Speyer
Speyerer Orden: Zukunft liegt in Südamerika
„Stress ist, wenn man sich stressen lässt“, sagt Schwester Roberta Santos da Rocha. Die Brasilianerin gehört seit Ende der 1980er-Jahre den Speyerer Dominikanerinnen von St. Magdalena an. Seit 2022 leitet sie als Generalpriorin den Orden. Sie hat sich seit Tagen in Stille auf das Weihnachtsfest vorbereitet. Die Termine als „Managerin“ einer internationalen Ordensgemeinschaft hat sie in den vergangenen zwei Wochen radikal reduziert.
Wenn ihr Heiligabend um 6 Uhr beginnt und nach Mitternacht am Tisch mit ihren Mitschwestern endet, ist sie nicht gestresst. Um 6.30 Uhr die Laudes, in der Folge eine Messe, ein Rosenkranzgebet um 17.30 Uhr, die Vesper um 18 Uhr und die Christmette um 22 Uhr sind die religiösen Fixpunkte an diesem Tag. Ihr Amt als Generalpriorin bedingt aber viel mehr.
Das gilt für das Oberhaupt des im Jahr 1228 errichteten Ordens an 365 Tagen in Jahr. Das Kloster St. Magdalena im Hasenpfuhl ist das Mutterhaus einer auf zwei Kontinenten verteilten Gemeinschaft. Bis 1937 war diese nur in Deutschland tätig, dann verboten die Nationalsozialisten deren Lehrtätigkeit und sie ging in die Mission nach Brasilien und Peru. Der Orden zählt heute 23 Schwestern in Speyer und rund 80 insgesamt. „In fast 800 Jahren hat unsere Kongregation viele Höhe und Tiefen erlebt“, so Schwester Roberta. Sie sei bis auf drei Frauen geschrumpft gewesen, habe aber auch schon an der 200er-Marke gekratzt.
Schwierige Altersstruktur
Das Speyerer Kloster zwischen Hasenpfuhlstraße und Bärengasse ist auf größere Verhältnisse ausgelegt. Die meisten der 200 Zimmer werden nicht mehr benötigt; gerade wurde ein Trakt ganz geräumt. Im noch genutzten Bereich spielt die Krankenstation eine wichtige Rolle: Altersbedingt sind mehrere Schwestern auf Pflege angewiesen. Jüngere Frauen kommen zumindest in Deutschland kaum nach. Zwei Mitglieder sind unter 50, fünf weitere unter 60, darunter die 54-Jährige Generalpriorin. Der Großteil hat die 80 schon überschritten. Die beiden ältesten Schwestern sind Alberta und Consuela mit jeweils 93 Jahren.
„Ich führe kein Buch“, sagt Consuela, wenn sie auf ihre lange Zeit in der „Kongregation der Dominikanerinnen zur hl. Maria Magdalena“, so der vollständige Name, angesprochen wird. Die Seniorin ist in Cochem als siebtes von zehn Geschwistern aufgewachsen und hat dem Orden lange als Lehrerin in Peru gedient.
Die christliche Erziehung der Jugend war fast von Beginn zentral für die Schwestern von St. Magdalena. Bis 2006 haben sie in Speyer die Edith-Stein-Schulen verantwortet, 2013 mit der privaten Grundschule St. Magdalena eine Neugründung gewagt. Die macht viel Arbeit und ist ein Kostenfaktor, auch weil längst nicht mehr so viele Ordensfrauen wie am Anfang unterrichten. Sie hat aber wieder mehr Leben hinter die Klostermauern gebracht und entwickelt sich stabil, wie Hermann-Josef Bröerken, Geschäftsführer des Ordens, betont.
Kostendruck bereitet Sorgen
Wenn die Generalpriorin und ihr Verwaltungschef Besucher durch das Kloster führen – immer wieder klingeln Interessierte an der Pforte und sind willkommen –, sehen diese Ordensfrauen im Gebet in der schmucken Klosterkirche. Sie sehen an jedem Treppenabsatz geparkte Rollatoren: Lifte sind in den historischen Gebäuden baulich nicht möglich, aber mehrere Schwestern auf Gehhilfe angewiesen. Die langen Flure sind meist leer. Das hat damit zu tun, dass zum Klosterleben viel Stille in der eigenen Zelle gehört, aber eben auch mit den zu groß gewordenen Dimensionen.
Für Geschäftsführer Bröerken sind diese eine zentrale Herausforderung. Der Orden wirtschaftet sparsam, der Kostendruck ist aber nicht wegzudiskutieren. Gespräche darüber liefen, Näheres könne er noch nicht sagen, so der 64-jährige Geschäftsführer. Auf dem drei Hektar großen Gelände sind auch 25 Angestellte des Ordens tätig – 16 in der Schule, neun, die das Kloster betreiben. „Wir wollen auf diesem Flecken präsent bleiben“, so Schwester Roberta. „Er ist sehr wichtig für uns.“ Das Mutterhaus sei die historische Heimat der Schwestern, ihr spirituelles Zentrum, ihr heiliger Ort.
