Speyer Viele Patienten kommen viel zu spät
Der diabetische Fuß ist für Speyerer kein medizinisches Fremdwort. Professor Dr. Gerhard Rümenapf, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus, hat das Syndrom fest im Griff. Er und sein Team verhindern häufig Amputationen. Dafür ist die Klinik als Teil des Oberrheinischen Gefäßzentrums Speyer-Mannheim überregional bekannt.
„Die Beschwerden und Diagnosen unserer Patienten sind die schwierigsten, die es gibt“, sagt Rümenapf. Sein Fachgebiet umfasse Zivilisationskrankheiten wie Herz- oder Gefäßprobleme, Diabetes oder Bluthochdruck. „Jeder, der zu uns kommt, ist schon krank.“ Rund um die Uhr stehen Ärzte für Notfälle zur Verfügung. Mit dem Schwerpunkt diabetischer Fuß habe die Klinik eine Versorgungslücke geschlossen, sagt Rümenapf und weist auf Patienten auch weit über die Region hinaus hin. Seine aktive wissenschaftliche Arbeit zum diabetischen Fuß habe die Speyerer Klinik bundesweit bekannt gemacht, ist Rümenapf überzeugt. „Bis zu acht Betroffene suchen gleichzeitig Hilfe bei uns“, beschreibt der Chefarzt den anhaltenden Zulauf. „In unserer Ambulanz treffen sich so viele kaputte Füße wie Tauben im Taubenschlag.“ Viele Patienten kämen viel zu spät. „Die Tücke an der Erkrankung ist, dass sie nicht weh tut“, erklärt Rümenapf. Ständige Notfälle verhinderten jede Planbarkeit sowohl im medizinischen als auch im pflegerischen Bereich, beschreibt Rümenapf die Improvisationsfähigkeit in OP und auf Station. „Vor allem dank unserer Pflegefachkräfte funktioniert alles perfekt.“ Derzeit sei das Personal der Gefäßchirurgie gut aufgestellt. Anders wären jährlich fast 3000 gefäßchirurgische Operationen, davon rund 1500 am diabetischen Fußsyndrom, 200 an der Halsschlagader, 500 Bypass-Operationen an den Beinen und 60 Aortenaneurysmen nicht möglich. Krampfadern würden inzwischen in der Regel ambulant operiert. Der Arzt berichtet von etwa 100 OPs jährlich in diesem Teilbereich der Gefäßchirurgie. Durchschnittlich blieben stationäre Patienten 8,6 Tage in der Klinik, was nach Angaben des Chefarztes „sensationell kurz“ ist. Sein Anspruch: „Warum sollen wir die Patienten zehn Tage da behalten, wenn es auch anders geht.“ Ziel der Gefäßchirurgen ist es, Amputationen weitgehend zu vermeiden. Bei 90 Prozent der in seine Klinik eingewiesenen Diabetiker sei das gelungen, betont Rümenapf. „Überwiegend sind die Patienten zwischen 70 und 90 Jahre alt.“ Aber auch 35- bis 50-jährige Diabetiker Typ 2 (Alterszucker) benötigten zunehmend Hilfe in der Klinik für Gefäßchirurgie, macht der Chefarzt auf einen traurigen Trend aufmerksam. Auch deshalb sei der 2014 im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Betrieb genommene Hybrid-Operationssaal vom ersten Tag an voll ausgelastet mit Gefäßpatienten. „Bei uns wird jede Fußverletzung eines Diabetikers als Notfall angesehen“, weist Rümenapf darauf hin, dass entsprechende Patienten sofort stationär aufgenommen würden. Der Chefarzt berichtet von 50- bis 60.000 „kleinen OPs“, die in seiner Klinik jährlich durchgeführt würden. Etwa jeder zehnte Patient komme mit akuter Halsschlagader-Verengung. Drei von fünf Patienten kämen mit offenen Wunden, weist Rümenapf auf die wichtige Funktion der Gefäß-Assistenten als Bindeglied zwischen Arzt und Pflege hin. Anja Ley ist eine von ihnen. „Ich kenne jeden Patienten“, sagt die Fachkraft, die schon seit der Jahrtausendwende im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus beschäftigt ist. Sie war 2010 die erste ausgebildete Gefäßassistentin der Klinik. „Ich habe Gefäße schon immer geliebt“, erklärt Ley. „Die meisten sind bei der Einlieferung Wracks“, beschreibt sie den Zustand von Gefäßchirurgie-Patienten. „Wenn sie das Krankenhaus auf beiden Beinen verlassen, ist das auch für mich ein großer Erfolg“, betont Ley. Sie und ihre drei Kollegen sind zuständig für Stations-Organisation, Angehörigen-Gespräche, Patienten-Verlegung, Diagnostik und Geräte-Medizin. „Jeder von uns hat seinen festen Platz.“ Ley kann sich keine interessantere Tätigkeit vorstellen. „So viel, wie ich hier in 18 Jahren gelernt habe, hätte ich woanders nie gelernt“, ist sie sicher.