Speyer „Symbol des Aufbruchs“

Ludwigshafen. Herr Klatte, Sie betreiben Büros in Leipzig, München, Warschau und Moskau. Was reizt Sie an dem Projekt in der Ludwigshafener Provinz? Die besondere städtebauliche Position, weil der Berliner Platz eine Schlüsselstelle in der Stadt ist. Und die besondere Aufgabe, den Wandel der Warenhauslandschaft zu begleiten. Das ist sehr reizvoll, denn Ludwigshafen ist da in einer Vorreiterrolle. Das Warenhaus hat hier seine historische Funktion bereits verloren. In den mit 850 Metern viel zu langen Fußgängerzonen gibt es viele Leerstände. Die Veränderung der städtebaulichen Struktur, des Mieterbesatzes, des Einzelhandels und des Kundenverhaltens hat hier schon zu sichtbaren Konsequenzen geführt. Nicht durchweg zu positiven. Die Reaktionen auf Ihren ersten Entwurf waren jedenfalls gemischt. Viele halten den Bau an dieser Stelle für überdimensioniert – überrascht Sie das? Nein. Ich kann das gut verstehen, wenn man durch seine Stadt läuft und sich an die verschiedenen Hochpunkte gewöhnt hat. Unser Modell orientiert sich an der bestehenden Skyline. Im Umfeld der „Tortenschachtel“ gibt es Gebäude, die 77 oder 67 Meter in den Himmel ragen. Wir liegen mit 52 Metern darunter und reihen uns ein. Außerdem werden wir das Volumen an Einzelhandel von bisher vier auf drei Geschosse reduzieren und zusätzliche Angebote integrieren, die für Vielfalt stehen: Gastronomie, Büros, Wohnungen, Fitness oder Wellness. Übrigens haben potenzielle Interessenten auf der Immobilienmesse Expo Real ein noch höheres Gebäude vorgeschlagen. Das unterstreicht die guten Vermarktungschancen. Wie viele Ihrer Mitarbeiter haben an dem Entwurf getüftelt? Vier Mitarbeiter haben über ein halbes Jahr hinweg immer wieder neue 3-D-Modelle entworfen und sich dabei an der Blockrandbebauung in der Nachbarschaft orientiert. Wir wollten klare Linien und Kanten, um den Berliner Platz besser zur Geltung zu bringen. Die „Tortenschachtel“ wurde da einfach nur draufgesetzt. Wir von RKW sind im Herzen der Städte tätig und fühlen uns der Idee der europäischen Stadt als Fixpunkt gesellschaftlichen Lebens verpflichtet. Zu einem solchen soll dieser Raum werden. Zwei verschieden hohe Türme, von denen einer die „Tortenschachtel“ um das Dreieinhalbfache überragt: Warum haben Sie sich dafür entschieden? Wir füllen damit eine ganz besondere Lücke im Stadtzentrum. Das wird ein Blickfang, den man sieht, wenn man von Mannheim über die Brücke nach Ludwigshafen fährt. Das soll eine übergeordnete Landmarke, ein Orientierungspunkt werden – ähnlich wie der von uns entworfene ARAG-Tower in Düsseldorf. Daran orientiert sich jeder, der in die Stadt kommt. Ein neues Wahrzeichen also. Das wird bestimmt ein neues Wahrzeichen, weil es für Ludwigshafen einen Aufbruch symbolisiert. Uns ist es zudem wichtig, dass Gebäudeteile langfristig auch anders genutzt werden können. Aus Büros sollen bei Bedarf auch Räume für betreutes Wohnen oder ein Hotel werden können. Wie gut muss man eine Stadt kennen, um ein Gefühl für die richtige Architektur zu bekommen? Man muss die Stadt gut kennen, aber man darf nicht zu sehr in allen Themen verhaftet sein. Man darf nicht zum politischen Spielball zwischen Interessen werden, die ganz andere Motivationen haben. Man muss die Dinge in einer neutralen Distanz abwägen können, um zur richtigen Entscheidung zu kommen. Insofern ist das Ganze ein Mix aus guter Fachkenntnis der städtebaulichen Situation und einem gewissen Abstand. Sie kennen die Region, erweitern derzeit die Verwaltung der Südzucker AG in Mannheim und verfolgen in Ludwigshafen seit Jahren den Innenstadt-Prozess. Wofür steht Ludwigshafen? Ludwigshafen ist eine Stadt, die trotz aller Schwierigkeiten den Geist einer gewissen Modernität und eine Art Zukunftsversprechen ausstrahlt, die eine Aufbruchstimmung vermittelt, wie am Rheinufer Süd. Für uns Architekten ist das eine besondere Herausforderung. Anderswo sind wir in historischen städtebaulichen Situationen geradezu gefangen. Ludwigshafen dagegen strahlt immer aus, dass es einen Veränderungswillen hat. Die Stadt beschäftigt sich schon mit Themen, die anderswo vielleicht erst in fünf Jahren angegangen werden. Im Frühjahr 2015 soll abgerissen werden, das neue Haus 2017 stehen. Wie realistisch ist dieses Zeitfenster? Das ist machbar. Die Stadt hat ja schon einen Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan gefasst.