Speyer
Speyers Jahrhundert-Promi feiert Geburtstag
„Ich bin mit meinem Leben zufrieden“, sagt Margarete Boiselle-Vogler. „Es war wohl manchmal mühsam, aber es hat auch so viel Schönes, dass ich nur dankbar sein kann.“ Dass es stets abwechslungsreich ist, habe sich bereits in der Kindheit angedeutet: „Ich war als Einzelkind meines Vaters Sohn und meiner Mutter Tochter“, betont die Jubilarin und schmunzelt. Papa Richard vom „Voglerhof“ in der Armbruststraße, Landwirt und Kiesfabrikant, habe sie früh in das Geschäft mit Baustoffen eingeführt. Ihre Mutter habe ihr den Lyzeum-Besuch ermöglicht und sie mit all den schönen Künsten vertraut gemacht.
Boiselle-Vogler erzählt das druckreif. Das Interesse an den Menschen und an „ihrem“ Speyer hält sie jung. Ohne die RHEINPFALZ-Lektüre am Morgen sei sie „ungenießbar“, sagt sie und grinst schelmisch. Sie ist nicht nur Mitglied in rund 20 Vereinen, sondern auch von mehreren Stammtischen. Zum Glück gebe es das Telefon, sagt sie über die Lockdown-Phasen in der Pandemie. Sobald es möglich war, hat sie wieder Gäste empfangen: „Ich freue mich jeden Tag, wenn Bekannte kommen, wenn ich politisieren und so am täglichen Leben teilhaben kann.“
So soll es auch an ihrem Ehrentag sein. Geboren wurde sie an einem Pfingstmontag auf dem elterlichen Hof, das Jahrhundert vollendet sie am Pfingstsonntag. „Nach so vielen Ehrungen im altehrwürdigen Stadtsaal bin ich glücklich, mit meiner Tochter und meinen lieben Freunden gemütlich in meinem Haus feiern zu können.“ Zelte sind aufgebaut, Essen und Trinken bestellt – für rund 150 Personen. Unter anderem der ehemalige Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) und alle drei noch lebenden Oberbürgermeister der Stadt Speyer hätten schon zugesagt. Die Freundesliste ist lang.
Zehn Mal wiedergewählt
„Erarbeitet“ hat sich Boiselle-Vogler die Kontakte nicht nur, aber vor allem als Kommunalpolitikerin. 1953 in die SPD eingetreten, zog sie 1964 erstmals in den Stadtrat ein und wurde zehn Mal wiedergewählt. „Die Wertigkeit musste ich mir erarbeiten“, sagte sie bei ihrer Verabschiedung 2014 über ihre frühere Rolle als Frau in der Politik. Dass sie vor allem im Bau- und im Kulturausschuss Wegmarken gesetzt hat, belegt ihr breites Spektrum. Und dass sie auch mit 92 noch eine Periode im Kulturausschuss angehängt hat, steht für ihre Arbeitsmoral.
Da ist Boiselle-Vogler auch schon angelangt bei ihrem ganz persönlichen Geheimnis für langes Leben: „Die Überschrift lautet Arbeit. Ich war immer in Bewegung. Manchmal hätte der Tag mehr als 24 Stunden haben können.“ Wenn man etwas gerne mache, dann sei es kein Stress. Tochter Gabriele, eine renommierte Fotografin, die das Leben ihrer Mutter dokumentiert, nickt eifrig. Der Sport habe für Bewegung im Wortsinn gesorgt: Als Leichtathletik hätte es die junge „Margret“ zu den Olympischen Spielen 1940 schaffen können, wenn diese nicht dem Krieg zum Opfer gefallen wären. Reitsport und Tennis waren ihr ebenfalls wichtig, solange es möglich war.
Ihr Gedächtnis ist bestens, ihr Leben reich an Erlebnissen, ihr Erzählstil einzigartig. Nur eine der treffend zum Besten gegebenen Anekdoten ist die, wie sie mit 17 Jahren zur vielbestaunten Bulldog-Fahrerin wurde: „Alle Männer wurden eingezogen, und plötzlich saß ich am Steuer.“ Tabak aus Jockgrim und Zement aus Leimen habe sie zum Beispiel durch die Rheinebene chauffiert. Seit 1951 trägt sie die Verantwortung für das Kieswerk Vogler, noch heute sitzt sie täglich am Schreibtisch. Der Bau des neuen Kieswerks am Binsfeld mit Beratung von Gatte Werner, einem Ingenieur, und die Gründung eines Betonwerks waren Meilensteine als Firmenchefin. „Hat sehr viel Spaß gemacht“, sagt sie in Erinnerung an das Betonwerk.
Stolz auf die Stadt
Sie sei stolz, wie sich Speyer auch mit ihrer Mitwirkung entwickelt hat, sagt die Jubilarin. „Speyer mit seinen acht toten Kaisern hat sowieso kein Leben“ – so sei einst gespottet worden. Das habe sich unter den vier Oberbürgermeistern, die sie als aktive Politikerin erlebt habe, geändert. Heute stehe an der Stadtspitze mit Stefanie Seiler (38) eine „fantastische Oberbürgermeisterin mit viel Tatendrang“, deren sozialdemokratische Familie sie lange kenne. „Sie spielt in der Speyerer SPD nach wie vor eine herausragende Rolle“, lobt der heutige Stadtverbandschef Walter Feiniler Boiselle-Vogler. Persönlich habe er seit seiner Kindheit eine besondere Verbindung zu ihr.
Feiniler war es auch, der die Speyerer Ehrenbürgerwürde für die jahrzehntelange Stadträtin beantragt hat. Gut ein Jahr vor ihrem 100. Geburtstag war das, aber bis heute gibt es keinen politischen Beschluss dazu. Nicht alle Fraktionen seien dafür, lässt Feiniler durchblicken, und solange keine breite Mehrheit stehe, lasse er den Antrag ruhen. Boiselle-Vogler will sich zu diesem „leidigen Thema“ nicht äußern. Klar ist: Es betrübt sie ebenso wie ihre Tochter. Sie ist Trägerin vieler Ehrungen von Stadt, Land und Partei, aber Speyers erste neue Ehrenbürgerin seit 2003 zu werden, das wäre schon ganz besonders, lässt sie durchblicken.