Interview
Verkehrsexperte verrät: Senioren im Straßenverkehr oft überfordert und gefährdet
Herr Tarin, Mitte Februar sorgte in Speyer ein 81-jähriger Autofahrer für einen Einsatz von Polizei, Rettungsdienst und THW, als er Am Roßsprung erst gegen eine Hauswand und dann durch eine Gartenmauer fuhr. Ein paar Tage später strandete ein 88-Jähriger mit seinem Auto heillos in einer Baustelle in der Burgstraße. Sind Hochbetagte am Steuer eine Gefahr im Straßenverkehr?
Nein, das würde ich nicht sagen. Andersherum wird ein Schuh daraus: Ich habe vielmehr Respekt vor allen Senioren, die sich das Autofahren noch zutrauen. Die sind immerhin noch mobil und kommen unter Menschen.
Aber vielleicht kommen dann auch Menschen unter die Räder.
Wie kommen Sie darauf?
Aus der aktuellen Verkehrsunfallstatistik des Polizeipräsidiums Rheinpfalz geht hervor, dass vor allem bei der Altersgruppe der über 75-Jährigen Vorsicht geboten war. Hier gab es im vergangenen Jahr nicht nur einen Anstieg der Unfälle um mehr als sechs Prozent. Saß die Generation 75 plus am Lenkrad, hatte sie sogar in drei von vier Fällen den Unfall hauptsächlich verschuldet. Ich finde schon, dass diese Entwicklung zu denken geben muss.
Da gebe ich Ihnen Recht. Aber die Frage ist doch, warum Senioren offenbar öfter an Verkehrsunfällen beteiligt sind. Und da gibt es eben nicht die eine Ursache. Das fängt schon damit an, dass die Bevölkerung statistisch gesehen immer älter wird und viele auch in höheren Jahren noch arbeiten, wozu sie womöglich ein Auto brauchen. Da ist es zwangsläufig so, dass Ältere vermehrt in Unfälle verwickelt sind. Außerdem bedeutet ein Auto auch Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit.
Sie meinen, um selbstständig von A nach B zu kommen?
Ja. Ich habe in einer Unterrichtsstunde die Fahrschüler gefragt, ob sie dafür wären, dass Menschen ab 60 Jahren ihre Fahrtüchtigkeit regelmäßig überprüfen lassen müssen. Die fanden das durch die Bank weg gut. Dann habe ich darauf hingewiesen, dass sie dann eines Tages vielleicht selbst diese Tests machen müssen – immer verbunden mit der Gefahr, durchzufallen und eben nicht mehr fahren zu dürfen. Und dann habe ich sie gefragt, was denn ihre eigenen Omas und Opas zu Tests sagen würden und ob man sie dazu zwingen sollte. Da ließ die Begeisterung spürbar nach.
Hm. Ich muss gestehen, ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass ich aus dem Stand eine Fahrprüfung sicher bestehen würde. Und ich bin noch lange keine 60.
Sehen Sie? Und wenn dann die alten Leute möglicherweise nicht mehr fahren dürfen, wer versorgt sie dann mit den notwendigen Dingen? Dabei würde das mit dem Fahren grundsätzlich vielleicht noch funktionieren, aber das Laufen klappt nicht mehr. Das ist alles nicht ausgegoren.
Sie sind als Fahrlehrer jedes Jahr Zehntausende Kilometer in Speyer auf Achse. Was ist Ihre Erfahrung mit älteren oder gar sehr alten Autofahrern?
Mit Generalisierungen tue ich mir schwer, weil es ja doch auf die Fähigkeiten des Einzelnen ankommt. Jemand, der zum Beispiel Berufskraftfahrer war, ist im Alter auf der Straße bestimmt noch sicherer unterwegs als viele Jüngere.
Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass Senioren gewisse körperliche Einschränkungen haben, deren Auswirkungen gefährlich sein können – für sie selbst und für andere.
Das stimmt. Senioren hören meist schlechter, sie brauchen länger, um zu reagieren, das periphere Sehen lässt nach und die Beweglichkeit sowieso. Aber häufig kompensieren sie diese Mängel durch Erfahrung. Und dadurch, dass sie im Schnitt langsamer fahren. Damit wiederum ziehen sich Senioren oft den Zorn jüngerer Autofahrer zu. Meines Erachtens liegt darin das viel grundsätzlichere Problem.
