Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Stephanuswerk: Hier wird der Krieg greifbar

Irpin nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew: Ein Mann steht auf einer zerstörten Brücke. Aus der Ukraine kommen jeden Tag mehrer
Irpin nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew: Ein Mann steht auf einer zerstörten Brücke. Aus der Ukraine kommen jeden Tag mehrere Menschen in Speyer an.

In der Boschstraße in Speyer ist einer der größten Umschlagplätze für Hilfstransporte in die Ukraine entstanden. Dort hat der Bundeszentralverband des christlich-diakonischen Stephanus-Hilfswerks seinen Hauptsitz. Auf dem Gelände kommen auch täglich neue Geflüchtete an. Ein Besuch an der Stelle, wo deutlich wird, was Krieg bedeutet.

Michael Akulenkos Handy ist im Dauerbetrieb. „Mich rufen ukrainische Nummern an, die ich noch nie gesehen habe“, sagt der 30-Jährige. Der Elektriker, der hauptberuflich bei der BASF arbeitet, ist zweiter Vorsitzender des Bundeszentralverbands des Stephanuswerks. Das christlich geprägte Hilfswerk, in dem sich zahlreiche Gemeindemitglieder von Evangelischen Freikirchen versammeln, arbeitet seit seiner Gründung vor rund 30 Jahren mit slawischen Ländern zusammen. „Das ist Teil unserer Geschichte, weil wir viele Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion sind“, sagt Walter Gesswein. Der 39-jährige Röntgenprüfer ist für die Jugend zuständig.

Mehr als 30 Hilfsfahrten

Auf das Gelände in der Boschstraße mit einer großen Lagerhalle und einem dreistöckigen Gebäude bringen Menschen aus der ganzen Umgebung ununterbrochen Spenden – Lebensmittel, Hygieneartikel, Medizinprodukte, Matratzen, Kleidung und Schuhe. „Gestern war die Lagerhalle noch bis vorne voll“, sagt Gesswein. Außer den Spendern kommen auch mehrere Transporter und Lastwagen. Freiwillige Helfer verladen die Güter und fahren sie in die Ukraine. Alles, was abgegeben werde, komme hilfsbedürftigen Menschen aus oder in dem Kriegsgebiet zugute. Bis Ende vergangener Woche haben sich laut Michael Akulenko bereits mindestens 15 Transporter und mehr als zehn Lastwagen auf den über 1000 Kilometer langen Weg gemacht, hinzukommen noch Gemeindemitglieder, die privat unterwegs sind. „Die Freiwilligen fahren mit gemischten Gefühlen in das Kriegsgebiet. Sie sind sich der Gefahr bewusst. Aber sie wollen einfach helfen und haben das Gottvertrauen, gesund wieder zurückzukommen“, sagt Gesswein.

Das Stephanuswerk hatte bereits vor Kriegsbeginn mehrere Anlaufstellen in der Ukraine, über die bedürftige Menschen unterstützt wurden. Nachdem der russische Präsident Wladimir Putin seine Soldaten in die Ukraine einmarschieren ließ, entschieden sich die Verantwortlichen des Stephanuswerks, die Hilfe zu verstärken. „Wir haben im vergangenen Jahr nach der Flutkatastrophe im Ahrtal gemerkt, dass wir gemeinsam erfolgreich helfen können“, sagt Akulenko. Der 30-Jährige ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. „Man kommt nicht mehr zur Ruhe, ist 16 bis 18 Stunden am Tag beschäftigt“, sagt er. Trotz der Anstrengungen ist ihm anzusehen, wie viel Freude es ihm bereitet, Gutes zu tun.

Diese Haltung steht für die gläubigen Christen im Vordergrund: „Wir wollen uns nicht politisch äußern. Unter Gläubigen gibt es keine politischen Spannungen. Wir wollen allen Menschen helfen, auch den Russen“, sagt Akulenko. Der stellvertretende Vorsitzende des Hilfswerks berichtet von einer Situation, die sich kurz nach Ausbruch des Kriegs im Gebäude in Speyer-Nordwest zugetragen und ihn sehr bewegt habe. „Wir hatten einen Weißrussen für eine Besprechung, unabhängig vom Krieg, da. Zur gleichen Zeit kamen Flüchtlinge, die geflohen waren, nachdem sie durch Bomben geweckt wurden. Der Weißrusse war schockiert und bat sie um Verzeihung“, erzählt Akulenko.

Anlaufstelle für Geflüchtete

Bis Ende vergangener Woche sind bereits 170 Menschen aus der Ukraine bei dem Hilfswerk in Speyer angekommen. Sie halten sich kurzzeitig in dem Gebäude auf, das 25 Schlafplätze bietet, und werden dann weiterverteilt in Asylunterkünfte oder in Familien. „Die Menschen sind sehr belastet, das sieht man ihnen an. Sie mussten alles zurücklassen, für was sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Frauen, die sich von ihren Männern und Söhnen trennen mussten, sind verzweifelt“, berichtet Akulenko.

Auch wenn keiner weiß, wie lange der Krieg noch dauern wird, verbindet die Menschen eins: „Wir hoffen, dass morgen Frieden herrscht und beten dafür. Auch wenn es noch dauern wird, wir machen weiter, solange Hilfe nötig ist“, sagt Walter Gesswein. Und Michael Akulenko ergänzt: „Wir haben keine Zeit, Nachrichten zu schauen, werden aber aus der Ukraine über das Handy ständig mit Meldungen versorgt. Der Fokus liegt auf der Hilfe. Ich hoffe, dass wir nicht müde und weiter unterstützt werden.“

Info & Kontakt

Das Stephanus Hilfswerk mit Hauptsitz in Speyer ist ein eingetragener Verein, der 1990 gegründet wurde. Er entstand aus einer Privatinitiative von Alexander Konradi. Der überzeugte Christ, der wegen seines Glaubens fünf Jahre in sowjetischen Gefängnissen saß, kam 1988 mit seiner Familie nach Deutschland und rief von dort aus eine Paketaktion für arme Menschen in Kasachstan ins Leben. Heute hat der Verein deutschlandweit drei Bezirksverbände und unterstützt Menschen in Osteuropa, Asien, Afrika und Südamerika. Spenden werden werktags von 9 bis 17 Uhr in der Boschstraße 26 in Speyer angenommen. Weitere Infos unter www.cdh-stephanus.org/

Michael Akulenko
Michael Akulenko
Walter Gesswein
Walter Gesswein
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