sie drei Monate gespart, berichtet die „Ehemalige“ von Modetrends, die auch Dorfkindern nicht verborgen blieben. „Ich konnte mir nicht viel erlauben“, weist sie auf ihre Kindheit als Tochter von Berghäuser Kirchenchormitgliedern hin. „Unser Lehrer war auch in dem Chor.“ An den Biologielehrer, der die Schüler mit fliegenden Mäppchen und Schlüsseln zu disziplinieren versuchte, erinnern sich alle am Tisch. „Beliebt war er trotzdem“, sagt Gabi Wühl. „Weil er eben witzig war“, erklärt Silvia Heidenreich, unangefochtenes Sportass und Schulsprecherin. Katholiken und Protestanten seien bis zum Schulabschluss nach der neunten Klasse getrennt unterrichtet worden, fällt ihr ein. „Die Mechtersheimer waren alle evangelisch.“ Die Rivalität unter den Dörflern sei bis in die KjG gedrungen, berichtet Ute Stätz vom kategorischen Ausschluss der Mechtersheimer aus der katholischen Jugend. „Wir sind behütet aufgewachsen“, beschreibt Patricia Repp die Kindheit im heutigen Römerberg. „Gut, dass wir nicht ins Gymnasium nach Speyer mussten“, spricht sie für alle. „Wir haben ganz anders gelernt als die Vier oder Fünf, die in die höhere Schule nach Speyer geschickt wurden“, ist Gerbes überzeugt. Auch charakterlich habe sich die Hauptschule vorteilhaft ausgewirkt. „Wir waren die Normalen und sind es geblieben.“ Als Kinder seien sie zum Hausputz herangezogen worden, hätten auf dem Feld geholfen und bei der Kirschernte. „Dann war nichts mit Baggersee“, stöhnt Repp im Rückblick auf klare Prioritäten der Erwachsenen. „Weißt du noch, dass ich deinen Bruder gewickelt habe?“, fragt Haaf. Jeder weiß das. Im Fach Hauswirtschaftslehre habe Babypflege auf dem Plan gestanden, erzählt Gerbes. Demonstrationsobjekt: eine Puppe. „Meine Mutter hat die ganze Klasse zu uns nach Hause eingeladen und uns Babypflege am lebendigen Beispiel gezeigt“, erinnert Gerbes. Wer die Explosion im Chemiesaal ausgelöst hat, ist an diesem Abend im Speyerer „Domhof“ nicht auszumachen. Rainer Maier weist jede Schuld von sich. „Ich war an dem Tag krank“, ist er so sicher, als wäre es gestern gewesen. Intensiv erinnert sich die Gruppe an die Klassenfahrt nach Kochel. „Damals waren Lockenwickler in“, berichtet Repp vom morgendlichen Anblick eingedrehter Lehrerinnenhaare im Gemeinschaftsraum. Dass der Direktor die Lehrerin, die ohne Büstenhalter in die Schule gekommen sei, nach Hause geschickt habe, weiß Haaf noch genau. Auch an die Begründung kann sie sich bestens erinnern: „Das ist kein Aufzug vor Neuntklässlern.“ „Wer in der Schule einen auf den Deckel bekommen hat, bei dem hat es zu Hause noch mal gescheppert“, beschreibt Heidenreich den in den 70ern üblichen Erziehungsstil. Dennoch hätten sie heimlich geraucht, Apfelkorn getrunken und sich permanent verliebt, verrät Haaf. Poesiealbum-Sprüche sind bis heute im Kopf geblieben, die drei Stufen zum längst geschlossenen „Lädchen“ in Heiligenstein noch jedem im Sinn. „Da haben wir alles bekommen, auch Zigaretten und Alkohol“, weist Haaf auf den damaligen Umgang mit dem Jugendschutz hin. Heute würde man die Trinkgelage der Siebtklässlerinnen „Vorglühen“ nennen, übersetzt sie die Jugendsünde in Neudeutsch. Mit Hits von „Rolling Stones, Queen, Abba und Baccara“ seien sie groß geworden, erzählen die 50-Jährigen. „Die Bay City Rollers waren unsere Boy-Group“, schwärmt Repp vom Musikgeschmack der Klasse. Bei den meisten hat sich daran nichts geändert.