Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyer: Manfred Theisen liest aus seinem neuen Roman für Jugendliche

Kommt am 12. Februar nach Speyer: Manfred Theisen.
Kommt am 12. Februar nach Speyer: Manfred Theisen.

Der Kölner Autor Manfred Theisen bringt zur Reihe Speyer.Lit ein Buch mit, das noch gar nicht erschienen ist. “Uncover – Die Trollfabrik“ heißt der Roman für Jugendliche, und er liest sich wie ein Thriller. Ellen Korelus-Bruder hat mit Theisen über “alternative Fakten“, ihre Mechanismen, Gefahren und Folgen gesprochen.

Herr Theisen, wo sind Sie virtuell anzutreffen?
In den gängigen Netzwerken wie Facebook oder Instagram.

Sind Sie dort auch schon virtuellen Trollen begegnet?
Wer auf den einschlägigen Netzwerken unterwegs ist, ist oft mit Trollen konfrontiert. Die Frage ist nur, ob er oder sie es bemerkt.

Wie gehen Sie mit Hass-Kommentaren um?
Ignorieren, falls es nicht zu heftig wird. Ansonsten anzeigen.

Nehmen Jugendliche die lauernde Gefahr im Internet ernst genug?
Das Problem ist nicht, ob sie sie ernst nehmen. Sie handeln nicht danach. Schließlich will keiner ausgeschlossen sein, alle wollen mitmachen, viele haben Langeweile und so posten und tun und machen sie - und ignorieren dabei die Konsequenzen. Es ist eine Form der Verdrängung.

Sie waren Osteuropa-Korrespondent. Ist der Einfluss Russlands wirklich so gefährlich wie im Buch beschrieben?
Wir sollten den Einfluss nicht unterschätzen. Es ist schlichtweg russische Propaganda. 2003 wurde erstmals von Trollarmeen berichtet. Wir nannten sie damals noch Web-Brigaden. Seit 2013 - also mit der Ukraine-Krise - wurde der Einfluss immer deutlicher. Sie erinnern sich vielleicht an den Fall Lisa im Jahr 2016. Die 13-Jährige aus einer russlanddeutschen Familie in Berlin wurde vermisst. Schnell wurde daraus im Netz eine Entführung, der russische Außenminister tat so, als müsse Moskau die „Russen“ in Deutschland beschützen und schon standen Deutsche, die sich irgendwie auch noch russisch fühlen auf der Straße und demonstrierten. Am Ende kehrte das Kind zurück und war nicht entführt worden. Die Trolle hatten ganze Arbeit geleistet. Es geht um Zwietracht, die gesät wird, es geht darum, die Diskussionskultur zu verrohen, Fakten zu verdrehen, zu beschleunigen und immer wieder zu spalten. Es ist die alte Geschichte von Teile und Herrsche. Auch in Deutschland kommen wir mehr und mehr zu einer Konfrontationskultur. Wir reden nicht mehr miteinander sondern gegeneinander.

Gibt es überhaupt Möglichkeiten, solchen Entwicklungen zu entkommen?
Wir müssen die Strukturen offenlegen, den Menschen erklären, was gerade passiert. Was Trolle sind, wie sie arbeiten. Das habe ich im Roman einfließen lassen. Schließlich kann sich nicht jeder Bürger um die Veränderungen in der Politik oder im Netz kümmern. Wir müssen informieren. Schriftsteller haben heute einen anderen Job als noch vor 20 Jahren. Wir brauchen Journalisten, die nicht zählen, wie oft der amerikanische Präsident oder der englische Premier lügt, wir brauchen Journalisten, die uns klar machen, dass die Lüge der Provokation dient. Je mehr wir uns über die Lügen aufregen, desto mehr freut sich der Provokateur. Wir sollten den Lesern und Zuhörern klar machen, dass hinter einer „seriösen Zeitung“ oder einem „seriösen Sender“ die Journalisten sich zur „Achtung vor der Wahrheit“ verpflichtet haben. Wir müssen den Schülern klar machen, dass Lehrer ihnen Kompetenzen beibringen, die grundlegend für jede Medienkompetenz sind. Lesen! Verstehend lesen!

