Speyer Sportschuhe sind am schnellsten weg
«WALDSEE.»Es ist Dienstagnachmittag 14 Uhr. Die ersten Kunden der Kleiderkammer in Waldsee haben im Eingangsbereich auf den Stühlen Platz genommen. Hinter der „Theke“ aus alten Schulbänken finden sich nach und nach die ehrenamtlichen Helfer ein. Alles ist schon vorbereitet: die Regale gut gefüllt, die Kleiderständer in der Mitte des rund 300 Quadratmeter großen Raumes hängen voll. Entlang der Wand stehen Regale, sortiert nach Kleidung für Kinder, Männer und Frauen, Bettwäsche, Tischdecken und Handtücher. Im hinteren Bereich sind Geschirr und Kleinmöbel, ein weiteres Regal mit Elektrogeräten. Außerdem gibt es noch eine kleine Schuhabteilung. Offiziell geht es erst um 15 Uhr los, aber in der Regel lässt Manfred Knittel, der im Eingangsbereich für einen geordneten Ablauf sorgt, die Kunden schon eine halbe Stunde früher in den Verkaufsraum. Es werden immer mehr, darunter auch viele Frauen mit Babys. „Heute keine Pampers. Erst wieder im November. Pampers: nächster Monat“, sagt Knittel immer wieder, woraufhin einige wieder gehen. Gegen 14.20 Uhr steht eine Afrikanerin auf, bindet sich die winzige Tochter auf den Rücken und greift sich einen der bereitstehenden Einkaufskörbe. Wie auf ein Kommando tun es ihr alle in dem mittlerweile überfüllten Vorraum gleich und Knittel schiebt die Trennwand zur Seite: Der Verkauf beginnt. Das Publikum ist bunt gemischt: Überwiegend Asylbewerber, viele Kinder sind dabei. Vor dem Regal mit Frauenkleidung wimmelt es. Einiges steht in großen Wannen bereit und wird begutachtet, andere Kleidungsstücke und Bettwäsche holen Leni Gimmy und Birgit Nägele aus dem Regal. Bei den Männern geht es etwas ruhiger zu. „Am meisten gefragt sind Sportsachen“, sagt Ruth Weiß und zeigt auf einen Korb mit Shirts und Jogginghosen. Ein paar Meter weiter bei der Kinderkleidung stehen viele Mütter und Kinder. Ein Junge fragt, ob es Hosen für Babys gibt. „Wie groß ist das Baby?“, will Liz Melis wissen. Der Junge verschwindet und kommt kurz später mit einem Kleinkind im Arm zurück, hebt es hoch und sagt: „So groß.“ Die Auswahl der Kleidung überlässt er dann seiner Mutter und den jüngeren Schwestern und erzählt, dass die Familie aus Afghanistan kommt. Später will er wissen, ob es „Fußballstrümpfe“ und Torwarthandschuhe gibt. Doch die sind Mangelware. Auch in der Schuhabteilung sind die meisten Sportschuhe schon ausverkauft. „Die sind am schnellsten weg. Was gar nicht geht, sind Herren-Lederschuhe. Es soll schon sportlich sein“, sagt Brigitte Heinrich. Eine junge Frau steht mit vollem Korb bei Manfred Knittel und fragt, ob sie Mengenrabatt bekommt. Sie möchte die Kleider ihrer Mutter in Rumänien schicken, die sie in ein Waisenhaus bringt. „Nächstes Mal bringe ich Foto mit“, verspricht sie und Knittel drückt ein Auge zu. Normalerweise darf jede Person maximal fünf Stücke kaufen. Auch Frauen aus Polen kämen regelmäßig und suchten Kleidung für die Familie zu Hause, erzählt Knittel. Die Kleiderkammer sei ja für jeden geöffnet und es kämen auch regelmäßig deutsche Kunden, wenn auch nicht allzu viele, erklärt er. „Ich finde die Kleiderkammer prima“, bestätigt eine junge Mutter aus Waldsee. Ihr kleiner Sohn würde so schnell aus den Sachen herauswachsen, dass sie ständig neue Kleidung brauche. Neu kaufen lohnt sich nicht, findet sie. Regelmäßig zu Gast sind auch zwei ältere Frauen aus Rheingönheim. „Wir bringen immer etwas vorbei und nehmen etwas mit, wenn uns etwas gefällt“, erzählt eine und zeigt eine schicke Winterjacke, die sie gerade anprobiert hat. Nach und nach gehen die Kunden an die Kasse zu Volker Kirsch und Bea Förch. Kirsch rechnet zusammen, am Ende kommt ein eher symbolischer Preis heraus. Die ein bis zwei Euro pro Kleidungsstück setzt er meist gar nicht voll an. Angst, ausgenutzt zu werden, hat er nicht. „Natürlich kann es vorkommen, dass jemand die Sachen dann auf dem Flohmarkt verscherbelt“, sagt er. Aber die meisten brauchten sie wirklich. Nur handeln lässt Kirsch mit sich nicht mehr. Am Ende bleibt doch einiges an Geld in der Kasse. Von den Einnahmen kaufen die Helfer in der Kleiderkammer Dinge, die sie nicht gespendet bekommen, die aber ständig nachgefragt werden. Beispielsweise Windeln vom Discounter, die sie zum halben Preis weitergeben. „Das Kind, für das die Windeln benötigt werden, muss aber dabei sein. Und für jedes Kind gibt es nur eine Packung“, erklärt Knittel. Außerdem spendet die Kleiderkammer einen Teil ihres Erlöses an die Kindergärten im Ort. Kürzlich hat jeder der vier Kindergärten 700 Euro bekommen. Möglich sei das alles nur durch die vielen Kleider und Sachspenden von Bürgern, für die man sehr dankbar sei, betont Knittel. Nach einer knappen Stunde wird es ruhig im Verkaufsraum. Nur im Nebenraum sortieren Doris Jungkind und Elke Richter weiter Kleiderspenden. Die Helfer kommen miteinander ins Gespräch. Darunter sind auch zwei Syrer und eine Georgierin. Lana Almurabet hilft gerne mit. Die junge Syrerin ist mit ihrer Familie Ende 2015 nach Waldsee gekommen. „Die Kleiderkammer ist wichtig für uns“, erklärt sie. „Wir haben hier ja bei null angefangen und müssen Schritt für Schritt alles wieder aufbauen.“ Für sie sei es im Moment wichtiger, von ihrem Geld Bücher als teure Kleidung zu kaufen. Sie hilft gerne selbst in der Kleiderkammer mit, einerseits um etwas zurückzugeben, andererseits um von den anderen Helfern zu lernen. „Nicht nur die Sprache“, wie sie betont.