Speyer Von fallenden Blättern und guten Gedanken

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Ludwigshafen. Auch Bäume können Stress haben. Das haben wir von Volker Westermann gelernt. Der Bildungsförster hat uns in den Wald gelockt, um uns am Wegesrand auf ein Phänomen aufmerksam zu machen, das vielleicht alle zehn Jahre mal zu beobachten ist: Bäume werfen grüne Blätter ab. Na sowas.

Gut, jeder hat so seine Art, mit Stress umzugehen. Menschen machen zum Beispiel Yoga und werden dabei zum Baum: Sie stehen auf einem Bein und halten die Balance. Oder versuchen es zumindest. Bäume haben ein ähnliches Stress-Konzept. Gut, zum Baum werden brauchen sie nicht, und auf einem Bein stehen sie ohnehin. Aber die Balance halten und mit den Kräften haushalten, war für sie in diesem Sommer extrem wichtig. So kalt und nass wie er angefangen hat, so heiß und trocken war er zum Schluss. Wasser wurde im Wald zur Mangelware. Und so stehen in den Wäldern die Zeichen heuer ganz plötzlich auf Herbst. Die Bäume verfärben sich äußerst schnell. „Manche werden innerhalb weniger Tage dunkelbraun. Schaut mal da drüben, an der Hainbuche kann man es ganz deutlich sehen“, sagt Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen. Ups. Die sieht fertig aus. Total vertrocknet. Ist sie kaputt? „Vielleicht im Sinne von müde, das ja“, antwortet der Bildungsförster. „Die Bäume haben einfach einen harten Sommer hinter sich. Aber mit dauerhaften Schäden rechnen wir nicht.“ Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes lag die Temperatur bundesweit in diesem Sommer etwa 1,5 Grad über dem langjährigen Mittel. In der Vorderpfalz war es sogar noch wärmer. Als Durchschnittstemperatur im August ermittelten die Wetteraufzeichner 20,5 Grad, das sind immerhin 2,6 Grad mehr als das Jahresmittel von 17,9 Grad. Der Kreis war also heiß, und der wenige Regen, der fiel, verdunstete sofort wieder. Hainbuche, Ahorn, Kirsche und Co. haben Westermann zufolge deshalb in ein Notprogramm geschaltet. Da sie über ihre Blätter Wasser verdunsten, haben sie versucht, den Feuchtigkeitsverlust möglichst effektiv zu reduzieren. Der einfachste Weg: Blattmasse loswerden. Bäume, die sehr unter dem Wassermangel litten, haben ihr Laub sogar grün fallen lassen. „Und das ist schon sehr außergewöhnlich. Normalerweise entzieht der Baum den Blättern vorher noch wichtige Nährstoffe, darunter auch den grünen Farbstoff, das Chlorophyll, der das Licht für die Fotosynthese einfängt“, erklärt Westermann. Der für den Baum wertvolle Blattfarbstoff werde in den Zweigen, im Stamm und in den Wurzeln bis zum Frühjahr gespeichert. Ist das Chlorophyll aus den Blättern, kommen gelbe, orangene und rote Farbstoffe zum Vorschein, die bislang überdeckt waren. Die Folge: Der Wald wird bunt. Wenn man sich hier aber so umsieht ... „Tja, das ist die Frage, ob wir dieses Jahr eine richtige Herbstfärbung bekommen werden. Das wird von Region zu Region ein bisschen anders sein und kommt darauf an, wie sehr der Wald und seine Pflanzen dürsten“, meint Westermann. „Wenn ihr euch die Wildkirschen hier anschaut, kann da gar nichts mehr bunt werden.“ In der Tat stehen die Bäume nackt und kahl im Wald. Manchen hilft es im „Baum“ zu stehen. Dann geht es weiter. Andere schmeißen das Handtuch hin. Menschen sind unterschiedlich. Bäume auch. Jede Art hat eine andere Stresstoleranz, und selbst unter den Hainbuchen oder innerhalb der Lärchen-Familie gibt es unterschiedliche Reaktionen auf den Sommer. Und nicht alle Bäume haben schlapp gemacht. Oder die Blätter geworfen. Wir treffen auf unserem Spaziergang auch auf saftig-grüne Exemplare. „Generell etwas einfacher haben es die Eichen, sie wurzeln tiefer und kommen an Wasserreservoirs, zu denen andere Bäume keinen Zugang haben.“ Gleich ist allen Baumarten, dass sie ihre Kinder retten wollen, sprich: die Früchte mit den Samen darin. So hat etwa mancher Ahorn kaum noch Blätter, dafür hängt er voller Nasen. Auch die Hainbuchen halten die Kapseln mit den kleinen Nüsschen darin tapfer am Ast. „Es ist die Frage, ob die Energie reicht, die Früchte ausreifen zu lassen.“ Westermann will testen, ob die Samen der vertrockneten Hainbuche, die wir besucht haben, keimfähig sind. 30 bis 40 Stück will er im Oktober holen, säen und gucken, was passiert „Da kommt mein Forscherdrang durch. Aber wenn nichts aus der Erde kommt, ist es auch nicht schlimm.“ Das Jahr wird laut dem Forstexperten von der Natur einfach abgehakt. Und es ist nicht das erste dieser Art. Vor zehn Jahren, im Sommer 2006, war es so heiß, dass schon im August die Blätter zu Boden segelten. „Dumm gelaufen“, sagt der Baum und macht im nächsten Jahr einfach weiter.

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