Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyers Kindergärten füllen sich wieder

Maske auf: In Kitas gelten strenge Auflagen, wobei die Arbeit am Kind eine Ausnahme darstellt.
Maske auf: In Kitas gelten strenge Auflagen, wobei die Arbeit am Kind eine Ausnahme darstellt.

„Regelbetrieb bei dringendem Bedarf“ – so heißt die Regelung, die an den rheinland-pfälzischen Kitas im Lockdown für einige Diskussionen gesorgt hat. Er habe seine Meinung dazu geändert, betont der Leiter der zuständigen Abteilung der Stadtverwaltung. Und: Die Geduld der Eltern schwinde, das lasse sich auch mit Zahlen belegen.

„Die Eltern werden immer ungeduldiger“, sagt Michael Stöckel. Er ist als Leiter der städtischen Kita-Abteilung für zwölf der 26 Kitas und Horte in Speyer mit gut 200 pädagogischen Fachkräften direkt zuständig. An ihn werden die Rückmeldungen der Kita-Leitungen weitergegeben. Stöckel betont, dass die Bitte des Landes und der Kita-Träger, die Kinder nach Möglichkeit zu Hause zu betreuen, immer noch beachtet werde. Seit 16. Dezember ist das so: Es sollen möglichst wenige Kontakte stattfinden, um die Corona-Gefahr einzudämmen. Aber: Es falle den Familien zunehmend schwer.

Viele Eltern gerieten an ihre Grenzen, so Stöckel. Seien sie etwa zu Beginn des Jahres noch zu Hause zurecht gekommen, müssten sie nun doch etwa zurück in den Job und daher den Regelbetrieb bei dringendem Bedarf in den Kitas in Anspruch nehmen. Bei den städtischen Einrichtungen seien vorige Woche erstmals mehr als die Hälfte der Kinder wieder dagewesen, so die Stadt auf Anfrage. 517 von 947 Plätzen, umgerechnet 54,6 Prozent, waren es. Zum Vergleich: In der ersten Kalenderwoche wurden nur 296 Kinder gebracht (31,3 Prozent). Dazwischen war die Quote stetig angestiegen.

Beschwerden am Telefon

Stöckel sieht die Tendenz nicht nur mit den Zahlen, sondern auch mit Telefonaten belegt. Am Montag seien es auffallend viele Eltern gewesen, die mit Groll bei ihm gelandet seien.

„Sie haben meist Verständnis, wenn sie es erklärt bekommen, und ich habe auch Verständnis für sie“, so der Abteilungsleiter. Oft seien es nämlich unglückliche Fälle, in denen die Gruppen der Kinder wegen Personalmangels geschlossen werden müssten. Mitarbeiter wie Kinder seien so konsequent festen Gruppen zugeordnet, dass in Krankheitsfällen keine Aushilfen möglich seien. Zuerst würden dann Öffnungszeiten reduziert, im Extremfall Gruppen geschlossen.

Leider gebe es „Mehrfachbetroffene“, so Stöckel, deren Erzieherinnen wiederholt ausgefallen seien. Es habe auch zuletzt noch einige Corona-Fälle gegeben – einmal sogar bei einem Krippenkind unter zwei Jahren –, aber meist seien es andere gesundheitliche Gründe. Dazu komme die Anweisung, dass Kita-Personal auch bei Schnupfen daheim bleiben solle. Stöckel ist ein großer Fürsprecher des Schnelltests-Angebots, das die Stadt in der Jugendförderung speziell auch Erziehern macht: „Die Strategie geht auf. Wir testen bei Verdachtsfällen sehr viel. So haben wir zuletzt auch infizierte Familienmitglieder eines Kita-Kindes entdeckt, die asymptomatisch waren.“

Testangebote an Personal

Manche Kita-Belegschaften – wie donnerstags von der „Wola“ als größter städtischer Einrichtung – kämen jede Woche fast komplett zum Testen, andere gar nicht, berichtet Stöckel. Es sei ein freiwilliges Angebot und eine Hilfe für die Frauen und Männer, die „an die Front geschickt“ würden, die die Schutzbefohlenen meist ohne Maske trösteten, wenn sie etwa hingefallen seien. Im Umgang mit den größeren Hort-Kindern und mit Erwachsenen gelte jedoch Maskenpflicht; die Hygienepläne würden strikt eingehalten.

Stöckel bekennt, anfangs ein Kritiker dieser Form des Regelbetriebs gewesen zu sein. Inzwischen sei er aber überzeugt, dass sie besser sei als der vielfach geforderte Notbetrieb, bei dem streng definiert werden müsste, welche Berufsgruppen ihre Kinder bringen dürften. „Das hatte viel mehr Debatten und Nachbesserungen erfordert.“ Stöckel bereitet ein anderer Punkt Sorgen: In einigen Monaten würden die Entwicklungsdefizite bei vielen nicht betreuten Kindern klar erkennbar, befürchtet er. Sein Lösungsansatz: Kita-Personal ganz nach oben in der Impfstrategie. „Das wäre der Schlüssel zum Erfolg und auch für eine kontinuierliche Betreuung.“

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Kalkuliertes Risiko

Die Kindertagesstätten schaffen das, was ein Weg für die gesamte Gesellschaft sein könnte: Sie gehen mit kalkuliertem Risiko durch die Corona-Krise. Es ist ein Mittelweg zwischen absoluter Sicherheit, die auch der härteste Lockdown nicht bietet, und den lauter werdenden Rufen, alles zu öffnen, was virologisch eine Katastrophe wäre. Dafür braucht es gute Nerven. Die Erzieher machen es vor.

Michael Stöckel
Michael Stöckel
Mehr zum Thema
x