Interview
Stasi-Opfer aus Speyer: „Mir ist nicht bange um Deutschland“
Herr Pörner, welche Bedeutung hat der Mauerfall für Sie?
Er hat für mich eine große Bedeutung. Meine Geschichte ist stark davon geprägt. Nachdem ich in der DDR im Gefängnis und in der Folge ausgebürgert worden war, konnte ich nicht mehr in die DDR reisen und somit meine Familie und meine Freunde nicht mehr sehen. Bis Dezember 1999 hätte diese Sperre dauern sollen. Zum Glück hat sich das schon 1989 geändert.
Sie hätten geweint, als sie im Auto auf der B9 von den Ereignissen in Berlin hörten, haben Sie mal erzählt …
Es war ein Geschenk, dass die Mauer gefallen ist. Für alle, die davon betroffen waren, war das mit großen Gefühlen verbunden. Meine Tante war bereits 1951 in die Pfalz geflüchtet. Das hat das Familienleben geprägt. Meine Großeltern hatten hohe Auflagen, um mit dem Zug aus der DDR nach Speyer reisen zu dürfen. Meine Tante litt unter Repressalien, wenn sie zu Besuchen in den Osten fahren wollte.
Wie sehr beschäftigt Sie Ihre Ost-West-Geschichte noch heute?
Ich habe meine Stasi-Akte eingesehen und gerade für 5. Dezember wieder einen Termin in Dresden erhalten, weil weitere Schriftstücke über mich aufgetaucht sind. Ich halte regelmäßig Vorträge über meine Geschichte, und ich habe dabei viele interessante Leute kennengelernt. Heute absolviere ich über die Gewerkschaft IG BCE eine Ausbildung zum Referenten. Das geht in Richtung Demokratie-Seminare. Am 13. November ist in Großhennersdorf in Sachsen auch mein Film „Das Ende der Mauer“ im Kino zu sehen, den ich aus 30 Stunden Filmmaterial zusammengeschnitten habe.
30 Stunden Filmmaterial?
Ich hatte 1989 im Speyerer Vogelgesang eine kleine Wohnung, einen Fernseher und einen Videorekorder und habe alles aufgenommen, was über die Ereignisse im Osten berichtet wurde. Ich wollte es später meinen Angehörigen zeigen können. Ein paar Jahre danach habe ich das auf drei Stunden reduziert. Die sind bei einer Historikerin auf Interesse gestoßen, als ich wieder in der Dresdener Gedenkstätte Bautzener Straße für Opfer der Staatssicherheit war. Sie sah in dem Film etwas Besonderes. Für mich ist das auch sehr emotional. Wenn ich sehe, wie damals die Züge mit Flüchtlingen bejubelt wurden, muss ich an die heutigen Flüchtlingsströme denken. Auch wenn die Ströme andere sind: Irgendetwas ist uns abhandengekommen.
Ist auch ein Thema von Ihnen, warum West- und Ostdeutschland heute so unterschiedlich wählen?
Ja, ich versuche mit meinen Erfahrungen, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.
Also: Warum sind die Stimmenanteile von AfD und BSW im Osten so hoch?
Es gibt eine gewisse Ausländerfeindlichkeit, die damit zu tun hat, dass die DDR darauf geachtet hat, dass es keine Ausländer gab. Das war im Westen anders. Dazu kommt die russische Sozialisierung im Osten. Mein Vater und meine Großeltern hatten es damals geradegerückt, wenn von den russischen Waffenbrüdern die Rede war. Andere hatten diese Einordnung nicht und sagen heute: Die Russen waren doch ganz in Ordnung, dann müssen die Ukrainer den Krieg angefangen haben. Dazu kamen die schwierige Corona-Zeit und nun nach der hohen Inflation die Angst vieler, den kleinen Wohlstand, den sie sich erarbeitet haben, wieder zu verlieren.
Trübt ein solcher Befund Ihren Blick auf 35 Jahre Mauerfall?Ich finde es schade, dass eine solche Entwicklung stattgefunden hat und es Leute gibt, die sagen: Demokratie ist nicht so wichtig. Andererseits gibt es natürlich Erklärungen, denn viele im Osten haben keine gute Erfahrungen in der Zeit nach der Wende gemacht. Sie wurden arbeitslos, ihre vermeintliche Sicherheit war dahin. Zudem hatten sie es nicht gelernt, sich in eine Demokratie einzubringen, weil Jahrzehnte in zwei deutschen Diktaturen sie geprägt hatten.
Wie kommt Deutschland da raus?
Man muss auf jeden Fall weiter aufeinander zugehen. Zuhören gehört dazu. Es gab auch eine Art „Siegermentalität“ im Westen, die dem nicht zuträglich war. Mir ist aber nicht bange um Deutschland: Als Berufsoptimist hoffe ich, dass sich die Fronten nicht so verhärten wie in den USA. Wir müssen mit- statt übereinander reden. Hoffnungsvoll stimmt auch, dass 40 Jahre Spaltung eigentlich nur noch bei den Älteren eine Rolle spielen. Bei den Jüngeren ist es selbstverständlich, dass wir ein Land sind.
Zur Person
Lutz Pörner (57) stammt aus Herrnhut in der sächsischen Oberlausitz. Seit 1988 lebt er in Speyer. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Der begeisterte Ausdauersportler arbeitet als Chemikant bei der BASF und engagiert sich in der Gewerkschaftsarbeit. In der DDR war der gelernte Maschinist für Großgeräte im Braunkohlebergbau 1987 von der Stasi verhaftet worden, weil diese von seiner Vorbereitung eines Fluchtversuchs Kenntnis erlangt hatte. Nach sieben entwürdigenden Wochen im Stasi-Gefängnis kam ihm eine Amnestie zugute und er durfte über einen Häftlingsfreikauf nach Westdeutschland ausreisen.
Termine
Am Dienstag, 26. November, 19.30 Uhr, referiert Lutz Pörner unter dem Titel „Und plötzlich war ich im Stasi-Knast“ in der Stadtbücherei Haltern am See.Am 5. März 2025, 19.30 Uhr, wird Pörner den Vortrag mit Diskussionsmöglichkeit an der Volkshochschule Speyer halten.