Karlsruhe
„Statements“: Magischer Tanzabend im Staatstheater
Zwei Erstaufführungen und eine Uraufführung, viel näher kann man an zeitgenössische Tanzkunst nicht herankommen. Raimondo Rebeck, Direktor des Balletts am Staatstheater Karlsruhe, hat aus seinem eigenen Stück „Blind Dreams“,„Echoes in the Dark“ von Houston Thomas und „Petite Mort“ von Starchoreograf Jiří Kylián den Tanzabend „Statements“ gemacht. Jedes Statement ist einzigartig und unverwechselbar.
In „Blind Dreams“ geht es um die Wahrnehmung eines blinden Menschen. Die Bühne ist dunkel, bis auf einen Baum, dessen Krone aus Wolken besteht. Maria Mazzotti verkörpert die junge Frau in Weiß, die nichts sieht, aber mit allen anderen Sinnen umso mehr wahrnimmt. Vorsichtig, aber entschlossen, verlässt sie die Staffelei mit dem Bild, an dem sie gemalt hat, und erkundet ihre Umgebung. Die Vögel zwitschern. Uhren ticken laut. Um sie herum hasten zielstrebig andere Menschen vorbei, die meisten von ihnen nehmen sie gar nicht wahr.
Aufgefangen wird sie von Ella Matthews, ihrem Ego in Rot. Beschützend, geradezu zärtlich tanzt Matthews mit Mazzotti, mal in perfektem Einklang, mal umeinander herum. Eine untrennbare Verbindung, bis Mazzotti versehentlich in eine Gruppe hineingerät, die sie umkreist, betastet, eine albtraumartige Sequenz. Dann, endlich, kommt ein Mann, der sich für sie interessiert. Pablo Polo und Maria Mazzotti tanzen da nicht das übliche raumgreifende Pas de deux voll spektakulärer Hebefiguren. Das Kennenlernen ihrer Figuren findet ganz vorsichtig und sanft statt. „Blind Dreams“ ist ein sehr poetisches Stück, in der tänzerischen wie in der visuellen Umsetzung.
Für „Echoes in the Dark“ ist die Bühne ebenfalls dunkel, aber dieses Dunkel wird völlig anders in Szene gesetzt. Da leuchten erst mal einzelne Scheinwerfer vom Hintergrund der Bühne Richtung Zuschauerraum, die Tänzer in den grauen Trikots mit Glitzerstreifen wirken stellenweise wie Scherenschnitte. Die Beleuchtung (wie in „Blind Dreams“ von Stefan Woinke) wechselt, taucht die Pas de deux und Soli in Variationen von Halbdunkel, bis am Ende Ganzkörpertrikots in Gold für mehr Glanz sorgen. Die zeitgenössische Musik beziehungsweise die Klanglandschaft von Johannes Goldbach und das Spiel mit dem Halbdunkel lassen „Echoes in the Dark“ sehr modern wirken. Aber die Choreografie von Houston Thomas basiert klar auf klassischem Tanz. Mitglieder des Karlsruher Ensembles führen diese Choreografie sehr virtuos, sehr schnell und sehr ausdrucksstark aus. „Echoes in the Dark“ ist ein Tanzfest in einer ungewöhnlichen Verpackung.
Erstmals in Karlsruhe
Die Stücke von Jiří Kylián gelten als Klassiker. „Petite Mort“, 1991 vom Nederlands Dans Theater bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und seitdem eines der meistgetanzten Werke Kyliáns, erlebte trotzdem erst jetzt seine Karlsruher Erstaufführung. „Petite Mort“, der „kleine Tod“, steht für Bewusstlosigkeit, aber auch für das Gefühl nach dem Orgasmus. Jiří Kylián spielt zu Musik von Mozart auf seine Weise mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs. Zur Einstimmung wird ein Filmausschnitt aus „Birth-Day“ gezeigt, einer witzigen Choreografie, die das Nederlands Dans Theater seinem langjährigen Künstlerischen Direktor und Hauschoreograf Kylián geschenkt hat. Eine passende Überleitung zu „Petite Mort“, mit dem es Musik von Mozart und Kostüme im Stil von Rokoko-Unterwäsche gemeinsam hat.
Jiří Kylián lässt erst einmal die Tänzer virtuose Kunststücke mit dem Degen zelebrieren. Dann lösen sich die Tänzerinnen aus dem Hintergrund. Mit Vitalität und Energie werden zu den Adagio-Sätzen der Klavierkonzerte Nr. 21 und 23 abwechslungsreiche Variationen von Begehren, sich Umgarnen, Hingabe und Loslassen durchgetanzt. Immer wieder wird die Intensität der Pas de deux aufgelockert durch witzige Sequenzen. Wie auf Rädern scheinen die Tänzerinnen in ihren Rokokokostümen über die Bühne zu rollen. In Wirklichkeit machen sie schnelle kleine Schritte, was man durch die auf einem Gestell montierten Kostüme gar nicht sieht. Fröhlich wird diese Illusion durchbrochen, spielen die Tänzerinnen mit den Kostümen, in denen sie gar nicht wirklich drinstecken.
Das Karlsruher Staatsballett zaubert in allen drei „Statements“ eine jeweils eigene, magische Tanzwelt auf die Bühne des Großen Hauses. Die Choreografen und das Ensemble wurden vom Premierenpublikum zu Recht dafür gefeiert.