Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyerer Feuerwehrfrau: Kameradschaft jenseits von Geschlecht

Feuerwehrfrau Selina Birnbaum mit ihrem Kollegen Johannes Weis, der sich in der Grundausbildung befindet.
Feuerwehrfrau Selina Birnbaum mit ihrem Kollegen Johannes Weis, der sich in der Grundausbildung befindet. Foto: Feuerwehr Speyer

Selina Birnbaum arbeitet „alleine unter Männern“. Seit dem Frühjahr 2019 ist sie die einzige hauptberufliche Feuerwehrfrau in Speyer und erzählt im Gespräch mit der RHEINPFALZ, wie sie zu ihrem Beruf fand und welche Eigenschaft als Feuerwehrfrau von Vorteil sein kann.

Nur 1,41 Prozent aller hauptamtlichen Feuerwehrleute sind laut des Deutschen Feuerwehrverbandes Frauen, Stand im Dezember 2017. In Speyer stimmt auch diese Quote nicht ganz: Die 22-jährige Selina Birnbaum ist die einzige Frau in der Speyerer Berufsfeuerwehr, alle ihre 35 Kollegen sind männlich. Stören tut Birnbaum das jedoch nicht im Geringsten: „Ich hatte hier nicht einmal eine Situation, in der ich mich benachteiligt gefühlt habe. Wir arbeiten hier als Team zusammen, jeder gehört dazu, und die Kameraden haben mich direkt sehr gut aufgenommen. “

Mit dem Fahrrad zu Arbeit

Seit dem Frühjahr 2019 ist Birnbaum nun in Speyer, nachdem sie ihre Grundausbildung am Frankfurter Flughafen abgeschlossen hatte, seit Ende des Jahres wohnt sie sogar in der Domstadt. „Ich kann endlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, das ist ein großer Vorteil“, meint die gebürtige Hessin. Eine lange Geschichte verbindet sie mit der Feuerwehr: Bereits mit 13 Jahren ist sie in die freiwillige Feuerwehr eingetreten. „Damals kam ich durch meine beste Freundin dazu. Später traten dann auch meine Eltern ein, wir sind mittlerweile also eine richtige Feuerwehrfamilie. Mit 17 konnte ich auch auf Einsätze mitgehen, und nach dem Abi habe ich direkt die Ausbildung begonnen.“ Zunächst war sie in einer Werksfeuerwehr stationiert. Dort habe ihr die Abwechslung gefehlt. „Denn das ist es, was mir an diesem Beruf eigentlich so gefällt“, so Selina Birnbaum. „Wir arbeiten nie nach dem Schema F, jeder Einsatz fordert uns neu, verlangt Einfallsreichtum und Kreativität und kein Tag gleicht dem anderen.“

Kreativität ist notwendig

Die notwendige Kreativität sei es auch, die den Beruf der Feuerwehrfrau eigentlich besonders attraktiv mache, sagt Birnbaum und verweist auf eine Geschichte aus ihrer Ausbildung. „Wir waren zwei Frauen im Ausbildungsjahrgang, meine Kollegin war noch kleiner als ich, und ich bin mit meinen 1,67 Metern schon nicht wirklich groß. Sie kam mit ihrem Ausweis nicht an den Drücker, befestigte diesen daher an einem Selfiestab und löste so das Problem.“ Ideen seien häufig gefordert, „und das ist doch etwas, das wir Frauen besonders gut können, nämlich kreativ sein“, sagt Birnbaum und lacht.

Doch so einfach ist es nicht immer. Neben der großen physischen Belastung, der Feuerwehrleute täglich ausgesetzt sind, hat auch die junge Frau schon Situationen erlebt, die ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen: „Genau heute vor zwei Jahren wurden wir, damals war ich noch bei der Freiwilligen Feuerwehr, zur Reanimation eines Teenagers als Verstärkung dazugerufen. Bis heute denke ich noch oft an diese Bilder, so etwas kann man nicht vergessen.“ Als Ausschlusskriterium sieht sie solche Momente aber nicht. „Manchmal denke ich, jetzt habe ich meine Grenze erreicht, jetzt kann ich nicht mehr. Aber dieser Beruf hat mir gezeigt, dass Grenzen oft gar keine sind, dass man doch so viel mehr schafft, als man denkt. Das ist ein gutes Gefühl.“

Auch dass sie kleiner ist als ihre Kollegen, ist für Selina Birnbaum kein Hemmnis: „Wo ich zu klein bin, helfen mir meine Kameraden, vieles kann man mit Kraft wettmachen.“

Mehr Aufklärung nötig

Auf die Frage, weshalb der Prozentsatz an Frauen in der Berufsfeuerwehr so gering ist, antwortet Selina Birnbaum: „Ich glaube, viele schrecken davor zurück, dass die Feuerwehr so lange eine reine Männerdomäne war. Es müsste noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, gerade bei jungen Mädchen. Und natürlich ist es körperlich anstrengend, man muss wirklich fit sein. Aber ich glaube, dass viele Frauen das packen würden. Man bekommt so viel im Gegenzug, die Kameradschaft und die Loyalität, die hier herrschen, sind einmalig.“

Wenn Birnbaum nicht arbeitet, verbringt sie die Zeit am liebsten mit ihrem Freund und ihren Tieren: Sie habe ein Fohlen und einen Hund, erzählt sie. „Zufällig steht das Pferd, das auf den Namen ,Coco Bean’ hört, ganz in der Nähe der Feuerwache.“

„Es ist völlig gleich, ob eine Frau oder ein Mann im Einsatz sind, solange er oder sie seine Leistung erfüllen.“ Feuerwehrinspekteur Michael Hopp sieht die Zusammenarbeit beider Geschlechter „ganz pragmatisch“. Es gebe keinen Geschlechterbonus, schon gar nicht werde ein Einsatz danach ausgerichtet, ob Frauen im Zug sind, der kommandiert wird, betont er. Weil die Feuerwehr lange Männerdomäne war, habe es hinsichtlich fehlender Sanitär- und Umkleideräume großen Nachholbedarf gegeben. Das Problem sei inzwischen gelöst. Unter den derzeit 102 ehrenamtlichen Wehrleuten sind laut Hopp 18 Frauen, unter den 36 Hauptamtlichen ist Birnbaum derzeit noch allein.

„Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn auch mehr Frauen den Weg zur Feuerwehr und weiteren Blaulichtorganisationen finden würden. Denn ich bin davon überzeugt, dass Frauen bei der Feuerwehr in allen Tätigkeitsfeldern gebraucht werden und ihren Beitrag zusammen mit den Männern leisten können“, sagte Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) auf Anfrage.

Eine Bereicherung

Dazu brauche es zum einen die Bereitschaft in der Feuerwehr, die ist in Speyer da, „und es braucht Vorbilder wie Selina Birnbaum, die seit April 2019 hauptamtlich bei der Feuerwehr Speyer tätig ist und zeigt, dass es geht und die mit ihrer Kompetenz und ihren persönlichen Eigenschaften unsere Feuerwehr bereichert“, urteilt die erste Frau der Stadt über diese Mitarbeiterin.

Im Kreis ihrer Kameraden (Dritte von links): Selina Birnbaum.
Im Kreis ihrer Kameraden (Dritte von links): Selina Birnbaum. Fotos: Feuerwehr Speyer
Der Arbeitsplatz von Selina Birnbaum: die Feuerwache in der Industriestraße.
Der Arbeitsplatz von Selina Birnbaum: die Feuerwache in der Industriestraße. archivfoto: Lenz
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