Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyerer Experte: Unter Tage größtes Tanklager stillgelegt

53 Meter lang: Arbeiten im Inneren eines der großen Tanks.
53 Meter lang: Arbeiten im Inneren eines der großen Tanks.

Die Wartungs- und Prüfungsdienst GmbH (WPD) am Neuen Rheinhafen ist keines der ganz bekannten Speyerer Unternehmen. Dennoch stemmt sie ein einzigartiges Projekt. Sie schließt jetzt den größten Auftrag ihrer 62-jährigen Geschichte ab: die technische Stilllegung des weltgrößten unterirdischen Tanklagers, errichtet von den Nationalsozialisten.

„Die ersten zwei Wochen war ich fast nur mit dem Auto auf dem Gelände unterwegs, um mich zurechtzufinden“, erzählt Wolfgang Zettler. Seit inzwischen acht Jahren lebt der Ludwigshafener WPD-Mitarbeiter (auch) in Norddeutschland. Als Betriebsleiter koordiniert er die Stilllegung des Tanklagers Bremen-Farge. 320 Hektar umfasst das Gelände an der Weser, auf bremischer und niedersächsischer Fläche gelegen. Es ist damit doppelt so groß wie das Fürstentum Monaco oder – wie es Zettler ausdrückt – „so groß wie die BASF in Ludwigshafen, nur unterirdisch“. Die Liegenschaft der Bundeswehr ist von 7,5 Kilometer oberirdischen und 125 Kilometer unterirdischen Leitungen durchzogen.

Um jeden einzelnen Schieber, um jedes Ventil mussten sich in den vergangenen acht Jahren Zettler, die 16 WPD-Mitarbeiter in Farge und diverse Fremdfirmen kümmern. Vor allem ging es aber um die 78 riesigen Kerosintanks 16 Meter in der Tiefe. Vier Millionen Liter fasst jeder der Behälter mit 53 Meter Länge und 16 Meter Durchmesser. „Wie liegende Cola-Dosen“, erklärt Zettler die Anordnung. „Kathedralen aus Stahl und Beton“, nennt das die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), die das Gelände Ende Juni vom WPD übernehmen wird. „Ich habe sie explosionsfrei gemacht“, berichtet Zettler. Auch wenn seit einigen Jahren kein Kerosin mehr darin gelagert werde, gasten Tanks noch über Jahrzehnte aus. Ein Funke könnte verheerend sein. Reinigen und Versiegeln im Mega-Maßstab war unter anderem angesagt.

Tarnname: Wasserberg

Die Geschichte des Tanklagers ist bewegt. Die Nationalsozialisten ließen es von 1935 bis 1943 bauen. Lange war es geheime Kommandosache, auch der Einsatz von Zwangsarbeitern. Tarnname: Wasserberg. Der Gigantismus in Kruppstahl blieb trotz eines britischen Luftangriffs 1945 weitgehend intakt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die US-Armee das Depot, 1960 ging es an die Bundeswehr über. Sie versorgte von dort ihre Luftwaffengeschwader mit Flugbenzin. Irgendwann fiel die Entscheidung, dass es nicht mehr benötigt würde und verkauft werden sollte. Später hieß es dann allerdings „Kommando zurück“: Der Verkaufsprozess wurde abgeblasen, der Rückbau vom Bundestag beschlossen. Auf 400 bis 500 Millionen Euro wurde das Gesamtprojekt schon damals geschätzt.

„Zu groß, zu teuer“, erklärt Zettler die damalige Entscheidung gegen den Verkauf, die bald politisch angegriffen wurde. Auch der Speyerer Betriebsleiter und WPD-Geschäftsführer Carsten Bresser zeigen sich im Rückblick verwundert über die Entscheidung an höchster Stelle. „Das hätte noch 100 Jahre weiterbetrieben werden können“, sagt Zettler über den Zustand vor Ort.

Jetzt folgt auf die technische Stilllegung der Rückbau vor allem der oberirdischen Anlagen, für den weitere acht Jahre angesetzt sind. Möglicherweise werde der WPD auch dabei mit einzelnen Gewerken beauftragt. Auch hier gebe es ein Novum, so Zettler: Die riesigen Tanks würden nicht ausgebaut („das würde eine Mondlandschaft“) oder etwa mit Sand verfüllt, sondern blieben leer im Boden liegen. Nur die Eingänge würden verschüttet, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Das bewaldete und heute noch eingezäunte Gelände könnte als Biotop entwickelt und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden, laute eine Überlegung.

Respekt erarbeitet

Wenn sich künftig Spaziergänger zwischen den früheren Bunkereingängen bewegen können, ist das auch ein Verdienst von WPD-Mann Zettler und seinen Leuten. „Wir haben uns dort Respekt erarbeitet, weil in all der Zeit nichts vorgefallen ist“, sagt er. Nicht nur er als Pfälzer sei kritisch beäugt worden, sondern das gesamte Projekt, berichtet er: Vor allem die nicht weit entfernten Anwohner hätten Umweltschäden gefürchtet. Dazu kamen Bombenreste aus dem Krieg und ein Wasserschaden, der saniert werden muss, weil einst Kerosin ausgelaufen war – keine WPD-Angelegenheit.

Die Speyerer Firma mit insgesamt 60 Mitarbeitern, aus dem benachbarten Ventilexperten Bopp & Reuther hervorgegangen, und der in Bau und Prüfung von Tanklagern erfahrene Maschinenbautechniker Zettler hätten den Großauftrag erhalten, weil sie es können und „weil es kein anderer machen wollte“, wie Zettler sagt. Die Speyerer haben die Mühe nicht gescheut – und ganz nebenbei die Bremer mit dem Dubbeglas vertraut gemacht, wie der Betriebsleiter nicht vergisst zu erwähnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Von außen: Die Zugänge sollten aus der Luft nicht sichtbar sein.
Von außen: Die Zugänge sollten aus der Luft nicht sichtbar sein.
Die Verantwortlichen vor der Speyerer Firmenzentrale: Carsten Bresser (links) und Wolfgang Zettler.
Die Verantwortlichen vor der Speyerer Firmenzentrale: Carsten Bresser (links) und Wolfgang Zettler.
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