Speyer
Speyer: Nora Beisel und George Leitenberger in Ullis Wohnzimmer
Eigentlich sollte man annehmen, dass die hiesige Liedermacherszene so überschaubar ist, dass sich zwei dem selben Metier zugehörige Künstler kennen müssen, aber tatsächlich lernten sich Beisel und der aus Berghausen stammende Zehfuss erst in Berlin kennen. Eigentlich wäre an der Stelle ein kleiner Scherz über die historisch gewachsene, nachbarschaftliche Rivalität zwischen den beiden Römerberger Gemeinden fast unausweichlich. Trotz der schier unüberbrückbar scheinenden sozio-kulturellen Differenzen und den geograpisch bedingten immensen Höhenunterschieden sprachen der Berghäuser und die Mechtersheimerin in ihren Liedern die gleiche Sprache, von Rivalität keine Spur.
Traum einer Schildkröte
Allerdings geriet der Einstiegsplausch auf dem Sofa zwischen den drei Musikern etwas hölzern, die ein oder andere unfreiwillige Gesprächspause zeugte davon, doch schnell machten sie sich einen Jux daraus und brachten sich mit absichlich einsilbigen Antworten aus dem Konzept, bis Nora Beisel quirlig die Gesprächsfäden in die Hand nahm.
Wie gut das Trio in Wirklichkeit harmonierte, konnten sich die zahlreichen Besucher, das philip eins war wieder weit üppiger gefüllt als bestuhlt, im letzten Stück vor der Pause anschauen, als alle drei quasi ungeprobt Nora Beisels Lied über den Traum einer Schildkröte zusammen vortrugen. Diese Schildkröte, Ina, kommt in einen Zoo und sofort sind die anderen Tiere von skeptisch über abwehrend bis hin zur Feindseligkeit überzeugt, dass die Fremde nicht ins Gehege gehöre.
Tolle Technik
Flüchtlingsschicksale, Migrantenbiografien, diese Themen sind bei Nora Beisel ebenso zentrale Motive der Lieder wie auch bei Zehfuß und Leitenberger. Besonders bemerkenswert bei der Wahl-Kölnerin und angehender Musikpädagogin ist die ausdrucksstrake und variable, einfühlsame Stimme. Während Liedermacher in der Tradition von Wader, Mey oder Biermann doch eher von ihrem Charisma und ihrer Persönlichkeit die Stücke tragen lassen, verfügt Nora Beisel über eine tolle, technisch gut ausgebildete Stimme.
Leiteberger hingegen kommt mit einem schnodderigen Charme stärker über die Inhaltsebene zu seinem Stil. Auch bei seinem Stück über die Menschen von „weit her und doch eigentlich von nebenan“ formuliert sein Lied die große gesellschaftliche Frage, wie wir mit Zuwanderung einerseits und „den fremden“ andererseits umgehen. Sehr direkt geht es da zur Sache, da werden auch mal welche „vom Hai gefressen“ nimmt der weitgereiste kein Blatt vor den Mund, im Gegenteil, hie und da klingt sogar Wader durch, wenn er etwas Protest in die Stimme legt, der noch bei seinem Stück über vergangenen Glanz im Grandhotel in zynischem Charme zwischen den Zeilen schlummerte.
Die Magnolienzeit
Im Rahmenprogramm sorgte dann Zehfuss selbst mit Ausblicken auf seine demnächst neu erscheinende CD für die Farbtupfer. Magnolienzeit steht vor der Tür und sein Lied über diese flüchtige Jahreszeit wird im Laufe dieser Woche zumindest über die Streamingplattformen erhältlich sein.