Interview
Dramaturg über Speyer: Stadt braucht „kleine Schubser“
Herr Mikunda, wie können Sie dem Speyerer Einzelhandel helfen?
Ich war vor gut einem Jahrzehnt schon mal in Speyer und habe gedacht: Wahnsinn, was für eine großartige Stadt! Seither habe ich immer wieder mit Unternehmer Peter Bödeker zusammengearbeitet, der mir ein guter Freund geworden ist. Ich freue mich, dass ich nun meine Erfahrungen aus der Strategischen Dramaturgie in Speyer einbringen kann. Zusammen mit meinem Sohn komme ich Ende der Woche für eineinhalb Tage zur Vorrecherche und würde danach der Stadt gerne ein paar Tipps geben.
Warum hat sie das noch nötig, diese großartige Stadt?
Viele mittelgroße Städte haben gerade ihr Coming-out und wissen, dass sie etwas unternehmen müssen. Bürgermeister in ganz Deutschland und Österreich sind aufgewacht. Im Speyerer Fall besteht schon ein fantastischer emotionaler Rahmen mit dem romanischen Dom im Kontrast zu all den romantischen Ecken. Darin steckt eine unglaubliche Erlebniskraft, die man dramaturgisch hochfahren kann.
Wie funktioniert das mit dem Hochfahren?
In der Analyse entsteht zunächst ein „Brainscript“. Gesucht wird sozusagen das geheime Skript, das in einer Stadt steckt. Paris ist die Stadt der Liebe, New York die Stadt, die niemals schläft. Wer weiß, was Speyer ist? Es geht darum, Hochgefühle zu identifizieren. Da ist zum Beispiel diese unglaubliche Kraft, die im romanischen Dom zu spüren ist. Speyer steht kurz davor, zu einer absoluten Weltsensation zu werden. Die Stadt hat so viele Elemente, die schon da sind und einen kleinen Schubser brauchen. Das kann mal Licht sein, aber auch mal eine andere Methode. Der Speyerer Dom leidet zum Beispiel darunter, dass er im Winter abends kaum sichtbar ist. Lassen sie mich in Speyer recherchieren, dann kann ich aufzeigen, welche Chancen diese Stadt birgt.
Welche Rolle spielt der Einzelhandel dabei, der große Hoffnungen in Ihre Expertise setzt?
Auch der Einzelhandel bringt eine Stadt zum Leuchten und kann vom öffentlichen Raum und von dessen Dramaturgie profitieren. Shoppingcenter haben einst die Emotionalität der Innenstädte auf die grüne Wiese gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Innenstädte im Urban Design von den Shoppingcentern lernen. Eine Stadt muss gedacht werden – inklusive Einzelhandel: Funktioniert die Außenwirkung eines Ladens, zieht die Spannungsachse hinein, gibt es ein Storytelling dahinter?
Machen so etwas auch Filialisten oder Ein-Euro-Läden mit?
Eine gut gemachte Stadt braucht gewachsenen, individuellen Einzelhandel, der sich engagiert, aber natürlich auch Filialisten, die sich engagieren. Eine Kette wie der Drogeriemarkt DM setzt das längst um. Wir haben sein neues Ladenbild mitgeplant, das er sich an 4000 Standorten 1,3 Milliarden Euro kosten lässt – auch in Speyer. Warten wir ab, was meine Recherche für Speyer ergibt. Ich sage allerdings vorab: Wir sind Inszenierungsexperten, die die Inszenierungsqualität im öffentlichen Raum und in den Läden verbessern wollen. Wir sind keine Unternehmensberater.
Bliebe noch die Frage nach dem Parken, das Speyerer Einzelhändler als existenziell bezeichnen …
Natürlich gehören Parkplätze dazu, und natürlich sind Fußgängerzonen wichtig. Das Verhältnis zwischen einer Stadt und ihren Händlern sollte von einem Geben und Nehmen und gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt sein.
Termin
Öffentlicher Vortrag von Christian Mikunda mit Diskussion am Donnerstag, 5. Dezember, 18.30 Uhr, im Kleinen Saal der Stadthalle. Die städtische Wirtschaftsförderung und die Leistungsgemeinschaft Das Herz Speyers haben Mikunda eingeladen. „Speyer ist im Vergleich zu anderen Städten noch in einer sehr guten Lage, aber wir sollten uns nicht ausruhen“, begründet der städtische Wirtschaftsförderer Mario Daum die Veranstaltung innerhalb des Förderprogramms „Innenstadt-Impulse“. Er hoffe auf „Akteure der Stadtgestaltung“ wie Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Händler, Gastronomen und andere Teilnehmer.
Zur Person
Christian Mikunda (66), promovierter Theaterwissenschaftler und Psychologe aus Österreich, hat nach etlichen Jahren in der Film- und Fernsehbranche die CommEnt KG als „Institut für strategische Dramaturgie“ gegründet. Mit dieser berät er nach eigenen Angaben Institutionen und Unternehmen in 25 Branchen. Er ist auch als Autor und Hochschullehrer bekannt.