Speyer
Speyerer Ärztin: „Corona-Pandemie ist einschneidend für unsere Generation“
Muth ist überzeugt, dass Speyer und die Welt das Virus überstehen werden. Anfang, spätestens Mitte kommenden Jahres werde es einen Impfstoff gegen das Virus geben. Bis dahin aber gelte es, die allgemeinen Hygieneregeln einschließlich Abstandsgebot und Maskennutzung in geschlossenen Räumen zu beachten. „Nicht zu vergessen das Lüftungsgebot“, betont sie. Klar sei, dass die Pandemie tiefgreifende Folgen haben werde. Wie hoch die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden sein werden, sei im Moment nicht abzuschätzen. Ein weiter Lockdown sei gegenwärtig nicht zu erwarten. „Wir können Hotspots früher erkennen und abgrenzen. Sicherlich ist auch die Corona-App ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel.“
Die Medizinerin geht nicht davon aus, dass in Speyer Verhältnisse wie rund um die Fleischfabrik Tönnies in Nordrhein-Westfalen oder in Göttingen entstehen können. Prekäre Massenunterkünfte seien ihr in Speyer nicht bekannt. Auf alle Fälle sollte man im Vorfeld solche Einrichtungen testen. „Die Stadt Speyer reagiert aktuell sehr schnell auf Verdachtsfälle, die Kommunikationswege sind kurz“, lobt sie.
Feuerwehr, Schausteller und unzählige Freiwillige, darunter ihre Mediziner-Kollegen, aber auch Mitarbeiter der Stadt hätten bei der Bewältigung der Corona-Situation hervorragend zusammengearbeitet. „Dieser Zusammenhalt ist überwältigend“. so Muth. Sie gehe davon aus, dass im Bedarfsfall alle wieder zum Einsatz bereit wären. Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) kommt in der Bilanz der CDU-Stadträtin Muth besonders gut weg: „Sie hat die Notwendigkeit der Maßnahmen sofort erkannt und sich persönlich für deren Umsetzung eingebracht. Sie hat uns in allen Belangen komplikationslos unterstützt und war immer für uns erreichbar. Mitarbeiter der Verwaltung wurden für die Corona-Ambulanz freigestellt, außerdem weitere infrastrukurelle Maßnahmen mithilfe DRK und Feuerwehr eingeleitet. Die Ambulanz wurde zur Chefinnen-Sache.“
Die aktuelle Corona-Pandemie sei noch nicht vorbei, neue Pandemien seien zu erwarten, unterstreicht Muth. „Letztlich sind die Überbevölkerung und die damit verbundene Umweltschädigung verantwortlich.“ Sie fordert ein Umdenken auch in der Stadt- und Raumplanung sowie einen europäischen Pandemieplan, der auch der Bevölkerung bewusst ist, „damit auch eine persönliche Vorsorge betrieben werden kann“.
Interview : „Einschneidend für unsere Generation“
Die Anzahl der Corona-Infektionen steigt in Speyer seit wenigen Tagen wieder leicht an. Die Pandemie ist nicht vorbei. Warum Speyer dennoch bisher gut damit zurechtkam, die Anfänge aber schwer waren, sagt Ärztin Maria Montero-Muth im Gespräch mit Stefan Keller. Die Disziplin der Bürger hat dabei geholfen.
Wir stehen in der Region aktuell doch ganz gut da, gemessen an der Anzahl der Fälle, der Toten, der Genesenen. Sehen Sie das auch so und woran liegt das?
Erfreulicherweise sieht die Statistik unserer Region gut aus. Inwieweit tatsächlich alle Todesfälle erfasst wurden und wie hoch die Dunkelziffer ist, kann ich nicht abschätzen.
Wann war für Sie als Medizinerin erstmals erkennbar, dass mit dem Coronavirus auch etwas Großes auf Speyer zukommt?
In der Woche vor Karneval haben wir daran gedacht, als aber die Rückkehrer aus Österreich und Norditalien mit Symptomen in die Praxis kamen, holte uns die Realität schnell ein. Wir arbeiteten wie alle Praxen erst ohne Schutzausrüstung. Preise für persönliche Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel stiegen sprunghaft, nichts war lieferbar, Improvisation angesagt. Erfreulicherweise halfen Thor-Chemie und BASF mit Desinfektionsmitteln aus.
Wann ist Ihnen bewusstgeworden, dass die „normale“ medizinische Infrastruktur in Speyer für das Bewältigen der Corona-Pandemie nicht ausreicht?
Im März startete der mobile Corona-Dienst der KV (Kassenärztliche Vereinigung Rheinland Pfalz). An den ersten Diensten nahm ich teil: Es stellte sich heraus, dass viele Covid-19-positive, aber nicht lebensbedrohlich erkrankte Patienten nicht von ihren Praxen vor Ort versorgt werden konnten. Es fehlte überall an Schutzausrüstung. Kollegen hatten verständlicherweise auch Angst vor quarantänebedingter Praxisschließung, was letztlich die Versorgung der Restbevölkerung gefährdet hätte.
