Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Urologie am St.-Vincentius-Krankenhaus: Vom bloßen Auge zum Roboter

Bei der OP: Chefarzt Christian Stock bedient das Operationssystem Da Vinci Xi.
Bei der OP: Chefarzt Christian Stock bedient das Operationssystem Da Vinci Xi.

Seit 50 Jahren ist die Urologie ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil des St. Vincentius-Krankenhauses in der Holzstraße. Drei aktuelle und ehemalige Chefärzte können einiges aus fünf Dekaden berichten – von Operationsmöglichkeiten und technischem Fortschritt.

Das Gummibärchen liegt auf dem Operationstisch. Mit ganz feinen Bewegungen trennt Gerald Haupt einen Teil der roten Süßigkeit ab und legt die beiden ungleich großen Hälften zurück auf das kleine Blech. Haupt sitzt dabei einige Meter entfernt von seinem „Patienten“ und steuert die Operation über den Roboter Da Vinci Xi. Seit 2016 wird das Operationssystem am St.-Vincentius-Krankenhaus eingesetzt. Da Vinci Xi ist die neuste Version, die die Klinik Anfang des Jahres für rund eine Million Euro gekauft hat. Rund dreimal die Woche kommt es zum Einsatz, zum Beispiel bei Prostatakrebs, wenn das Organ komplett entfernt werde. „Der Roboter operiert nicht selbst, man steuert ihn“, macht der Mediziner klar. Zwar werde das Operationssystem mittlerweile interdisziplinär eingesetzt, „groß geworden“ sei es jedoch in der Urologie.

Hans Peter Braun schaut bei der Operation interessiert zu. Er hat die urologische Abteilung an der Klinik aufgebaut, war ihr erster Chefarzt ab 1974. In diesem Jahr feiert die urologische Klinik ihr 50-Jähriges. An die Anfänge erinnert er sich noch gut: „Die Betten waren nie leer und die Patienten kamen nicht nur aus Speyer, sondern aus der ganzen Vorderpfalz“, sagt der 85-Jährige, der in seiner Zeit als Chefarzt 35.000 bis 40.000 Operationen erlebt hat. 30 Betten habe man ihm damals anvertraut. Angefangen habe er als einziger Urologe, erst nach einiger Zeit sei ein Assistenzarzt hinzugekommen, später ein zweiter. „Technik gab es nicht, das musste erst eingeführt werden“, erinnert er sich. In der Anfangszeit habe man beispielsweise bei den Operationen lediglich mit bloßem Auge schauen können, die Assistenten hätten währenddessen gar nichts gesehen.

Videogestützte Verfahren

Mittlerweile gibt es längst videogestützte Verfahren, erklärt Chefarzt Gerald Haupt. Vor 20 Jahren übernahm der in Speyer auch durch seine Impfaktionen wohlbekannte Mediziner die Leitung der Urologie von Braun. Seine Arbeit sei „sehr vielfältig“, sagt der Chefarzt. „Bei dem jüngsten und ältesten Patienten, den ich operiert habe, war die Altersdifferenz über 100 Jahre“, so Haupt. Wenn Patienten mit einer Kolik zu ihm kämen und ohne wieder gingen und er positive Resonanz bekomme, sei das ein gutes Gefühl.

Neben dem Klinikum in Speyer ist Haupt seit 2011 außerdem Chefarzt im fast gleichnamigen Vinzentius-Krankenhaus in Landau, das von der Caritas Trägergesellschaft Saarbrücken betrieben wird. Träger in Speyer ist die Krankenhaus Stiftung der Niederbronner Schwestern. „Bei zwei verschiedenen Trägern Chefarzt zu sein, ist eine absolute Rarität“, sagt Haupt. 29 Köpfe umfasst das Team der Urologie. Anfang des Jahres ist Christian Stock an die Seite des Chefarztes getreten, gemeinsam bilden sie die Doppelspitze der urologischen Kliniken. Mit rund 4500 Patienten jährlich „haben auch zwei Chefärzte keine Langeweile“, sagt Haupt augenzwinkernd. Die Doppelspitze solle für einen „fließenden Übergang, damit es nicht so hakt“, sorgen, sagt Haupt. Das sei besonders beim Konzept mit zwei Kliniken wichtig „Das ist mit ganz ruhiger Hand und mit Vorlauf zu sehen“, erläutert Stiftungsvorstand Wolfgang Schell. Man wolle vorbereitet sein für „ein Thema, das vielleicht in drei, vier oder fünf Jahren ansteht“, ergänzt er.

Von Prostata bis Blase

„Man muss ihm nicht die Urologie beibringen“, sagt Chefarzt Haupt über Stock, der bereits seit 2009 im St.-Vincentius-Krankenhaus als Oberarzt arbeitete, diese Funktion seit 2011 auch in Landau inne hatte, bevor er Anfang des Jahres Chefarzt wurde. Aber gerade in bürokratischen Fragen, die auch einen großen Teil der Chefarzt-Aufgaben ausmachten, könne Haupt seine Erfahrung weitergeben.

Das Arbeitsfeld der Urologie umfasse nicht nur Prostata, Harnleiter, Harnröhre und Geschlechtsorgan, sondern etwa auch Niere oder Blase, erklären die Chefärzte. Auch bösartige Tumore zählten zum Portfolio. Dank neuer Behandlungsmethoden seien Heilungschancen höher und Klinikaufenthalte kürzer. „Bei einer Nierenentfernung lagen die Patienten früher vier bis sechs Wochen im Krankenhaus, heute sind es noch durchschnittlich fünf Tage“, sagt Stock. Diagnostik- und Behandlungsmethoden hätten sich in den fünf Dekaden stetig verändert.

Das lasse sich gut am Beispiel von Nierensteinen zeigen, die rund ein Viertel der Patienten in der Urologie mit sich tragen. Früher seien sie schmerzhaft mit Schlingen entfernt worden, heute gebe es moderne Stoßwellengeräte, die die unliebsamen Steine zertrümmerten. Auch das Da-Vinci-System steht für den technischen Fortschritt in der Urologie. „Ergonomisch zu arbeiten ist ein Riesenvorteil“, sagt Stock und weist auf die bequeme Sitzposition für den Operateur hin. Damit lasse sich „besondere Feinarbeit“ ausführen – und das ganz bestimmt nicht nur am Gummibärchen.

Chefarzt-Generationen: Gerald Haupt, Hans Peter Braun und Christian Stock (v.l.).
Chefarzt-Generationen: Gerald Haupt, Hans Peter Braun und Christian Stock (v.l.).
Patient: Gummibärchen.
Patient: Gummibärchen.
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