Im Schleichen?
Nein, in der aggressiven Stimmung im Verkehr. Einer meiner Kollegen hat gesagt, auf den Straßen herrscht Krieg, und das stimmt absolut. Der Verkehr hat zugenommen, die Gereiztheit ebenfalls. Alles wird hektischer, jeder will schnell hierhin und dorthin. Tempo 45 gilt da schon als Kriechgang. Das bekommen wir auch als Fahrschule zu spüren.
Inwiefern?
Weil wir als Schleicher angesehen werden, geradezu als Verkehrshindernis, bekommen wir häufig die Faust gezeigt oder den Stinkefinger. Wir werden beleidigt und bedroht. Die gegenseitige Rücksichtnahme im Verkehr hat abgenommen, statt Miteinander herrscht immer mehr ein Gegeneinander. Niemand lässt einen mehr aus der Parklücke. Bleibt jemand an einem Zebrastreifen stehen, wird hintendran gehupt. In so einer Atmosphäre sind Ältere zunehmend überfordert und reagieren dann vielleicht falsch. Aber aus meiner Erfahrung heraus hat jede Altersgruppe ihr spezielles Gefahrenpotenzial.
Lassen Sie mich raten: Die Jüngeren rasen, die Älteren verwechseln Gaspedal und Bremse. So geschehen gerade erst am vergangenen Dienstag durch einen 82-Jährigen in der Nonnenbachstraße. Dabei wurde sogar die Fahrerin eines E-Scooters verletzt.
Das mit den Pedalen passiert allen. Aber ja: Die Jungen und die Fahranfänger sind diejenigen, die häufig zu schnell unterwegs sind. Sie überschätzen oft die eigenen Fähigkeiten, was zu wirklich schlimmen Unfällen führen kann. Die Menschen in den mittleren Jahren sind dafür bisweilen mit dem Kopf nicht beim Geschehen auf der Straße, sondern irgendwo anders, beim nächsten Termin, bei einem beruflichen Problem oder wo auch immer. Und die Älteren wollen oft nicht wahrhaben, dass sie nicht mehr so fit sind, dass sie im Verkehr mithalten können. Manchmal sind es auch die Technik im Fahrzeug und die vielen Assistenzsysteme, die mehr verwirren, als dass sie unterstützen.
Kommen Senioren aus freien Stücken zu Ihnen für eine Nachschulung, ohne dass sie dazu verdonnert wurden?
Das kommt nur ganz selten vor. Einmal war eine Witwe da, die nach dem Tod ihres Mannes wieder selbst fahren musste und Fahrpraxis brauchte. Ich biete in solchen Fällen eine Doppelstunde an. In 45 Minuten bekommt man das nicht rund.
Dann also doch eine gesetzliche Verpflichtung, ab einem gewissen Alter routinemäßig seine Fahrtauglichkeit überprüfen zu lassen?
Ich bin gegen Verbote. Außerdem wüsste ich gar nicht, ab welchem Alter so eine Regelung greifen soll: Ab 65? Ab 75? Später? Senioren sind keine homogene Masse, wo also setze ich den Hebel an? Ich setze da eher auf Freiwilligkeit und auf wirtschaftliche Anreize. Zum Beispiel könnten Versicherungen ihren älteren Versicherten Fahrsicherheitstrainings anbieten. Wer sie nutzt, bekommt dafür Rabatt auf seinen Tarif oder wahlweise eine Prämie. Da kann jeder selbst entscheiden und hätte zudem einen finanziellen Anreiz.
Zur Person
Frank Tarin stammt aus Maikammer, lebt in der Südpfalz und ist seit 2008 Fahrlehrer in Speyer. Der 53-Jährige ist Inhaber der Fahrschule Gleich & Tarin in der Schützenstraße und war bis in jüngster Zeit Vorsitzender des Deutscher Fahrlehrerverbandes im Bezirk Speyer.
Mitmachen
Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser: Geht von Senioren, gerade jenseits der 75 Jahre, im Straßenverkehr eine Gefährdung für sich und andere aus? Oder ist es vielmehr so, dass diese Altersgruppe besonders umsichtig fährt und daher eher in weniger schwere Unfälle verwickelt ist als Jüngere, die weitaus schneller unterwegs sind? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: redspe@rheinpfalz.de.
