Speyer Stefanie Seiler: „Ich glaube an 50,2 Prozent am 27. Mai“
OB-Kandidaten im Wahlkampf (2): Der Wähler rückt dem Paradies auf Erden 2019 ein ganzes Stück näher. Das garantiert jeder der vier Kandidaten – auf seinen Werbeveranstaltungen. Auch Stefanie Seiler (SPD) ist unterwegs. Die derzeitige Beigeordnete will unbedingt das Stadthaus übernehmen. Bürgerbeteiligung ist ihr großes Versprechen.
Sie will das Amt. Daran lässt sie von der ersten Sekunde des Wahlkampfs keine Zweifel aufkommen. Das Ziel hat Stefanie Seiler fest im Auge. Schon bei der Vorstellung als Kandidatin am 28. September 2018 ist das klar. Erst recht bei der Nominierung am 17. Oktober im Stagecenter in der Hasenpfühlerweide. Diese Location ist im Wahlkampf zu einer Art „Wohnzimmer“ Seilers und der Speyerer Genossen geworden. Dort schlagen sie ihre großen Schlachten, dorthin pilgert das Volk so gerne wie die Partei-Prominenz, ob sie nun Malu Dreyer, Alexander Schweitzer, Kurt Beck, Rudolf Scharping oder Jutta Steinruck heißen. Sie geben sich die Klinke in die Hand für „Steffi“ und den Sieg. Wenige Monate nach Ludwigshafen die Hauptstadt der Pfalz einzunehmen, wäre ein Triumph für die Partei. Stefanie Seiler weiß das. Sie hat Ehrgeiz, das notwendige Selbstbewusstsein, sie ist als Wahlkämpferin gereift, redet zunehmend unaufgeregt, setzt aber dabei voll auf Attacke und rackert in einer beeindruckend gut durchorchestrierten Kampagne mit hoher Disziplin seit Monaten für ihr großes Ziel. 13. März, Hotel Löwengarten: Bei der Präsentation auf Einladung der Speyerer Wählergruppe beantwortet in ruhigem Ton und entspannt die Fragen. Dann gibt sie – ganz trocken und überraschend für viele zumindest zu dem Zeitpunkt – ihr weitergehendes Ziel vor: Wiederwahl in acht Jahren. Das lässt aufhorchen. Genauso wie sie dem „Amtsinhaber“, wie sie den amtierenden Oberbürgermeister hartnäckig immer nennt, permanent „acht verlorene Jahre für Speyer“ anheftet. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit. „Speyer kann mehr“ ist ihr Mantra. „Ich kann es besser“, sagt „die Frau für Speyer“ unausgesprochen dahinter mit. 25. April, Stagecenter. Programmvorstellung der Kandidatin: „Ich bin die einzige, die ihr Programm vorstellt.“ Die Hütte ist voll. „Drei Viertel keine uns bekannten Genossen, sondern Interessierte, Fremde“, frohlocken Seiler und ihr Wahlkampfmanager Philipp Brandenburger. Die Kandidatin nimmt die Zuhörer mit auf einen virtuellen Stadtrundgang und seziert an „neuralgischen Punkten“ genüsslich das in ihren Augen erkenntliche Versagen des „Amtsinhabers“. Ihre Botschaft: Ob Wohnungsbau, Wirtschaftsförderung, AfA, Schulen, Verkehr, Kulturpolitik, ÖPNV – alles läuft falsch oder gar nicht. Einsame Entscheidungen plus teure Gutachten statt Politik mit und für die Bürger, diagnostiziert sie vor jubelnden Zuhörern. „Ich will die Bürger mitnehmen, den Schatz des Wissens und Könnens bei den Verwaltungsmitarbeitern heben“, lautet ihr Rezept für erfolgreiche Stadtpolitik. Die seien zunehmend frustriert, weil sie nicht gehört würden. Gutachten nur noch in ausgewählten Fällen. „Wenn ich Oberbürgermeisterin bin“ oder „Mit mir als Oberbürgermeisterin“, sagt Seiler gerne. Und seit die repräsentative Meinungsumfrage der RHEINPFALZ einen Vorsprung für sie ergeben hat, immer öfter. Perfekt gelingt es der Kandidatin dabei, ihre Botschaften aus dem achtseitigen Programm-Folder bei jeder Gelegenheit zu platzieren. Ob RHEINPFALZ-Podiumsdiskussion in der Stadthalle, Wahlkampfstand am Altpörtel, offenes Wohnzimmer, Frisör- oder Kneipenbesuch: Die Rhetorik ist geschult, sitzt und wirkt. Den Zuhörern gefällt es. Worte wie „Gestaltungsbeirat“ oder „Stadtlogo“ – jeweils passend eingestreut – verfehlen ihre Wirkung nicht. „Alles schöne Ideen von der Frau. Aber nicht ein Wort darüber, wie sie es bezahlt“, sagt ein Besucher, der zugibt, nichts von der Kandidatin zu halten, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Parallel präsentiert sich Seiler als Kümmererin. Sie räumt ein, wenn sie etwas nicht weiß. „Da muss ich mich erst schlau machen“, sagt sie und verspricht Rückmeldung. „Das macht sie sympathisch“, sagt Ruben Stritzinger (26). Der Speyerer arbeitet in der Wählerforschung. Er besucht nach eigenen Angaben Veranstaltungen aller Kandidaten. Bei ihm hat Seiler mit ihrer Art gepunktet. 16. Mai, Wirtshaus am Dom: Jutta Steinruck ist zu Gast. Die OB aus Ludwigshafen – seit 160 Tagen im Amt und Vorbild für Seiler – im Lebenslauf, im Politikverständnis. „Die Bürger mitnehmen, Transparenz, eine Idee ist nicht nur deswegen schlecht, weil sie von einer anderen Partei kommt“, sagt die Amtsinhaberin aus LU. „So will ich mein Amt auch ausüben“, bekennt Seiler, macht sich eifrig Notizen. Schreibt auf, dass die Hochschullehrerin Gisela Färber in der Universität Speyer ein Projekt zur Einsparung von Verwaltungskosten in Kommunen anbietet. „Das nehmen wir gerne an“, sagen Steinruck und Seiler. Jede der 40 Großveranstaltungen, tausende Haustürkontakte und zahlreiche Gespräche an Ständen, auf Marktplätzen und Straßen hätten Erkenntnisse gebracht. „Die Leute sind froh, endlich einmal gefragt zu werden. Sie wollen mitmachen, das ist gut für unsere Demokratie“, schwärmt Seiler von den vergangenen Wochen. „Ja, es gibt eine Wechselstimmung“, ist sie sicher. Der physische wie materielle Einsatz lohne sich, ist sie überzeugt. Der fünfstellige Finanzrahmen – je ein Drittel bezahlt von Kandidatin, aus Spenden und von Parteiorganisationen – werde eingehalten. Die letzte Woche Wahlkampf – Seiler erwartet keine Stichwahl – kann kommen. „Ich glaube an 50,2 Prozent am 27. Mai.“ Sie will eben den Job.