Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Tränenreicher Abschied beim letzten Gottesdienst der Methodisten

Loslassen spielt in seiner Predigt eine große Rolle: Pastor Joachim Schumann am Altar.
Loslassen spielt in seiner Predigt eine große Rolle: Pastor Joachim Schumann am Altar.

Mit Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten treu und still umgeben“ ist die Musik in der Hagedornsgasse 4 endgültig verstummt. Der Abschiedsgottesdienst in der evangelisch-methodistischen Zionskirche war von Wehmut, Trauer und der Zuversicht gezeichnet, dass sich nicht der Glaube, sondern lediglich die Gemeindearbeit auflöst.

„Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind…“ sei auch künftig Gottesdienst möglich, war eine Besucherin aus der Gemeinde Kandel überzeugt. Erst vor einem Jahr sei sie der evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) beigetreten und habe damit ihre christliche Heimat gefunden, betonte sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Die aktuell 20 verbliebenen Speyerer Gemeindemitglieder und Freunde seien in Kandel und Neustadt sehr willkommen. „Ihre Arbeit geht nicht verloren“, war sie sicher.

Musik sei der Schwerpunkt der Zionskirche gewesen, sagte Joachim Schumann, leitender Pastor der EMK-Gemeinden Speyer, Neustadt und Kandel. Noch einmal wurden Lieder gesungen, die sowohl die Mitglieder als auch zahlreich erschienene Gäste kannten.

Sechs Vorstandsmitglieder ausgetreten

An diesem Nachmittag indes war „Loslassen“ das Thema der Predigt und im Raum, in dem die 160-jährige Geschichte der Speyerer EMK zu Ende gehen sollte. „Alles hat seine Stunde“, rief Schumann den Zuhörern in seiner Predigt zu. Die Nachmittagssonne bahnte sich ihren Weg durch die bunten Fensterscheiben der Zionskirche, als der Pastor von der lebendigen Zeit berichtete, in der in der Hagedornsgasse 4 und schon zuvor am Fischmarkt gebetet, gepredigt, zugehört, getauft, verheiratet und getrauert wurde. Er erzählte von Elternseminaren, Gesprächsrunden, christlichen Konzerten, Hauskreis, Frauenfrühstücken oder Jugendveranstaltungen. Vieles sei schön gewesen zu seiner Zeit, „aber es ist okay so wie es ist“, blickte Schumann realistisch auf die Entwicklung, nachdem sechs Gemeindevorstandsmitglieder und vier weitere Kirchenzugehörige ausgetreten und eine Weiterführung der Gemeindearbeit mangels Nachfolgern unmöglich geworden war.

Pastor geht zurück in die Heimat

Offiziell sei die Zionskirchengemeinde bereits zum 31. Dezember geschlossen worden, erklärt Schumann. Der Abschiedsgottesdienst sollte die Gemeinde noch einmal vereinen. 2020 sei er in Speyer angetreten, um bis zum Ruhestand zu bleiben, wies der Pastor auf auch für ihn unvorhergesehene Entwicklungen hin. Eine Woche zuvor habe er das Angebot aus Wuppertal erhalten, die dortige EMK zu führen und damit gemeinsam mit seiner Ehefrau in die Heimat zurückzukehren, berichtete der Pastor von einer glücklichen Fügung zur richtigen Zeit. Über die Zukunft des denkmalgeschützten Gebäudes in der Hagedornsgasse 4 sei noch nicht entschieden, sagte er. „Ein Kaufangebot liegt bereits vor.“

Viele Tränen fließen

„Es war keine verlorene Zeit“, betonte eine Frau, die der Speyerer Gemeinde jahrzehntelang angehörte. „Wo und wie auch immer – es geht weiter“, war sie sich sicher. EMK-Superintendent Stefan Kettner gab Zuversicht mit auf den neuen Weg: „Wir schließen die Gemeinde nicht, wir verlagern nur ihre Arbeit“, betonte er, bevor der symbolische Abschied von der Zionskirche eingeleitet wurde. Kerzen, Abendmahlsbesteck und Bibel wurden – von den Tränen vieler Gemeindemitglieder begleitet – vom Altar genommen und herausgetragen.

Im Anschluss an den Abschiedsgottesdienst öffnete sich zum letzten Mal das traditionelle Kirchencafé. Aber selbst gebackener Kuchen, Kaffee und viele Umarmungen konnten die Tränen einer Frau nicht trocknen, die in der Zionskirche aufgewachsen ist und das Gefühl hat, heute ihre Heimat verloren zu haben. „Ich bin froh, dass ich die Allianz noch habe, zu der ich mich auch etwas hingezogen fühle“, sagte sie und nahm Trost und Verständnis ihrer Glaubensbrüder und -schwestern entgegen.

Nach 160 Jahren ist Schluss: Der letzte Gottesdienst in der Hagedornsgasse 4 ist abgehalten.
Nach 160 Jahren ist Schluss: Der letzte Gottesdienst in der Hagedornsgasse 4 ist abgehalten.
Mehr zum Thema
x