Speyer Stadtleben: Lebensweisheiten, faire Mode und eine Rikscha
Faire Mode in Speyer präsentiert
Blusen sind prinzipiell nicht die erste Wahl für die 16-jährige Anaya. In der Farbe Rot schon mal gar nicht. Doch am Samstag war alles anders. Sie fand es gut. Eine andere Perspektive auf Kleidung wollte sie gemeinsam mit zehn weiteren Frauen zwischen 13 und 79 Jahren auch anderen eröffnen. Der Weltladen in der Korngasse wurde dafür zur Bühne.
Ökologische und faire Mode präsentieren – darum ging es den engagierten Mitwirkenden. Und, wie Mitorganisatorin Ingrid Blank betont: „Wir wollen zeigen, wie attraktiv sie sein kann.“ Guter Dinge war sie, was die Reaktionen im Nachgang angeht. „Im Moment findet ein Umdenken statt“, hat Blank festgestellt.
Für Regina Huwe-Wittmann ist faire Mode schon seit Langem ein wichtiges Thema, auch im Alltag. „Ich arbeite fast seit 30 Jahren im Weltladen“, erzählte sie am Samstag bei der Modenschau. Die Verbundenheit und die Lust darauf, andere mit der Leidenschaft für fair gehandelte Kleidung anzustecken, habe sie dazu gebracht, bei der dritten Modenschau des Weltladens aktiv mitzumachen. 2019 konnten die Damen zum letzten Mal vor das Publikum treten. Dann kam die Corona-Pandemie. Umso mehr freuten sie sich darauf, wieder zu zeigen, was überlegt und bedenkenlos gekauft und angezogen werden kann. Je nach Typ sind die Kleidungsstücke für die Vorstellung im Vorfeld ausgewählt worden, sagte Blank. „Die Models sollen sich darin wohlfühlen.“ Wichtig sei es, die Jugend anzusprechen und darauf aufmerksam zu machen, dass weniger mehr sei. „Sie sollen nicht zu ,Primark’ gehen, um möglichst viel zu kaufen, sondern ihre Kleidung bewusst auswählen“, betonte Blank.
„Ehrlicherweise ist das nicht so mein Klamottenstil, aber ich finde das alles trotzdem interessant“, versicherte Anaya. Nach den ersten beiden Vorbereitungstreffen fand sie ihr Outfit gar nicht mal so schlecht. Im Urlaub die weiße Leinenhose und das blau-weiß-gestreifte Shirt anzuziehen, kann sich Lilly (13) vorstellen.
„Im Auge gehabt hatte ich die Mode bisher noch nicht, aber als ich hier alles gesehen habe, fand ich sie doch toll“, sagte sie. Durch ihre Freundin Mariella (13) ist Lilly zur Teilnahme an der Modenschau gekommen. Die Mode gefalle ihr in jedem Fall. Deshalb habe Mariella direkt ihre Unterstützung zugesagt.
Mit der Rikscha über die Hauptstraße
Unter dem Motto „Tempo machen für Inklusion – Barrierefrei zum Ziel“ fand zum internationalen Tag der Inklusion eine Informationsveranstaltung am Altpörtel statt. Initiiert von Brigitte Mitsch, der Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Behinderter und ihrer Freunde (IBF), informierten Einrichtungen und Organisationen über Inklusion im Allgemeinen und Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Speyer. Begehrt waren die Plätze in der Kirchen-Rikscha, mit der sich Besucher über die Hauptstraße kutschieren ließen. Auch Leon und Jonas, Schüler der Pestalozzischule, die in Klassenstärke vom aktuellen Schulstandort in Berghausen zum Stand kamen, waren begeistert. „Echt cool, das macht richtig Spaß“, lautete ihre Bewertung – eine Einschätzung, die später auch noch Bürgermeisterin Monika Kabs (CDU) und Beigeordnete Irmgard Münch-Weinmann (Grüne) teilen konnten.
Von Seiten der Stadt beteiligten sich das Seniorenbüro mit Leiterin Constanze Konder, die Nachbarschaftshilfe Speyer sowie Alexandra Mika, die Gemeindeschwester plus, die auch die Rikscha organisiert hatte. Sie informierten über ihre Angebote und die Möglichkeiten, in Speyer am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Auch die Aktion Mensch, die IBF, Physiotherapie Neos, Special Olympics Rheinland-Pfalz und die Inklusionslotsin des Landes Evi Weis gaben Tipps und Anregungen zur Teilhabe.
Alle Beteiligten, die mit der guten Resonanz an diesem Tag zufrieden waren, haben sich bereits zu einem Runden Tisch zum Thema Inklusion in Speyer zusammengefunden. Manche Besucher sagten spontan ihre Teilnahme an den geplanten weiteren Angeboten der Gruppe zu.
Senioren geben Jüngeren Tipps fürs Leben
„Nimm dich selbst nicht so wichtig“, sagt Hans, 89. Traudel, 82, rät: „Sei immer verantwortungsbewusst in allem, was du tust.“ Für Christa, 91 ist am wichtigsten: „Verliere niemals die Lebenslust und genieße deine Hobbys.“ Weisheiten wie diese haben Bewohner der Speyerer Alloheim-Seniorenresidenz „Storchenpark“ an die junge Generation weitergegeben. Auf Foto-Tafeln ziehen die Senioren in einem Satz Bilanz über das, was gelungen ist, was zu lange aufgeschoben oder gar nicht angegangen wurde.
Viele Projektteilnehmer hätten sich bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben gefragt: „Wo ist die Zeit geblieben?“ berichtet Einrichtungsleiter Markus Regenauer. Manche blickten auf erfüllte Jahre zurück, andere hätten lieber das eine oder andere anders gemacht. Den Senioren sei es ein Bedürfnis, Jüngere von ihrer Lebenserfahrung profitieren zu lassen, betont Regenauer.
„In Seniorenresidenzen lebt der Querschnitt unserer Gesellschaft. Jeder hat seine Geschichte, Hobbys und Leidenschaften.“ Daraus sei die Erfahrung eines langen Lebens erwachsen, an der die Storchenpark-Bewohner die teilhaben lassen wollten, die ihre Bilanz möglicherweise erst in einigen Jahrzehnten ziehen können.
In einer sich immer schneller drehenden Welt bleibe der Blick zurück zu oft auf der Strecke, erklärt Regenauer die Bedeutung des Projekts. Lange denke der Mensch, ewig Zeit zu haben, bringt es ein Bewohner auf den Punkt. Erst spät werde klar, dass das Leben endlich sei. „In die Vergangenheit gerichtete Gedanken sind auch ein Blick in die Zukunft“, sagt Einrichtungsleiter Regenauer. Die Storchenpark-Bewohner haben ihn gewagt.