Vertrauen, dass es weitergeht
„Ich habe Vertrauen, dass es weitergeht, auch wenn ich nicht weiß, wie genau“, sagt die Generalpriorin. Das ist bei der gelernten Lehrerin und Erzieherin nicht einfach so dahergeredet. Als die Schwestern im Nationalsozialismus nicht mehr als Lehrerinnen tätig sein durften, habe sie mit ihrem Einsatz in Brasilien und Peru eine neue Tür für sie geöffnet. Das sei vielleicht auch heute wieder die Lösung. „Wenn in Deutschland nichts kommt, muss man etwas anderes machen“, sagt Schwester Roberta. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihren jüngsten Einsätzen in Peru und Kolumbien berichten. Dieses Jahr habe sie fünf Monate in Südamerika verbracht. Dort entstehe gerade viel Neues.
Zu den sechs Häusern und zwei Schulen in Brasilien sowie den vier Häusern und drei Schulen in Peru komme seit einem Jahr das Engagement in Kolumbien. Die Schwestern haben dort ein Haus gekauft und Kontakte bis in höchste Kirchenkreise geknüpft. „Wir wollen mit Frauen arbeiten“, erklärt Schwester Roberta den Aufbau eines Nähprojekts mit 25 Plätzen als „Hilfe zur Selbsthilfe“ in einer bitterarmen Region. Außerdem werde ein internationales Bildungshaus in der Hauptstadt Bogota aufgebaut, das künftig die Ausbildung für alle Postulatinnen und Novizinnen übernehme. „Wer eintritt, muss nach Kolumbien gehen.“ Für die Chefin markiert das auch einen „Neuanfang“ für ihr Konzept in Südamerika: Dort sei eine Zeit lang nicht so viel Augenmerk auf Bildung gelegt worden wie in Deutschland, wo seit eh und je Lehrerinnen ihre Heimat in St. Magdalena fanden, viele davon promoviert.
Im Internet unterwegs
„Wie ein Blitz“ habe sich das Engagement in Kolumbien ergeben, erklärt Schwester Roberta. Auf einmal war die neue Tür geöffnet. „Ich habe gebetet, und alles ist reibungslos gegangen.“ Sie zückt ihr Smartphone und spielt Filmchen ab, die in angesagten sozialen Netzwerken laufen könnten – und das auch tun: Lachende junge Schwestern in der weißen Tracht stellen ihr Leben vor. Schnelle Schnitte, eingebaute Gags, kurze Erklärungen. „Berufungspastoral über das Internet ist neu für uns“, berichtet Schwester Roberta. Es könne auch ein Vorbild für Deutschland sein. „Das macht mir Freude“, sagt sie beim Blick auf die neue Generation und grinst schelmisch. „In Südamerika wird viel gefeiert, da komme ich gar nicht mehr richtig mit in meinem Alter.“
Auch an Weihnachten wird deshalb über den Ozean geblickt. Meistens nach der Kaffeetafel am ersten Feiertag werde über Videotelefonie aus Speyer Kontakt mit den anderen Konventen aufgenommen. Die Generalpriorin ist an diesen Tagen auch viel bei ihren bettlägrigen Mitschwestern und nimmt sich Zeit für ihre eigene Familie in Brasilien. „Die warten darauf. Ich bin hier, weil sie mich unterstützen“, sagt das älteste von neun Kindern der Familie. Ihre Familie in Speyer ist die Ordensgemeinschaft, in der an Weihnachten auch eine Bescherung stattfindet. Vorab dürfen Wünsche geäußert werden, um die sich dann die zur Hausoberin gewählte Schwester und wahrscheinlich das Christkind kümmern. Bliebe nur noch eine Frage zu klären: Was wünscht sich eine Ordensfrau? „Man hat ja eigentlich alles“, sagt Schwester Roberta und lacht. „Was jeder braucht“, ergänzt sie dann und nennt Bücher oder Schuhe als Beispiele. Im vorigen Jahr sei es aber auch gelungen, für eine Schwester eine Psalter, ein historisches Zupfinstrument, zu besorgen.
Die Geschichte
„Von den rund 60 ehemaligen Klöstern der Pfalz hat unser Kloster als einziges die Jahrhunderte und deren Wirren überdauert. Seit fast 800 Jahren leben und wirken hier die Ordensfrauen und sind da für Gott und die Menschen.“ So beschreibt die „Kongregation der Dominikanerinnen zur hl. Maria Magdalena“ ihre Einzigartigkeit. Seit dem 14. Jahrhundert vertrauten Speyerer Bürger den Schwestern im Hasenpfuhl ihre Kinder zur Erziehung an. Die Ursprünge liegen in einer Gemeinschaft von Reuerinnen, die 1228 von St. Leon nach Speyer übersiedelte und Privatgelände geschenkt bekam. 1304 erfolgte die Umwandlung in ein Dominikanerinnenkloster, das seither – mit Unterbrechung von 1802 bis 1807 – besteht. 1923 bis 1931 wirkte hier die Philosophin Edith Stein als Lehrerin. Sie wurde im Nationalsozialismus ermordet. 1998 wurde sie heiliggesprochen.
Die Sache mit den Clarissinnen
Das Kloster St. Magdalena strebt nicht nach Schlagzeilen – auch wenn es künftig etwas mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben will. Trotzdem war es im Sommer sogar bundesweit in den Medien, als es nach der Auflösung einer Ordensgemeinschaft der Clarissinnen im sächsischen Bautzen erwähnt wurde. Diese war nach einem Streit zerbrochen, und drei der acht Schwestern wurden in Speyer aufgenommen. „Wir haben die Türen für sie geöffnet“, so Geschäftsführer Hermann-Josef Bröerken. Deren Beitritt sei aber nicht geplant. Sie lebten wie Mieterinnen in St. Magdalena.