Speyer Von Engeln, Schleifen und der 25. Stunde

Mitgehen, auch wenn es schneit, kalt, unfreundlich ist? Oder doch lieber im Warmen hocken bleiben? Zum „Innehalten, Nachdenken zwischen den Jahren“, wie Pfarrer Harald Fleck die Meditationswanderung des Natur- und Vogelschutzvereins Dudenhofen zum Jahresausklang überschrieb, bedarf es schließlich nicht unbedingt des nächtlichen Wanderns im Wald. Dann doch: In einer überschaubaren Gruppe mitgegangen zu sein, lohnte allein ein Gedicht von Mutter Teresa.
Aus dem Gedicht verkürzt einige Zeilen: Die Menschen sind unvernünftig, irrational, egoistisch – liebe sie trotzdem; tust du Gutes, beschuldigen sie dich selbstsüchtiger Hintergedanken – tue trotzdem Gutes, auch wenn es morgen vergessen sein wird; Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar – sei es trotzdem; sie bemitleiden Verlierer, doch sie folgen nur den Gewinnern – kämpfe trotzdem für ein paar von den Verlierern; gib der Welt das Beste, was du hast, und du wirst zum Dank einen Tritt erhalten. Die Kraft, die Begründung des Trotzdem: Letztlich ist alles eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Fleck verlas einen langen Text an der ersten Station, dem Viehhof, wo bis in die Nachkriegszeit verendete Stalltiere verscharrt wurden und die älteste Esskastanie im Forst steht. Ein Mann kommt mit dem Gesetz in Konflikt, wird verurteilt, hat seine Strafe abgesessen, kehrt im Zug zur Familie zurück. Wie ist es Vater, Mutter, den Geschwistern ergangen? Kann Schuld vergeben werden, bekomme ich eine zweite Chance? Sei er geduldet, sollten sie am Baum, in den er als Kind seinen Namen ritzte, ein buntes Band anbringen. Andernfalls würde er am elterlichen Hof vorbeifahren. Am Baum hängt dann kein einzelnes Band, nein, im Wind flattern hundert Willkommensschleifen. Übertragen auf den Glauben das Symbol, dass Gott die Menschen nicht aufgibt, dass er Augen und Ohren öffnet, damit man das Gute sieht und hört. Mit zwei reisenden Engeln im Dulflacher Weg am Kriegsbaum von 1914 (alle anderen Bäume rundum wurden zu Kriegszwecken abgeholzt): Eine wohlhabende Familie verweigert ihnen ein Gästezimmer, sie finden Obdach bei armen Bauersleuten. In der Nacht stirbt ihnen die Kuh, von deren Milch sie sich nährten. Der jüngere Engel fragt den älteren, wie er das habe zulassen können. Er antwortet: „Die Dinge sind nicht immer das, was sie scheinen. Bei den Wohlhabenden versiegelte ich die Wand mit dem darin versteckten Gold, bei den Bauern klopfte der Engel des Todes an, um die Frau zu holen. Statt ihrer gab ich ihm die Kuh.“ In der Schutzhütte erzählte Pfarrer Fleck die Geschichte, wie Gott den rastlosen Menschen die 25. Tagesstunde schenkt. Auch als Zeit zum Beten. Doch im Himmel kommen nicht mehr Gebete an. Geschäftsleute reklamieren mit der Umstellung verbundene höhere Kosten, Gewerkschaften fordern sie zur Erholung, Intellektuelle diskutieren das Für und Wider im Fernsehen, Bischöfe rufen sie zur Stunde Gottes aus. Die Menschen wollen sich nicht bevormunden, gängeln lassen, Zeit allein bringt sie Gott nicht näher. Er schafft die 25. Stunde wieder ab, löscht die Erinnerung daran. Zur Überwindung der Fremdheit, Distanz, Möglichkeit der Begegnung, des Kennenlernens, gegenseitigen Helfens, als Treffpunkt für Verliebte, Händler, spannte Fleck am Vier-Säulen-Stein „eine Brücke zwischen neuer Verbands- und Pfarrgemeinde mit herrlicher Aussicht auf das Tal“. In der Legende von der Brücke lehre die Erfahrung, dass zusammenzukommen und füreinander da zu sein weitaus größeren Reichtum berge als das Anhäufen materieller Güter. Nach eineinhalb Stunden wieder am Ausgangspunkt Grillhütte erhalten die Teilnehmer der Wanderung den göttlichen Segen. Die Gabe der Mitgeher für das Obdach, das Mahl in der Hütte wird Pfarrer Fleck der Aktion Leben übergeben.