Handball
Tine Tremmel ist Videoschiedsrichterin
Das Zünglein an der Waage spielen. Diese Rolle kommt den seit dieser Saison auch in der Handball-Bundesliga eingeführten Videoschiedsrichtern schon einmal zu. Tine Tremmel aus Waldsee sammelte beim Heimspiel der Rhein-Neckar Löwen gegen den ThSV Eisenach in ihrer Funktion erste Erfahrungen.
Was war passiert? 15 Sekunden vor Schluss, es stand 26:26, kamen die Löwen noch einmal in Ballbesitz. Trainer Sebastian Hinze nahm eine Auszeit, um den finalen Spielzug zu besprechen. Niklas Kirkelökke scheiterte mit seinem Wurf. Olle Forsell Schefvert verhinderte mit einem Foul zwei Sekunden vor Ende den Konter der Eisenacher.
Rücksprache mit Tremmel
Darauf nahmen die Schiedsrichter in der SAP-Arena die Möglichkeit des Videobeweises wahr. Die Unparteiischen Thomas Kern/Thorsten Kuschel entschieden nach Rücksprache und Betrachtung am Monitor mit Tine Tremmel sowie ihrem Kollegen Tobias Mächtel auf Siebenmeter und eine Zwei-Minuten-Strafe.
Den fälligen Strafwurf verwandelte Eisenach zum 27:26-Auswärtssieg. „Ehrlich gesagt, wäre ich gerne Zünglein an der Waage für die Löwen gewesen. Aber die Regelauslegung hat ganz klar die Entscheidung der Schiedsrichter bestätigt. Die Bilder haben die Situation noch einmal bekräftigt“, sagte die Handballerin, die aktuell bei der wSG Rheinauen, dem Zusammenschluss von TG Waldsee und Neuhofen, in der Bezirksliga spielt.
Ehemann Marco Tremmel
Eher zufällig kam die schon seit ihrer Kindheit dem Handball über ihren großen Bruder eng verbundene Tine Tremmel zu ihrem neuen Job. Ein ehemaliger Lehrerkollege und Scout Markus Bender, der für die Spielstatistik der Löwen verantwortlich zeichnet, sprach die frühere Pfalzligistin der TG an.
Lange überlegte die Ehefrau von Marco Tremmel, der in der Pfalz als Spieler und Trainer erfolgreich seine Kreise zog, die Entscheidung nicht. Zuhause gegen Leipzig Anfang November schnupperte die Grundschullehrerin der Birkenheidener Albertine-Scherer-Schule an ihrem neuen Tätigkeitsfeld und fuhr sofort Feuer und Flamme ab.
Eine Expertin
„Du bist ganz nah am Spielfeldrand und beobachtest konzentriert die Geschehnisse auf dem Parkett bis ins kleinste Detail. Technik und Kameraeinstellungen müssen passen, dass jederzeit darauf zurückgegriffen werden kann. Und irgendwann kommt der Moment, dass die Schiedsrichter auf dem Parkett uns zu Rate ziehen. Das ist schon spannend“, verrät die Mutter einer auch Handball spielenden Tochter.
Der Pädagogin (39) kommt für ihren Videoschiedsrichter-Job zugute, dass sie sich als Beraterin mit dem Thema Digitale Medien bestens auskennt. Im Februar entschied die HBL, dass die Bundesliga ab der Saison 2023/24 analog dem Fußball den Videobeweis einführt. Im Sommer fanden Schulungen für die Schiedsrichter und Operatoren, so heißen die Schiedsrichter am Bildschirm, statt.
Schiris entscheiden
Den Videobeweis fordern ausschließlich die beiden Schiedsrichter. Diese unterbrechen das Spiel und halten die Zeit an, und zeigen dann mit einem Zeichen an, dass sie eine Situation am Schirm überprüfen. Bilder stellt der Operator zur Verfügung, der die beiden Referees unterstützt. Die Bewertung obliegt aber einzig den Unparteiischen.
Bei den Entscheidungen geht es auch darum, ob ein Treffer zählt oder nicht, ob die Spielzeit abgelaufen, das Match unterbrochen wurde, bevor der Ball vollständig die Torlinie überquerte. Schwerwiegende und unfairen Aktionen der Akteure kommt eine Bedeutung zu. Im konkreten Falle, dem ersten aktiven Eingreifen von Tremmel, stand eine Situation in den letzten 30 Sekunden im Mittelpunkt, Ausschlag gebend für den Ausgang.
Schefvert foult
Das Foul von Schefvert zwei Sekunden vor Schluss fiel in diese Kategorie, so dass das Schiedsrichtergespann aufgrund des Regelwerks eingriff. Es handelte sich um die Premiere in einem Spiel in der SAP-Arena und bei den Löwen. In anderen HBL Begegnungen und bei anderen Vereinen gab es diesen Eingriff bereits.
Im Vergleich zu den Fußballern fällt die Einsatzquote im Handball noch sehr gering aus. Das sieht auch der Kapitän der Löwen, Patrick Groetzki: „Ich finde die Einführung gut und richtig. Leider wird die Möglichkeit beim Handball noch nicht so oft genutzt. Ich habe Szenen im Kopf, in denen falsch entschieden wurde, weil der Videobeweis nicht zum Einsatz kam“.
Groetzki hat Tipps
Nachholbedarf sieht der Nationalspieler in der Handhabung und Schulung der Schiedsrichter. Immer offen für eine praxisnahe Weiterbildung und einen regelmäßigen Austausch mit den Unparteiischen zeigt sich die Schifferstadterin: „Es ist ein wichtiges Instrument, bei dem es im Maximalfall um Sieg oder Niederlage für den Ausgang des Spiels gehen kann. Dafür wollen wir bestmöglich unseren Beitrag leisten.“
Durch die ab dem 10. Januar stattfindenden Europameisterschaften genießen die VAR-Operatoren der Löwen erst einmal Pause. Am 18. Februar steht das erste Heimspiel nach der Winterpause gegen die SG Flensburg-Handewitt auf dem Programm.