Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Stadtdramaturg: So kann Speyer Hochgefühle wecken

Kreisverkehr vor dem Historischen Museum: Dass dort gefeiert wird – wie bei der Fußball-EM 2016 – ist eine Ausnahme. Ansonsten i
Kreisverkehr vor dem Historischen Museum: Dass dort gefeiert wird – wie bei der Fußball-EM 2016 – ist eine Ausnahme. Ansonsten ist es eine Pflasterfläche, die Christian Mikunda zufolge Aufwertung vertragen könnte.

„Die Stadt als Bühne“: Unter diesem Motto hat Experte Christian Mikunda über Speyers Potenziale referiert. Der österreichische Wissenschaftler war auf Einladung der Stadt und der Leistungsgemeinschaft „Das Herz Speyers“ in der gut besuchten Stadthalle. Nach einer Felderhebung hat er zehn Tipps, was in der Domstadt getan werden müsste.

1. Die Hochgefühle

„Es fehlen die letzten fünf Prozent“, sagt Christian Mikunda. Grundlage, um Speyer zur „Weltklasse-Stadt“ zu machen, seien die Hochgefühle. Aus der Palette von Begierde, Entspannung, Erhabenheit, Power, Freude, Meisterhaftigkeit und Intensität wecke die Stadt vor allem Power und Freude: Vom Dom, dem Altpörtel, der monumentalen Lutherstatue der Gedächtniskirche oder Exponaten des Technik-Museums gingen Kraft und Stärke aus. Diese würden von einem zweiten Hochgefühl, „Joy“, Freudentaumel, in positivem Sinn gebrochen. „Diese Hochgefühle müssen zusammen emotional inszeniert werden“, so der Dramaturg, der an der Schnittstelle von Psychologie, Marketing und Architektur arbeitet.

2. Der Wow-Effekt

Power und Freude ermöglichen einen „Wow-Effekt“ beim Bewohnen und Besuchen der „magischen Stadt“, so Mikunda: „Speyer ist die Stadt des Staunens, dafür darf man nicht den Dom alleine sehen.“ Es gehe um den Zusammenhang der Bestandteile. Der Dom etwa sei die „Power-Kirche“, die Dreifaltigkeitskirche die „Joy-Kirche“ mit ihrer „visuellen Völlerei“. Diese Bezüge müssten verdichtet werden.

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3. Die Heimatgefühle

Speyer kann zum „Dritten Ort“ werden, an dem man sich gerne aufhält und Heimatgefühle entwickelt, betont Mikunda. Den Weg dahin weise eine „kognitive Landkarte“. Diese sei eher psychologisch als geografisch korrekt und weise klare „Spannungsachsen“ auf. Die wichtigste davon verlaufe zwischen den Monumentalgebäuden Dom und Altpörtel und habe noch einige Inszenierungen nötig: „Eine Perlenkette mit 25 statt nur drei Perlen.“

4. Das Licht

Der Dom müsse deutlich besser beleuchtet werden. Der Verzicht darauf sei „eines der größten Sakrilege“. Die Kathedrale sei ein zentrales Element der kognitiven Landkarte. Sie präge magisch-mystisch die Silhouette beim Blick über den Rhein auf Speyer. Von der Maximilianstraße sei sie in weiten Teilen des Jahres kaum sichtbar. Entscheidungen zur Beleuchtung dürften nicht dem Domkapitel allein überlassen werden, auch die Stadt stehe in der Verantwortung. Mit dem Stephansdom in seiner Heimatstadt Wien werde ganz anders umgegangen, so Mikunda.

5. Die Knoten

Es geht nicht nur um die Achsen, sondern auch um deren Knoten. „Sie müssen betont werden“, fordert Mikunda. Als Beispiele dafür nannte er den Kreisel vor dem Historischen Museum, auf dem etwa eine Skulptur fehle. Ein weiteres Beispiel sei der Postplatz, auf dem Licht sowie bessere Fahrradständer hinzukommen müssten. Gut gestaltete Knoten ermöglichten den Zugang zu einer Stadt, wirkten als „Entrance Map“.

6. Die Viertel

Speyer hat schon „profilierte Viertel“. Mikunda nannte die Innenstadt, den Industriehof, das Technik-Museum und das Rheinufer. Diese müssten sichtbarer werden. Er sieht „unglaubliche Chancen, sie zu inszenieren“. Als ein Beispiel nannte er die Verbindung vom Technik-Museum zum Sealife am Rhein. Der „junge“ Industriehof könne mit seinem Potenzial stadtweit zum Vorbild werden. Den I-Hof-Eigentümern riet er zu einer torartigen Eingangsinstallation, „damit klar wird, wo es beginnt“.

7. Die Merkpunkte

Die Innenstadt biete darüber hinaus etliche „Merkpunkte“, die Akzente vertragen könnten, ist Mikunda überzeugt. Das seien Details wie die Fisch-Skulptur auf dem Fischmarkt mit ihrer Blickbeziehung zum Dom. Kunst im öffentlichen Raum spiele eine große Rolle. Den Fischmarkt stellte er als etwas verborgenen Platz mit überraschend hoher Aufenthaltsqualität heraus.

8. Das Grün:

Der Referent lobte die umstrittene Klima-Oase am Domplatz. Sie bringe mehr Grün in die Stadt, das Speyer guttue. Die Art und Weise, wie sie die Landschaft gestaltet, könne „ein bisschen hochgefahren“ werden. Er merke, dass bei seinen Auftraggebern Wasser und Pflanzen als Gestaltungselemente immer stärker gefragt seien, so Mikunda.

9. Das kleine Glück

Touristen und Einheimische dürfen laut Mikunda nicht gegeneinander ausgespielt werden, wenn es um Stadtgestaltung geht. Beide Gruppen profitierten von Inszenierungen. „Sie wirken im Äußeren und im Inneren.“ So werde beim Aufenthalt in Speyer „das kleine Glück“ gefunden. Für weitere Tipps dazu müsste er aber Speyer noch einmal in der Sommerzeit erkunden.

10. Die Kosten

„Irgendjemand muss die Sache bezahlen, deshalb vertraue ich in Speyer auch sehr auf die Initiative der Wirtschaft“, so Mikunda. Entscheider mit kommerziellem und nicht-kommerziellem Hintergrund sollten an einem Strang ziehen. Der Handel bereichere die Stadt. „Ein gut gestalteter Verkaufsraum hat auch eine kulturelle Dimension.“

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Über die Potenziale Speyers im Gespräch: Christian Mikunda (rechts) und Wirtschaftsförderer Mario Daum, der ihn über das Prgramm »Innenstadt-Impulse« eingeladen hat.
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