Über den Kirchturm hinaus Pfarrer Thomas Klein über Luthers Spuren

Lutherdenkmal in Eisenach.
Lutherdenkmal in Eisenach.

Eine Frage im Klassenraum führt zu Fahrten nach Eisenach und Erfurt. Vor Ort wird Luther lebendig. Und ein Schatz wartet.

„Können wir da mal hinfahren?“ Mit dieser eher unverbindlichen Frage einer Schülerin aus meiner Grundschulklasse nahm die Sache ihren Anfang. Im Unterricht hatten wir das Thema Reformation und Martin Luther. Es ging um die Lebensorte von Luther, weit von Neustadt entfernt. Meine erste Reaktion war daher ablehnend: Zu weit. Dann die Überlegung: Warum nicht? Warum nicht neue Wege gehen? Einen Wunsch erfüllen? – Am Ende fuhren alle aus der Klasse mit. Eine Tradition wurde begründet. Wenn Sie diesen Beitrag in der RHEINPFALZ lesen, ist gerade wieder eine Konfirmanden-Gruppe aus Mußbach-Gimmeldingen- Königsbach mit mir in Eisenach und Erfurt, der Stadt mit den glücklichen Bürgern, wie gerade zu lesen war. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich in den letzten 25 Jahren mit jungen Leuten dort war.

Es ist etwas anderes, über ein Thema zu lesen oder vor und in den historischen Gebäuden zu stehen. Hier hat Luther studiert. Hier wollte er auf einmal Mönch sein und hat alle Pläne umgeworfen, die sein Vater mit ihm hatte. Hier hat er eine Lebenskrise bewältigt, indem sich ihm erschloss, was Gottes Gnade ist und seine Liebe wie ein großer Backofen. Hier musste er sich verstecken, weil diese Entdeckung nicht nur sein Leben veränderte, sondern die Kirche zu ihrer Quelle – der Bibel – zurückführte. Hier hat er das Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Hier, wo Generationen von Besuchern den Putz mit dem aufgebrachten Tintenfleck von der Wand gekratzt haben, hat er den Teufel „mit der Tinte vertrieben“. Allerdings nicht durch einen Wurf mit einem Tintenfass, sondern mit fleißigem Arbeiten und Schreiben.

Kritische Auseinandersetzung notwendig

Die eigenen Ziele und den eigenen Weg dahin finden, fremden Erwartungen und Autoritäten das Gewissen entgegensetzen, sich seine eigenen Vorbilder suchen, sein eigenes Leben als geliebt und begnadet und sich selbst als Gottesgeschenk verstehen – das bleibt immer aktuell.

Dazu gehört auch, sich mit Luther als Vorbild kritisch auseinanderzusetzen. Eine Linie von Luthers Theologie führt geradewegs zur Judenfeindschaft der Nazis und eine andere zu Dietrich Bonhoeffers Einsatz für bedrohtes jüdisches Leben. Auch das wird ein Thema dieser Reise sein, wenn wir die Synagoge besuchen und den Goldschatz sehen, der von seinen jüdischen Besitzern vergraben, aber nicht mehr ausgeborgen werden konnte. Wo fahren Sie denn im nächsten Urlaub hin?

Der Autor

Thomas Klein ist protestantischer Pfarrer in Gimmeldingen.

 Thomas Klein
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