Speyer Vom Ameisenlöwen bis zum Silbergras

Seit Mitte Juni gehören rund 100 Hektar des Sanddünen-Gebiets zwischen Speyer und Dudenhofen zum Nationalen Naturerbe (wir berichteten). Zwei ausgewiesene Kenner des Biotops beschreiben gegenüber der RHEINPFALZ jeweils drei für den extremen Lebensraum typische Pflanzen- und Tierarten. Einige sind äußerst kurz-, andere langlebig – ausgesprochene Überlebenskünstler sind sie alle.
Der Biologe Dr. Peter Keller beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Pflanzenwelt der Dünen-Landschaft seiner Heimatgemeinde Dudenhofen. Inzwischen wohnt der gebürtige Speyerer in Landau, arbeitet als selbstständiger Biologe bei verschiedenen Naturschutzprojekten mit und ist Vorsitzender der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor). Charakteristisch für die Sanddünen bei Dudenhofen sei das Silbergras (lateinisch Corynephorus canescens), teilt Keller mit. „Als Pionierpflanze wächst es auf purem Sand und hilft diesen festzusetzen und gegen den angreifenden Wind zu schützen“, erklärt er. Als Pflanze, die es andernorts schwer habe, sich gegen andere Gräser zu behaupten, könne sie auf dem trockenen und heißen Sand gut gedeihen. Als Anpassung an die außerordentliche Trockenheit diene dem Silbergras ein umfangreiches Wurzelwerk, das bis in die unteren Bodenschichten vordringe. „Durch die ständige Überwehung der Silbergras-Horste altert die Pflanze und stirbt nach wenigen Jahren ab“, informiert der Biologe. Deshalb müsse sich diese Gras-Art immer wieder in günstigen Jahren verjüngen. Der Name Silbergras erklärt sich laut Keller durch die im Gegenlicht silbrig glänzenden Blätter, die ansonsten grau-grün ausgebildet sind. „Auch beim Frühlings-Spörgel, Spergula morisonii, handelt es sich um einen typischen Sand-Bewohner“, weiß der Fachmann. Im Unterschied zum Silbergras bilde diese Pflanze aber kein größeres Wurzelsystem aus. „Der Frühlings-Spörgel keimt bei feuchten Bedingungen im Frühjahr, wächst schnell, blüht und fruchtet. Nach zwei Wochen ist das Leben dieser Pflanze schon vorbei. Die Samen verbleiben über den Rest des Jahres im Boden und im nächsten Frühling geht es für das Nelkengewächs wieder von vorne los“, erklärt Keller den Kreislauf. Die Platterbsen-Wicke (Vicia lathyroides) sei eine weitere für die Binnendünenlandschaft charakteristische Pflanze, teilt der Biologe mit. „Sie ist eine ganz kleine Verwandte der Bohnen und Erbsen mit typischer Schmetterlings-Blüte“, informiert er. Die Pflanze keime oftmals spät im Jahr, überwintere und wachse dann im Frühjahr weiter. Sie bilde mehrere kleine Stängel mit einer wenige Millimeter großen Blüte aus. Am besten gedeihe die Platterbsen-Wicke auf sandigen, kalkarmen, schwach sauren Sandböden. Der Dudenhofener Erich Bettag ist seit über 40 Jahren Beauftragter für Naturschutz und Landespflege des Rhein-Pfalz-Kreises. Das besondere Interesse des 79-Jährigen gilt seit seiner Kindheit den Insekten. Zigtausende Käfer und Schmetterlinge hat er in verschiedenen Ländern gesammelt und präpariert. Besonders intensiv beschäftigte sich Bettag mit der „Fauna der Sanddünen zwischen Speyer und Dudenhofen“, wie auch der Titel eines seiner Bücher lautet. Erschienen ist es bereits 1989. Die Dünen-Ameisenjungfer (Myrmeleon bore) ist für Bettag eines der faszinierendsten Insekten, das in dem trocken-heißen Lebensraum heimisch ist. Die Larve des Netzflüglers lebe räuberisch im Sand, in dem sie trichterförmige Fallen für andere Insekten, etwa Ameisen, anlege. Von daher komme auch ihre Bezeichnung als Ameisenlöwe, weiß er. Gerate ein Insekt in den Trichter, „schieße“ die etwa einen Zentimeter große Larve blitzschnell aus dessen Ende hervor und packe ihr „Opfer“. Den Kokon, in dem sich die Larve der Ameisenjungfer verpuppt, legt sie wenige Zentimeter unter der Sandbodenoberfläche an, wie Bettag erklärt. Aus der Puppenhülle schlüpft schließlich das fertige Flug-Insekt. Tagsüber hält es sich versteckt an Pflanzen in Bodennähe auf, nachts jagt es andere Insekten wie Schmetterlinge. Nach der Paarung legt das Weibchen Eier im Sand ab; aus ihnen entwickeln sich binnen drei Jahren – wenn nichts dazwischen kommt – wieder flugfähige Ameisenjungfern. Der Eichenzweig-Glasflügler (Paranthrene insolita) gehört zur Ordnung der Schmetterlinge. Bettag hat nicht nur ein Exemplar dieser tagaktiven Art, das einen Teil seines Namens den glasklaren Flügeln verdankt, in seiner Sammlung. Er besitzt auch ein Stück eines Eichenzweigs, in dem sich eine Larve des Glasflüglers bis zu ihrer Verpuppung von Holz ernährte. Den etwas mehr als daumendicken Zweig hat der Dudenhofener an einer Eiche am Rand des Dünengebiets entdeckt. Auf den Höhlenkäfer (Laemostenus terricola) stieß Bettag ebenfalls auf der kargen Sandfläche. „Ihn konnte ich allerdings ebenso wenig selbst bestimmen wie meine Kollegen im Land. Erst einem Experten in Prag gelang das“, erinnert sich der Dudenhofener. Eigentlich sei der Höhlenkäfer in Mittelgebirgen, etwa in Süddeutschland, heimisch. Dort lebe er in Gesteinshöhlen. „In den Dünen hat er Kaninchen- und Mäusegänge als Ersatzlebensräume bezogen“, fand Bettag heraus. Er vermutet, dass der Käfer zufällig von Soldaten aus Süddeutschland auf den ehemaligen Übungsplatz gebracht wurde.