Speyer
Speyer: Reiche Ernte im Strebergarten – Verhinderte Stilblüten
Die Stilblüte ist ein gar nicht so seltenes Pflänzchen, das beim Betrachter oft große Erheiterung hervorruft. Die meisten dieser lustigen Verschreiber oder missverständlichen Sätze in Texten, die in diesem Jahr auf den Bildschirmen der Lokalredaktion zu lesen waren, wurden rechtzeitig getilgt, bevor sie in der Zeitung erschienen sind. Gesammelt haben wir sie trotzdem.
Die Stilblüte gedeiht auf vielen Böden. Sprich: Sie fühlt sich in allen Ressorts einer Zeitung und in den verschiedensten Themenbereichen wohl. Auch in ernsten Angelegenheiten schafft die Stilblüte ihre Wurzeln zu schlagen. Beispiel: Verbrechen und andere Unglücke. In diesem Jahr hatte sich eine Stilblüte in einen Bericht über eine Veranstaltung von Polizei und Verbandsgemeinde zum Thema Wohnungseinbruch in Dudenhofen eingeschlichen: „,Ich habe gelernt, wie und wann ich am besten einbrechen kann', fasste eine Dudenhofenerin ihren Eindruck von der Präventionsveranstaltung zusammen.“ Ob die Dame tatsächlich auf Beutezug gegangen ist, bleibt im Dunkeln.
Es ist zu hoffen, dass die jungen Leute, die sich in Lingenfeld offenbar regelmäßig zum Lernen im Grünen treffen, nicht ebenfalls auf die schiefe Bahn geraten: „In einem Strebergarten im Bereich In den Lachenäckern war es zu einem Brand gekommen“, berichtete die Polizei vor einigen Monaten. Hier ist schön zu sehen, wie das Vertauschen weniger Buchstaben – t statt ch – im Nu eine Stilblüte gedeihen lassen. Auch das Weglassen von Buchstaben kann diesen Effekt haben, wie an einer Polizeimeldung aus dem November zu sehen ist: „Zu einer Verkehrsunfallfluch kam es im Zeitraum 16. bis 17. November auf einem Parkplatz in der Landauer Straße“, hieß es da. Welcher Fluch den Unfallverursacher ereilte, ob Geldnöte, Gewissensbisse oder Punkte in Flensburg, verriet die Polizei nicht.
Trainer wird zur Sitzgelegenheit
Auf regelrechte Stilblüten-Wiesen stößt unser Sportredakteur immer wieder. Freilich werden die meisten Pflänzlein sofort gepflückt, bevor sie den Weg in die Zeitung finden können. Zu seinen Entdeckungen in diesem Jahr gehörte etwa die „Rheinland-Pfalz-Rallye-Meistersaft“. Ob dieser den Gewinnern der Meisterschaft kredenzt wurde? Aus dem harmlosen Wörtchen Meisterschaft lassen sich noch weitere Stilblüten züchten, wie zum Beispiel die vom AV Speyer ausgerichtete „Südwestmisterschaft“, was mehr nach Mister-Germany-Wettbewerb als nach sportlichem Wettstreit klingt. Manche Stilblüten-Art taucht in ähnlicher Form immer wieder auf. Da wird aus dem englischen Coach – also Trainer – gerne mal eine Sitzgelegenheit. So war dieses Jahr in Texten, die die Redaktion erreicht haben, schon einmal von einem Volleyball-„Couch“ oder gar von einem „Headcouch“ die Rede. Der Stilblüten-Variantenreichtum im Sport ist schier unendlich. So wurden in diesem Jahr auch Stürmerinnen in „Hockform“ oder „Türhüter“ auf Fußballplätzen gesichtet. Und dann war da noch der „ungezwungene Tabellenführer SG Neuwied/Andernach“. Ob es im Norden von Rheinland-Pfalz wirklich so locker zugeht und auf Förmlichkeiten wie Trikots verzichtet wird, das wissen wir nicht.
Ganze Pracht im Kontext
Manche Stilblüte entfaltet ihre Pracht nur im Kontext. So war es bei einem Text über ein Buch-Casting an einer hiesigen Schule. Darin hieß es ursprünglich, die Bücherei-Leiterin habe „Werke ausgesucht, die meist sowohl Mädchen als auch Jungen ansprechen, oft sind sie dick, manche etwas schlanker“. Natürlich waren mit dieser Beschreibung die Bücher gemeint. Oder haben Sie etwas anderes gedacht?
Bleiben wir beim Thema Missverständliches: Bei einem Text über die beiden neuen Schwegenheimer Beigeordneten hieß es, diese sehen „das neue Kita-Gesetz mit einem Anspruch auf eine siebenstündige Betreuung am Stück pro Tag und ein Mittagessen mit Bauchschmerzen“. Nun wollen wir nicht hoffen, dass es nach der Gesetzesnovelle zu Mittag nur noch Süßigkeiten für die Kleinen in den Kitas gibt und es in der Folge regelmäßig zu Klagen über Magenprobleme kommt. Das Thema Essen berührte auch folgende Stilblüte, die dahingehend gelesen werden könnte, dass in Hanhofen der Kannibalismus Einzug gehalten hat: „Appel und Janz gingen in eine Volksschulklasse und kochen sich selbst“ lautete der betreffende Satz über den Seniorennachmittag. Und wenn wir gerade bei Unappetitlichem sind: Fast wäre der Römerberger „Club 33 ,Nur die Hade'“ in diesem Jahr zu „Club 33 ,Nur die Made'“ geworden.
Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, für die Stilblüte war 2019 wieder ein gutes Jahr. Weder Wandel des Klimas noch der Medienlandschaft können ihr offenbar etwas anhaben. Und so freuen wir uns schon auf reiche Ernte im neuen Jahr 2020.