Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Tagesklinik geht in die Schule: Der „heiße Stuhl“ kann gut tun

Kooperationspartner (von links): Nadja Henninger, Chiara Lo Porto und Jürgen Schall mit Spielgeräten, die Kindern und Jugendlich
Kooperationspartner (von links): Nadja Henninger, Chiara Lo Porto und Jürgen Schall mit Spielgeräten, die Kindern und Jugendlichen Stress abbauen helfen.

Für Speyerer Förderschüler, die Hilfe der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie benötigen, wird die gute Rückkehr ins Klassenzimmer nicht dem Zufall überlassen.

Fabian schmunzelt schon vorab. „Mal sehen, ob der heiße Stuhl noch funktioniert.“ Der 15-Jährige drückt seinen Rücken an die Zimmerwand, bildet mit Ober- und Unterschenkeln saubere 90-Grad-Winkel – und lässt seine Muskeln spielen. Er schafft es, in dieser Haltung zu verharren. Sein Schmunzeln wird zu einem stolzen Lachen. Er hat eine Übung vorgemacht, die er in einem Kooperationsprojekt der Speyerer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Schule im Erlich gelernt hat. Diese haben zum ersten Mal die Nachsorge für Patienten der Klinik gemeinsam angeboten – und damit gute Ergebnisse erzielt, wie sie betonen.

Neben Fabian gehörten sein Zwillingsbruder Maximilian und der 13-jährige Leon zur insgesamt sechsköpfigen Gruppe. „Wir haben verschiedene Skills ausprobiert“, berichtet Maximilian von den Terminen. Es ging darum, für jeden einzelnen Teilnehmer geeignete Methoden zu finden, um Stress abzubauen. Das kann der heiße Stuhl sein, aber zum Beispiel auch der Griff zu einem Zauberwürfel, Handkreisel oder Knetball. Die Sitzungen hätten jeweils mit einer Konzentrationsübung begonnen sowie die Selbstbewertung mit einem Stimmungsbarometer und einem Beobachtungsprotokoll umfasst, erzählen die Zwillinge.

Auf Hilfen angewiesen

Hintergrund der Initiative ist, dass etliche der 180 Kinder und Jugendlichen aus der Förderschule im Erlich auf Hilfen der Tagesklinik des Pfalzklinikums in Speyer angewiesen sind. Sie kämen häufig aus belastenden Familiensituationen, hätten Brüche im Leben und in der Folge etwa Lernprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten, erklärt Jürgen Schall, Rektor der Schule im Erlich. Wenn das diagnostiziert werde und sie einen Therapieplatz erhielten, könne ein vier- oder sechswöchiger Aufenthalt in der Tagesklinik folgen. Erst danach geht es für sie wieder zurück in die Schule – ein heikler Übergang, der mit dem Pilotprojekt besser gemanagt werden soll.

„Der sogenannte Alltagstransfer ist mit Hindernissen belegt“, erklärt Chiara Lo Porto, angehende Sozialarbeiterin in der Tagesklinik. Sie war in ihrem Studium mehrere Jahre als Honorarkraft in der Schule im Erlich tätig und hat geholfen, die Kooperation einzufädeln. Wie Rektor Schall und Madeleine Ory, Pädagogische Leiterin der Klinik, kennt sie die Probleme: Die Schulsituation stellt – gerade in der Pubertät – Stress dar, es prasselt so viel auf die jungen Leute ein, dass der „Rückfall in alte Muster“ droht. Dann sei „Lösungsorientierung“ gefragt – und genau dafür werde den Schülern der richtige Werkzeugkasten an die Hand gegeben. Techniken aus dem Klinikaufenthalt würden im Schulprojekt aufgefrischt.

Breiter Bildungsbegriff

Eine Besonderheit besteht darin, dass für die fünf Termine reguläre Schulstunden eingesetzt wurden. „Wir haben eine Doppelstunde am Mittwoch etwas anders interpretiert“, sagt Schall. Das passe zum breiten Bildungsbegriff, den die Schule verfolge. Für das angestrebte Ziel, die Berufsreife samt Zugang zum ersten Arbeitsmarkt, könne das nur von Vorteil sein. Geborgenheit, Sicherheit und Selbstwirksamkeit seien wichtig für den Lernerfolg. Nicht bewältigter Stress stelle dabei eher einen Hemmschuh dar. Die Nachsorge in die Unterrichtszeit zu packen, sei ein Entgegenkommen an die jungen Leute: Sie nach der Ganztagsschulzeit ab 16 Uhr draufzusatteln, wäre eher eine Belastung.

„Wir würden das Projekt weiterführen, wenn es entsprechenden Bedarf gibt“, sagt Oberärztin Nadja Henninger, die zusammen mit Ory die Tagesklinik leitet. Es müsse eine passende Gruppe von Erlich-Schülern in einer ähnlichen Altersgruppe zusammenkommen. „Wir brechen dafür eine Lanze“, sagt Rektor Schall im Namen seines 35-köpfigen Teams. Für Henninger passt das zum Ansatz ihrer Klinik, verstärkt die Räume in der Otto-Mayer-Straße zu verlassen, um ins direkte Lebensumfeld ihrer Patienten zu gehen. Es sei auch denkbar, dafür Schüler aufzunehmen, die von niedergelassenen Psychiatern behandelt wurden. Einen schnellen Therapieplatz in der Vorderpfalz zu bekommen, sei angesichts von Wartelisten ohnehin keine Selbstverständlichkeit. „Die Versorgung ist nicht ausreichend“, bedauert Schall. Er merke bei den Schülern immer wieder, wie wichtig schnelle Hilfe ist, damit sich problematische Strukturen nicht verfestigen.

Methoden parat

Fabian, Maximilian und Leon hatten Glück. Sie haben Hilfe von der Tagesklinik erhalten, und sie waren im Pilotprojekt für die Nachsorge dabei. Sie haben die Methoden noch parat, die ihnen helfen, wenn es allzu stressig wird. Und sie haben an Statur gewonnen, wie Schall betont. Leon nickt eifrig: Ihm habe das sogar bei der weitreichenden Entscheidung geholfen, den Kontakt zu seiner Familie zu reduzieren, um sich selbst Gutes zu tun.

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