Wie passen Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz in die „Trollfabrik“?
Trolle sind für einfache Lösungen, nicht für die Komplexität der Demokratie. Nehmen wir folgende Frage: Hat der Mensch eine Mitschuld am Klimawandel? Wenn ich diese Frage mit „ja“ beantworte, dann habe ich ein Problem. Ich muss überlegen, wo ich mich verändern kann. Wenn ich die Frage mit „nein“ beantworte, habe ich kein Problem.

Was gefällt Ihnen in der digitalen Welt?
Dass sie mein Leben beschleunigt hat. Ich bin neugierig, durfte als Journalist Recherche lernen. Das Netz macht mich ruhig. Ich weiß, dass es andere Menschen nervös macht, dass sie sich von einer Informationsflut überwältigt fühlen. Ich komme mir eher vor wie auf einem Informationsfluss, ganz ruhig im Kanu. Manchmal möchte ich gegen den Strom rudern und merke, aber, dass es immer schwieriger wird.

Wie sollen Jugendliche richtige Entscheidungen in der virtuellen Welt treffen?
Nicht klicken, sondern entscheiden. Sich Zeit zum Denken lassen, abwägen, nicht sofort beurteilen, sich nicht nur mitreißen lassen, sondern Texte ganz und vernünftig lesen. Durch das Handy entscheiden wir ständig, klicken hier und dahin, meist hat es keine Konsequenz, klick, klick, klick...

Wozu wollen Sie dem jungen Speyerer Publikum raten?
Nutzt eure Lehrer aus, habt nicht nur Spaß, sondern bleibt neugierig, nehmt euch Zeit für die Dinge, lest mehr die kleinen Buchstaben, hört euch die langen Sätze an, lasst euch nicht von Lügen provozieren, bleibt einfach dran statt sofort das nächste anzuschauen. Zwingt die Eltern, mit euch zu diskutieren. Lasst euch nicht ruhig stellen, bliebt wachsam. Die Instagram-Influencerin sagt euch, dass ihr nur schön sein sollt. Sie will euch was verkaufen, Klamotten und einen glatten Lebensstil. Seid nicht so dumm. Und lasst euch vor allem nicht gegeneinander aufhetzen, denn ihr gehört zusammen! Irgendwelche Populisten und Trolle sollen uns nicht kapern. Sonst klappt das nicht mit dem friedlichen und humanen Staat. Okay. Das ist in etwa, was ich mir selbst und dem Publikum rate. Naja, vielleicht ist es gerade auch ein bisschen mit mir durchgegangen. Ansonsten hoffe ich, dass sie die Story einfach spannend finden. Ich freue mich schon.

Kann man das Buch nach der Lesung schon kaufen?
Es kommt erst im März auf den Markt. Aber bestellen kann man es schon.

Termin

Mittwoch, 12. Februar, 11 Uhr, Heiliggeistkirche, Speyer, Johannesstraße 6. Eintritt: fünf Euro, ermäßigt drei Euro. Anmeldung für Schulklassen per E-Mail an die Stadtbibliothek Speyer.

Zur Person

Manfred Theisen ist 1962 in Köln zur Welt gekommen. Er studierte Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaften. Theisen war als Korrespondent in Osteuropa, forschte zwei Jahre für das deutsche Innenministerium in der Sowjetunion, gründete einen Entwicklungshilfe-Verein in Äthiopien, arbeitete als Redakteur und leitete eine Kölner Zeitungsredaktion. Heute lebt er als freier Autor in Köln. Auszeichnungen:1995 Auswahl zum „Peter-Härtling-Preis“, Stipendium des 'Stuttgarter Schriftstellerhaus', 2000 Nominiert für den 'NRW-Literaturpreis' in der Sparte Jugendbuch 2002 Stipendium des Außenministeriums für Roman-Recherche über Kindheit und Jugend in Israel/Palästina.

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