Wie haben Sie die notwendigen freiwilligen Mitstreiter gefunden?
Das war in Speyer nicht schwer, wir haben einen sehr guten kollegial-freundschaftlichen Draht untereinander, und das Bürgerengagement ist herausragend. Viele ehrenamtliche Helfer und Ärzte erklärten sich bereit, im Abstrichzentrum und der Corona-Ambulanz mitzuarbeiten. All ihnen sei ausdrücklich gedankt.
Wie wichtig war die Kassenärztliche Vereinigung beim Aufbau der Ambulanz?
Die KV startete einen Aufruf zur Gründung der Ambulanzen und hat uns über das Bundesgesundheitsministerium Schutzausrüstung besorgt. Allerdings mussten wir initial auf Bestände des DRK und der Feuerwehr zurückgreifen, die uns dankenswerterweise tatkräftig unterstützt haben.
In Speyer gibt es neben Ihren Hausarztkollegen eine Kombination aus Abstrichzentrum, Ambulanz und – bis jetzt noch nie gebraucht – einer Extra-Klinik für stationäre Patienten nach der Intensivphase. Hat diese Mischung den bisherigen Erfolg gesichert?
Der Schutz der Praxen vor infizierten Patienten war und ist sinnvoll. Somit konnten Patientenströme Covid-19-positiver Patienten von den Kliniken ferngehalten werden. Ich glaube, die ambulante Gesundheitsversorgung in Deutschland hat die größte Katastrophe verhindert. Lokal besonders hervorzuheben sind die Kollegen Peter Bengert und Harold Ritthaler, sie haben mit anderen Kollegen ein Konzept zum Schutz der Altenheime entwickelt und sofort umgesetzt.
Wie beurteilen Sie das Verhalten der Speyerer in den vergangenen drei Monaten?
Der Lockdown hat die Bürger für die Problematik sensibilisiert. In unserer Praxis waren die Patienten sehr diszipliniert. Ich glaube, das gilt auch für die übrige Stadt.
War der Lockdown in dieser Form notwendig?
Das ist ja auch unter Bürgern und Virologen durchaus strittig. Der Lockdown hat die Dynamik gebremst. Natürlich hätte man vieles anders machen können, aber es war schließlich unsere erste Pandemie, und ich hoffe, wir lernen daraus. Für unsere Generation ist es ein einschneidendes Ereignis. Das Schlimmste konnte bisher verhindert werden. Ein Blick in unsere Nachbarländer und den Rest der Welt zeigt, wie gut die Pandemie bisher bei uns abgefangen werden konnte.
Wenn die Infektionszahlen drastisch steigen sollten, wie schnell ist die Ambulanz wieder einsatzbereit?
Wir haben eine kurze Vorlaufzeit, am nächsten Tag geht es wieder los.
Was hat Sie dazu bewogen, sich so reinzuhängen? Das war doch auch eine körperliche Belastung für Sie wie für Ihre Kollegen und Helfer.
Das ist unser Job. Ich hatte die Bilder des Massensterbens in anderen Ländern vor Augen, das gilt es zu vermeiden. Es war vor allen Dingen eine gute Teamarbeit, besonders auch die Schwestern der Ambulanz waren immer zur Stelle mit Rat und Tat. Zahlreiche ihrer Ideen aus diesem Kreis sind im Zuge der Arbeit unmittelbar umgesetzt worden. Speyer hält eben zusammen.
Zur Person: Dr. Maria Montero-Muth
Dr. Maria Montero-Muth ist Internistin und Allgemeinmedizinerin und führt ihre Praxis seit mehr als 20 Jahren in Speyer. Die gebürtige Spanierin ist verheiratet mit dem Speyerer Kardiologen und Allgemeinarzt Dr. Thomas Muth. Sie ist Mutter zweier Kinder. Muth sitzt für die CDU im Stadtrat Speyer und war eine treibende Kraft bei der Einrichtung der Corona-Ambulanz in Speyer. Sie hat in der Einrichtung auch selbst regelmäßig Dienste übernommen.
RHEINPFALZ-Kommentar von Stefan Keller:
Die Fleischfirma Tönnies, Göttingen, Berlin, seit Samstag auch Schwegenheim zeigen es: Die Bedrohung durch das Coronavirus ist noch nicht vorbei. In Speyer war nur eine Woche lang Pause. Von Donnerstag auf Freitag sind drei Fälle hinzugekommen. Abstand und Maskentragen bleiben unverzichtbar. Die Strategien, um die Ausbreitung in Schach zu halten, sind bisher aufgegangen. Neben den medizinischen (Zusatz)-Einrichtungen hat die Disziplin der Bevölkerung geholfen. Die darf nicht nachlassen.