Speyer Vom vollklimatisierten Theater zurück zur erbarmungslosen Realität

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Freiheit ist ein großes Wort. Der Mainzer Musik-Kabarettist Lars Reichow hat es zum Programm gemacht. Am Samstag hat er die „Kulturbeutel“-Festival-Besucher im ausverkauften Alten Stadtsaal in Speyer mit freier Meinung an Stehtisch und Piano begeistert.

Ein Glück, dass Reichow seinen Beruf noch nicht aufgegeben hat. Das ist zu befürchten, wenn er sich nicht von seiner hippen, aber sehr zeitaufwendigen toskanischen Kaffeemaschine trennt. Diese Möglichkeit hat der Mainzer Musik-Kabarettist in den Raum gestellt. Mitten in die schweißtreibenden Temperaturen, die aber – laut Reichow – demnächst Geschichte im Alten Stadtsaal sind. Demnach wird das Kinder- und Jugendtheater im Zuge seiner direkt nach dem Festival anstehenden Grundsanierung vollklimatisiert sein. „Let’s make Speyer great again. Vorderpfalz first“ („Lasst uns Speyer wieder groß machen. Vorderpfalz zuerst“), appellierte der 53-Jährige in Anlehnung an das Wahlkampf-Motto des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump an sein Publikum. „Frauen und Männer lachen hierzulande gemeinsam“, stellte er Regeln für Kabarettbesucher fremder Kulturkreise auf. In Schweiß gebadet zeigte Reichow auch in der Flüchtlingsfrage elegant Haltung im Jackett. Das Lachen blieb den mit ihm schwitzenden Zuhörern im Hals stecken, als er die TV-Betrachtung anhaltenden tausendfachen Sterbens im Mittelmeer vom heimischen Sofa aus in einem leisen Lied besang. Immer mit einer Hand am Klavier nahm sich der Kabarettist die Freiheit, alle Nationalisten, Populisten und Rassisten dieser Welt auf einen der sieben erdähnlichen Planeten zu wünschen. Mit „Diktatoren leben länger als man denkt“ kehrte Reichow musikalisch hitverdächtig zurück zur erbarmungslosen Realität. Um bald darauf Geflüchtete verbal und körpersprachlich in überaus authentischer Stammtischmanier vom heimischen Hof zu jagen. „Viele Tage nähern sich über Nacht“, ließ der Künstler sein wissbegieriges Publikum wissen. Die zweisprachige Hommage an die Welt der „Apps“, der grandiose Rap „Ich bin 50“, der Bericht über Ferien im Wohnmobil mit Familie in Norwegen oder das zum Weinen schöne Lied über den Kurzbesuch des Glücks: Auf einen Reichow kann Kabarett wirklich nicht verzichten. Deshalb ist es ein Glück, dass er die hippe toskanische Kaffeemaschine zugunsten künstlerischer Bühnen-Freiheiten weggeräumt hat.

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